Eine Apotheke in Düsseldorf wurde wegen eines fehlenden Vermerks auf einem Rezept retaxiert. Der Verlust beträgt über 600 Euro. „Die Retaxation basiert ausschließlich auf einem formalen Dokumentationsmangel“, ärgert sich die Inhaberin. „Man verlangt von uns, persönlich in die Praxis zu gehen und um einen handschriftlichen Vermerk zu bitten.“ Dieser Fall stehe exemplarisch für ein strukturelles Problem im deutschen Gesundheitswesen.
Konkret geht es um eine Retaxation von der BKK Deutsche Bank in Höhe von 625 Euro. In der Phönix-Apotheke in Düsseldorf wurde ein Rezept vorgelegt, auf dem ein Verbandstoff verordnet wurde. „Dieser war zum Zeitpunkt der Versorgung nicht lieferbar und ist bis heute weiterhin nicht verfügbar“, erklärt Inhaberin Zoya Sepehri. Ein Dekubitus-Patient sollte mit einem hochwertigen Verbandstoff versorgt werden.
„Um die Versorgung des Patienten sicherzustellen, haben wir einen gleichwertigen Verbandstoff eines anderen Herstellers abgegeben“, schildert sie. Es sei die einzig mögliche Alternative gewesen, die man habe abgeben können. „Die Lieferunfähigkeit wurde dokumentiert, die erforderlichen Sonderkennzeichen wurden gesetzt“, so Sepehri. Die Hauptsache: „Der Patient wurde ordnungsgemäß und ohne Verzögerung versorgt“, stellt sie klar.
Die Retaxation erfolgte dennoch mit der Begründung, dass auf dem Rezept „kein Vermerk über eine Rücksprache mit dem verordnenden Arzt“ dokumentiert worden sei. „Besonders problematisch finde ich dabei, dass weder die Versorgung des Patienten noch die Gleichwertigkeit des abgegebenen Produkts beanstandet wurden“, so Sepehri. „Es entstand der Krankenkasse also kein wirtschaftlicher Schaden. Die Retaxation basiert ausschließlich auf einem formalen Dokumentationsmangel.“
So sei nach dem Widerspruch, den Sepehri gemeinsam mit dem Apothekerverband einreichte, ein Schreiben zurückgekommen, in dem es hieß: „Wir hätten persönlich in die Praxis gehen sollen, um einen handschriftlichen Vermerk des Arztes zu erhalten, der unsere Rücksprache bestätigt“, so die Inhaberin.
Dieser Fall stehe exemplarisch für ein strukturelles Problem im deutschen Gesundheitswesen: „Apotheken werden täglich aufgefordert, Lieferengpässe zu kompensieren und pragmatische Lösungen für Patienten zu finden. Gleichzeitig werden sie für genau dieses Handeln finanziell sanktioniert und bestraft“, so die Inhaberin. Mehr noch: „Wieder einmal zeigt sich, wie weit sich manche Krankenkassen von der Versorgungsrealität entfernt haben.“
Für Sepehri stellt sich die grundsätzliche Frage: „Geht es noch um die Versorgung von Patienten oder nur noch um formale Angriffspunkte für Retaxationen?“ Zumal der betroffene Patient die Versorgung zeitnah benötigte. Zu dem fehlenden Vermerk erklärt sie: „Das verordnende Zentrum war ein MVZ. Jeder, der im Gesundheitswesen arbeitet, weiß, dass die Erreichbarkeit eines konkreten Arztes dort nicht immer innerhalb weniger Minuten gewährleistet ist. Teilweise vergehen Stunden oder sogar Tage, bis eine Rückmeldung erfolgt“, so die Inhaberin. „Es ist eine sehr große Klinik. Ich kann doch nicht während des Betriebes dorthin fahren, nach dem Arzt suchen und dann hoffen, dass ich diesen Vermerk bekomme.“
„Hätten wir streng bürokratisch gehandelt, wäre der Patient möglicherweise unversorgt geblieben. Stattdessen haben wir pharmazeutisch verantwortlich gehandelt und eine gleichwertige Versorgung sichergestellt“, erklärt sie. Dass hierfür nun eine Retaxation von 625 Euro ausgesprochen werde, sende ein fatales Signal an Apotheken: „Wer Patienten versorgt, trägt das finanzielle Risiko. Wer Bürokratie über Versorgung stellt, bleibt unbeanstandet“, so Sepehri. Im Übrigen sei der Patient mittlerweile verstorben. „Das Rezept ist vom November letzten Jahres“, erklärt sie.
Die Frage laute daher nicht, „ob ein zusätzlicher Satz auf dem Rezept fehlte, sondern ob ein Gesundheitssystem noch glaubwürdig sein kann, wenn formale Dokumentationsmängel höher gewichtet werden als die tatsächliche Versorgung eines Patienten“. Ein solches System gefährde langfristig nicht nur die wirtschaftliche Existenz vieler Apotheken. „Es gefährdet vor allem die Versorgung der Menschen, die auf schnelle und unbürokratische Hilfe angewiesen sind“, so Sepehri.
Sie muss nun im Prinzip zurück zum verschreibenden Arzt und um den Vermerk bitten. „Ich bin nicht gerade guter Hoffnung. Was soll der Arzt auch denken, wenn ich mit einem alten Rezept komme, das ist alles so unsinnig.“ Zumal die Arztpraxen sich ohnehin schon beschwert hätten, warum man ständig anrufe. „Bei den vielen Lieferengpässen müssen wir öfter nachfragen, das ist nicht angenehm. Wenn wir jetzt noch anfangen sollen, uns persönlich Vermerke auf den Rezepten abzuholen, macht das die Sache nicht leichter“, so Sepehri.