Die Retaxfirma GfS will neue Wege gehen: Apotheken sollen schon vor der Abgabe prüfen können, ob das vorliegende Rezept korrekt bearbeitet wird oder nicht. Ergibt die Echtzeitprüfung keine Bedenken und wird das Rezept korrekt beliefert, gibt das Unternehmen eine Garantie, dass keine Retaxation vorgenommen wird.
Das neue Verfahren basiert auf einer sicheren digitalen Kommunikation zwischen der Warenwirtschaft der Apotheke und dem Prüfsystem des Abrechnungsdienstleisters. Die Apotheke übermittelt das E-Rezept, das anhand des jeweiligen Prüfkatalogs der teilnehmenden Krankenkasse in Echtzeit kontrolliert wird. Je nach Ergebnis erhält die Apotheke eine Rückmeldung in Form eines Ampelsystems: Grün steht für keine Beanstandung, Rot für Fehler. Bei Gelb lässt sich die Sache nicht abschließend klären, etwa was die Noctu-Gebühr angeht.
Erfolgt die Echtzeitprüfung ohne Einwand, erhält das Rezept ein Prüfsiegel, wird im Rahmen der jeweils gültigen Bedingungen direkt erstattet und nicht mehr nachträglich retaxiert. Die Zusage erfolgt im Namen der Kasse.
„Retaxationen und manuelle Nachbearbeitungen führen für Apotheken und Krankenkassen zu erheblichem bürokratischem Aufwand“, begründet GfS-Geschäftsführer Dr. Jamshid Javdani das neue Angebot. Ziel dieses neuen Verfahrens sei es, die Prüfung der Rezepte auf ihre Erstattungsfähigkeit auf wenige Sekunden zu beschleunigen. Denn viele heutige Abläufe stammten noch aus Zeiten klassischer Papierrezepte und führten trotz Digitalisierung weiterhin zu hohem manuellem Prüfaufwand, monatelangen Bearbeitungszeiten und vermeidbaren Retaxationen.
„Durch die frühzeitige digitale Prüfung können Fehlerquellen verringert, Arbeitsprozesse deutlich vereinfacht und die Planungssicherheit für Apotheken erhöht werden“, so Javdani. So entfalle ein erneuter Prüfaufwand im Backoffice, darüber hinaus erhalte die Apotheke frühzeitig mehr Zahlungssicherheit.
Das Modell wurde von GfS gemeinsam mit Pharmatechnik entwickelt. Seit März können die Kundinnen und Kunden des Softwarehauses das Angebot nutzen, rund 4000 Apotheken machen mit. Für sie ist die Teilnahme freiwillig und ohne zusätzliche Kosten.
Bislang beteiligen sich erst zwei Krankenkassen an dem neuen Verfahren, die Mobil Krankenkasse und die Hanseatische Krankenkasse (HEK). Mit weiteren Kassen laufen Gespräche über eine Beteiligung; hier muss Javdani noch Überzeugungsarbeit leisten, da der Kasse nicht nur Retaxgelder entgehen, sondern sie auch noch dafür zahlen muss. Er ist aber überzeugt, dass auch die Kassen von dem neuen Konzept profitieren. „Alle Krankenkassen können dieses System nutzen.“
Trotzdem konnten schon in den ersten Wochen nach dem Start mehr als 200.000 E-Rezepte von Versicherten der beiden Kassen erfolgreich und fehlerfrei abgewickelt werden. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit dauerte 0,5 Sekunden. 10.000 Retaxationen konnten laut Javdani verhindert werden, da hier rechtzeitig Fehler an die Apotheke zurückgemeldet wurden.
Auf lange Sicht will Javdani auch andere Softhäuser an Bord holen, vorerst bleibt es aber bei einer exklusiven Zusammenarbeit mit Pharmatechnik. „Die kombinierte Technologie der Unternehmen ermöglicht ein nahtloses, sicheres und zukunftsorientiertes Verfahren zur Rezeptabrechnung.“ Gemeinsam mit Krankenkassen sowie Apotheken wollen die beiden Partner die zukünftigen Anforderungen an digitale Rezeptprozesse weiterentwickeln und moderne Prüfverfahren etablieren, die den Möglichkeiten des E-Rezepts gerecht werden.
„Das E-Rezept eröffnet völlig neue Möglichkeiten, Prozesse zwischen Apotheken und Krankenkassen digital abzubilden. Unser gemeinsames Projekt zeigt, wie moderne Prüfverfahren künftig aussehen können – effizient, sicher und praxisnah“, sagt Dr. Jens Lütcke, Vorsitzender der Geschäftsführung von Pharmatechnik.
Dass sich ausgerechnet eine Retaxfirma mit dem Thema beschäftigt, kommt nicht von ungefähr: Einerseits hat die Politik ohnehin die Möglichkeiten für Retaxationen eingeschränkt, andererseits führt die Diskussion um die Verwaltungskosten der Kassen auch zu der Frage, welche Dienstleistungen künftig noch finanziert werden sollen. Und Retaxationen sind Aufwand: Nach der Rezeptkontrolle schließt sich mit Anschreiben und Einspruchsbearbeitung oft noch ein ganzer Rattenschwanz an.
Die Kassen haben auch noch weitere Vorteile, sie kommen beispielsweise früher an Daten. Hinzu kommt: Auch wenn Retaxationen für die Apotheken schmerzhaft sind – für die Kassen werden die Einnahmen wohl künftig noch überschaubarer.
Auch der Direktabrechner Scanacs bietet den teilnehmenden Apotheken seit einigen Jahren eine Echtzeitprüfung an. Zunächst konnte nur der Zuzahlungsstatus abgerufen werden, mittlerweile umfasst das Angebot auch die jeweiligen Prüfregeln der Kassen. Dazu werden Artikelstamm sowie die individuellen Fristen und Verträge erfasst. Rund ein Dutzend Kassen machen laut Geschäftsführer Frank Böhme mit. Anders als bei GfS werden die Rezepte hier aber sofort abgerechnet.
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