Die Apotheke ist im Wandel wie nie. Neue Dienstleistungen und wirtschaftliche Herausforderungen prägen den Alltag. Auch in der Pharmaindustrie macht man sich über die Zukunft der Kunden Gedanken. APOTHEKE ADHOC hat führende Hersteller nach ihrer Vorstellung der Apotheke der Zukunft gefragt.
Während viele Apotheken schließen, stellen sich andere Betriebe neu auf. Mit Motivation und Tatendrang werden beispielsweise neue Dienstleistungen in das Angebot integriert. Auch die Hersteller sehen die Apotheke im Wandel – und stark vor Ort.
Apotheke der Zukunft – das Titelthema der aktuellen Apotheken Umschau.
Dr. Traugott Ullrich, der für die Schwabe-Gruppe den Bereich Innovation and Market Access leitet, verweist auf die Bedeutung der Vor-Ort-Apotheke: „Mit Blick auf die Demographie und den medizinischen Fortschritt wird die Gesundheitsversorgung unserer Bevölkerung in Zukunft mehr Selbstmedikation brauchen. Nur mit der Sicherstellung einer flächendeckenden Apothekenversorgung mit einem ausgeweiteten Angebots- und Leistungsspektrum kann dies gelingen.“ Die Apotheke der Zukunft sei der Gesundheits-Hub vor Ort, der die Menschen niedrigschwellig und kompetent zur Prävention und Therapie mit Wirkstoffen beraten könne, sagt er. „Und dabei etwas anbietet, was in Zeiten von Künstlicher Intelligenz (KI) immer wertvoller wird: menschliche Zuwendung.“
Kostas Limnidis, der das Geschäft von Haleon in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortet, sagt dazu: „Haleon sieht heute und in Zukunft in den Apotheken vor Ort eine enorme Bedeutung für unser Gesundheitssystem. Vorteile sind die Erreichbarkeit, Verfügbarkeit der Produkte und das Vertrauen in die fachkundige Beratung – ohne Terminvergabe und langes Warten. Dabei hat der Bereich OTC für den Erfolg der Apotheke vor Ort eine entscheidende Bedeutung, da hier Verbundverkäufe und Zusatzumsätze zum Rx-Geschäft entstehen können, die die Wirtschaftlichkeit der Apotheke entscheidend erhöhen können.“
Im Allgemeinen werde es immer wichtiger werden, einen klaren Kategorieansatz mit der richtigen Sortimentsauswahl für Freiwahl und Sichtwahl zu definieren, beispielsweise durch eine deutliche Sichtbarkeit und prominente Platzierung von Leitmarken innerhalb jeder Kategorie. Auch könne die Apotheke der Zukunft mit zusätzlichen Services und Präventionsleistungen die Kundenloyalität stärken und neue Einnahmequellen generieren.
„Die Apotheke der Zukunft verbindet das Beste aus zwei Welten: die Nähe, das Vertrauen und die Kompetenz der Vor-Ort-Apotheke mit der Einfachheit und Geschwindigkeit digitaler Gesundheitslösungen“, meint Dr. Stefanie Häfele, Co-Chief Pharma Officer bei Weleda. „Sie ist Gesundheitsberaterin, Präventionspartnerin und Versorgerin zugleich.“
Marc Julié, Deutschland-Chef bei Korres sieht in der Apotheke der Zukunft „eine selbstbewusste, moderne Gesundheits- und Beratungsdestination im Viertel“. Ihr größter Vorteil gegenüber dem Onlinehandel sei die persönliche Nähe. „Diese muss jedoch durch echte Kompetenz, individuelle Beratung und ein attraktives Einkaufserlebnis spürbar werden. Dazu gehören pharmazeutische Dienstleistungen und Prävention ebenso wie ein professionell kuratiertes Freiwahlsortiment.“ Apotheken dürften sich dabei auch zutrauen, hochwertige und höherpreisige Präparate aktiv und kompetent zu empfehlen. Denn nahezu jeder Mensch kommt in die Apotheke – auch der typische Parfümerie- oder Premiumkunde.
Die Apotheke der Zukunft verbinde pharmazeutische Kompetenz mit unternehmerischem Denken, einem modernen Auftritt und exzellentem Service. „Sie ist nicht nur eine Ausgabestelle für Rezepte, sondern ein vertrauenswürdiger Ort für Gesundheit, Wohlbefinden und ein überzeugendes Einkaufserlebnis.“
Auch bei Infectopharm (Babylax, InfectoSoor, BellyBiom) weiß man um die Bedeutung der Apotheke vor Ort: „Für mich entwickelt sich die klassische Offizinapotheke ganz klar und unaufhaltsam zu einem niederschwelligen, lokalen Gesundheitszentrum“, sagt Geschäftsführer Dr. Markus Rudolph. Die Apotheke sei und bleibe der erste, schnellste und unkomplizierteste Anlaufpunkt für die Menschen vor Ort. „Dabei wird sich das Berufsbild weiter wandeln: Die reine Arzneimittellogistik wird durch die Digitalisierung vereinfacht, wodurch die herausragende pharmazeutische Kompetenz der Apothekenteams viel stärker in den Fokus rückt.“
Die Apotheke der Zukunft spiele eine zentrale Rolle bei der Prävention und der Gesunderhaltung der Bevölkerung. „Sie greift nicht erst ein, wenn Menschen bereits krank sind, sondern hilft proaktiv dabei, Gesundheit zu erhalten. Ein entscheidender Baustein für diese Vision ist mein Wunsch nach einer flächendeckenden, selbstverständlichen Nutzung der pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL).“ Die Apotheke der Zukunft sei proaktiv, stark in der Dienstleistung und der unverzichtbare, persönliche Anker der Gesundheitsversorgung direkt vor Ort.
Medicos Kosmetik-Geschäftsführer Philipp Beckmann (Dermasence) verweist auf die zunehmende Digitalisierung: „Aus meiner Sicht wird die Apotheke der Zukunft weit mehr sein als eine reine Verkaufsstelle für Gesundheitsprodukte. Während Standardprozesse zunehmend digitalisiert werden, gewinnt die persönliche und wissenschaftlich fundierte Beratung weiter an Bedeutung.“ Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Ärztemangels entwickele sich die Apotheke zu einer wichtigen Gesundheitsanlaufstelle vor Ort. „Erfolgreich werden jene Apotheken sein, die pharmazeutische Kompetenz, persönliche Beratung und digitale Angebote intelligent miteinander verbinden.“
Beim italienischen Hersteller Aboca kennt man Veränderungen in der Apothekenlandschaft aus dem Herkunftsland. „Ende 2017 wurde in Italien die Beteiligung von Fremdkapital an Apotheken zugelassen. Unsere Gesellschafter haben damals bewusst entschieden, mit Apoteca Natura ein Konzept zu entwickeln, das den Herausforderungen des zunehmenden Onlinehandels sowie des Wettbewerbs durch Discount-Apotheken erfolgreich begegnen kann“, sagt Deutschland-Chef Jan Linnemann. „Im Mittelpunkt dieses Ansatzes stehen nicht der Preiswettbewerb, sondern die pharmazeutische Beratung, die fachliche Qualität sowie die pharmazeutischen und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen der Apotheke.“
Ziel sei es, die Apotheke als kompetenten Gesundheitsdienstleister vor Ort zu stärken und ihre besondere Bedeutung für die Patientenversorgung hervorzuheben. „Dieses Konzept hat sich bereits in mehreren europäischen Ländern erfolgreich etabliert und wird mittlerweile von deutlich über 1000 Partnerapotheken getragen. Die positive Entwicklung zeigt, dass ein qualitätsorientierter Ansatz eine nachhaltige und zukunftsfähige Antwort auf die Herausforderungen des Marktes sein kann.“
Auch Dentinox-Geschäftsführer Marco Künzel betont die Beratung vor Ort: „Die Apotheke der Zukunft verbindet persönliche Nähe mit modernen Services: Gerade in ländlichen Regionen bleibt sie ein zentraler, niedrigschwelliger Anlaufpunkt für Orientierung, Prävention und vertrauensvolle Beratung – insbesondere für eine älter werdende Bevölkerung.“ In Metropolregionen werde ihr Mehrwert ebenso entscheidend sein, denn gegenüber digitalen E-Commerce-Angeboten überzeugten Apotheken durch kompetente Beratung am HV, verlässliche Services und ein Einkaufserlebnis, das Gesundheit greifbar macht. „Entscheidend ist, digitale Bequemlichkeit und menschliche Expertise nicht gegeneinander auszuspielen, sondern intelligent zu verbinden.“
„Die Apotheke der Zukunft ist spezialisiert, vernetzt und persönlich erreichbar. KI und digitale Technologien reduzieren Komplexität im Hintergrund und schaffen mehr Raum für Beratung, Prävention und Versorgung. So stärkt Technologie die Rolle der Apotheke, als das, was sie auch in Zukunft bleiben muss: eine unverzichtbare, niedrigschwellige Anlaufstelle unseres Gesundheitssystems vor Ort“, sagt Ulf Hönick, General Manager Pharmacy and Dental Germany bei CGM Lauer.
Dr. Torben Schüttfort, Geschäftsführer bei BD Rowa Germany verweist auf die steigenden Anforderungen an die Arzneimittelversorgung: „Die Zahl multimorbider Patient:innen wächst, Medikationsregime werden komplexer, Heimversorgung und Verblisterung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig eröffnet das ApoVWG Apotheken neue Möglichkeiten, ihr Angebot um zusätzliche pharmazeutische Dienstleistungen auszubauen und ihre Rolle als wohnortnahe Gesundheitsversorger weiter zu stärken. Um dafür Kapazität bei gleicher hoher Patientensicherheit zu schaffen, braucht es ein neues Maß an Vernetzung und Automatisierung entlang der gesamten Medikamentenlogistik.“
Entscheidend würden dabei nicht einzelne Technologien sein, sondern ganzheitliche Lösungen. „Durch die Automatisierung von Routineprozessen schafft BD Rowa die Freiräume, die Apotheken für neue Dienstleistungen und eine stärkere Patientenorientierung benötigen. Als strategischer Partner unterstützt BD Rowa Apotheken dabei, diesen Wandel erfolgreich zu gestalten und den Standard für die pharmazeutische Versorgung von morgen zu setzen.“
„Apothekerinnen und Apotheker haben eine Zukunft, wenn sie unternehmerisch denken“, darauf macht Joss Hertle, Geschäftsführer bei Dr. Pfleger aufmerksam. „Apotheken werden zukünftig zu Gesundheitszentren, in denen wichtige Leistungen für die Gesundheitsversorgung übernommen werden: Gesundheits-Checks wie Blutdruckmessung, Impfungen oder Medikationsmanagement. Zukunftsorientierte Apotheken setzen auf Digitalisierung und Beratung: Vernetzung mit Pflegediensten, Arztpraxen, Medizinische Versorgungszentren in der Kombination mit telepharmazeutischen Dienstleistungen. Wichtiger wird auch die sogenannte Convenience für Patienten beziehungsweise Konsumenten: automatisierte 24/7 Terminals in Apotheken-Vorräumen optimieren die Grundversorgung.“ Die Apotheke werde zukünftig Versorgungslücken schließen und nach wie vor lokaler Anlaufpunkt.
Klaus Henkel, Geschäftsführer bei ARZ Service: „Aus unserer Sicht wird die Apotheke der Zukunft drei zentrale Eigenschaften vereinen: pharmazeutische Kompetenz, wirtschaftliche Stabilität und digitale Exzellenz.“ Patientinnen und Patienten erwarteten zunehmend eine nahtlose Verbindung von persönlicher Beratung und digitalen Services. Das E-Rezept habe diese Entwicklung bereits angestoßen. „Künftig werden digitale Prozesse entlang der gesamten Versorgungskette noch wichtiger werden – von der Rezeptübermittlung über die Abrechnung bis hin zu Service- und Kommunikationsangeboten für Patientinnen und Patienten.“
Gleichzeitig bleibe die persönliche Beratung vor Ort das entscheidende Alleinstellungsmerkmal der Apotheke. „Die anstehende Reform stellt viele Apotheken vor erhebliche wirtschaftliche und organisatorische Herausforderungen. Deshalb wird die Apotheke der Zukunft stärker denn je auf effiziente Prozesse, intelligente Softwarelösungen und verlässliche Partner angewiesen sein. Digitalisierung darf dabei kein Selbstzweck sein. Sie muss Apotheken konkret entlasten, Fehler reduzieren, Abläufe beschleunigen und Freiräume für die pharmazeutische Kernaufgabe schaffen: Die Beratung.“ Gerade in Zeiten eines zunehmenden Ärztemangels und steigender Versorgungsanforderungen könne die Apotheke eine wichtige Brückenfunktion übernehmen.
Bei Dr. Grandel sieht man eine Differenzierung zu Mitbewerbern: „Die Apotheke der Zukunft sollte auf lokaler Ebene ihre Stärken ausspielen“, sagt Geschäftsführer Dr. Gabriel Duttler. „Dazu ist es erforderlich, diese mit dem klaren Blick auf die Kunden herauszuarbeiten und dann zum führenden Gesundheitsdienstleister zu werden.“ Das notwendige Wachstum und die Differenzierung zu anderen Wettbewerbern werde aus einer attraktiven Freiwahl, digital unterstützten Beratungsleistungen und interessanten, neuen Dienstleistungsangeboten kommen. „Verstärkt wird dieser Effekt dann noch durch ein hohes Maß an menschlicher Nähe.“
Ein Perspektivwechsel könne hilfreich sein: „Statt sich darauf zu versteifen, wer und was sich am bisherigen Apothekengeschäft bedient, sollte man die Perspektive wechseln und sich die Frage stellen, welche Themen zukünftig doch besser in einer Apotheke stattfinden sollten. Hierbei ist natürlich etwas Kreativität erforderlich, aber derartige Überlegungen werden zum Erfolg führen. Kurzum, die Anlässe, warum Menschen in die Apotheke gehe, sollten vielfältiger, attraktiver, service- und bedarfsorientierter sein.“
Auch Kenvue Deutschland-Chef Victor Geus sieht die Bedeutung im Alltag der Menschen: „Als wohnortnahe und niedrigschwellige Anlaufstelle für Gesundheitsfragen sind Apotheken prädestiniert, weit über die Arzneimittelversorgung hinaus, eine noch stärkere Rolle für Prävention und Gesundheitskompetenz zu übernehmen. Mit ihrer hohen Vertrauenswürdigkeit, Beratungsexpertise und einem wachsenden Angebot an pharmazeutischen Dienstleistungen können sie Menschen frühzeitig erreichen und dabei unterstützen, ihre Gesundheit aktiv zu erhalten.“
Insbesondere die durch das ApoVWG strukturell verankerte Rauchentwöhnungsberatung in der Apotheke werde ab 2027 ein Meilenstein zur Prävention tabakassoziierter Erkrankungen sein. Die Apotheke der Zukunft sei ein wichtiger Partner einer modernen Gesundheitsversorgung – die stärker auf Vorsorge statt Nachsorge setzt – und eine Schlüsselrolle für ein nachhaltig leistungsfähiges Gesundheitssystem spiele.
Peter Schreiner, Geschäftsführer bei Gesund.de sagt: „Für mich ist die Apotheke der Zukunft weiterhin der niederschwellige Zugangspunkt zur Gesundheitsversorgung – analog und digital.“ Sie übernehme noch mehr Verantwortung in Prävention und in der Begleitung chronisch kranker Menschen und werde zum ganzheitlichen Gesundheits-Hub vor Ort.
Zentraleuropa-Chef bei Uriach, Sebastian Werner: „Aufgrund der fortschreitenden Liberalisierung im Gesundheitswesen entwickelt sich die Apotheke der Zukunft in Deutschland vom reinen Medikamentenabgabeort zu einem hybriden Gesundheitszentrum. Umsätze mit Medikamenten, aber auch Medizinprodukten, Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetikprodukten gehen zurück und verteilen sich auf andere Player (dm, Onlineapotheke, Amazon), so dass sich der Fokus stark auf pharmazeutische Dienstleistungen – darunter erweiterte Medikationsanalysen, Prävention, Impfungen, Point-of-Care-Tests und chronische Patientenbegleitung verlagert.“
Apotheken differenzierten sich durch den direkten, persönlichen Vor-Ort-Service und spezialisierte Fachberatung wie Onkologie, Naturheilkunde oder Hautgesundheit, gepaart mit ultraschneller lokaler Boten-Logistik. Das schaffe ein Maß an Vertrauen und individueller Betreuung, das reine Versandapotheken, Amazon oder Drogeriemärkte nicht bieten könnten.
Auf die Lotsen-Funktion verweist auch Apovid-Geschäftsführer Marcel Becker: „Gesundheit braucht Apotheke. Die Apotheke der Zukunft ist für mich der zentrale Gesundheits-Navigator: persönlich, kompetent und digital unterstützt.“ Technologie solle dabei dort entlasten, wo sie Prozesse vereinfache und wirtschaftlichen Erfolg stärke. „So bleibt mehr Raum für das, was Apotheke ausmacht: persönliche Beratung und Nähe zu den Menschen.
Philipp Storb, Chef der geplanten Rossmann-Apotheke sieht die „Apotheke der Zukunft“ dort, wo Menschen sie brauchen: „Vor Ort, digital und eingebettet in ihren Alltag. Online- und Vor-Ort-Apotheken sind für uns keine Gegensätze, sondern ergänzen sich mit ihren jeweiligen Stärken. Gerade wenn Wege weiter werden oder Angebote vor Ort fehlen, bietet eine Online-Apotheke eine zusätzliche verlässliche Option. Zugleich wird die Apotheke digital stärker mit Ärztinnen, Ärzten, Krankenhäusern und weiteren Leistungserbringern vernetzt sein – für eine Versorgung, die sich konsequent an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Mit der Rossmann-Apotheke setzen wir genau dort an: Wir wollen einen einfachen digitalen Zugang zu rezeptpflichtigen und rezeptfreien Arzneimitteln sowie zu pharmazeutischen Leistungen schaffen und ihn in die vertrauten Rossmann-Touchpoints integrieren.“
Erfahren Sie in einer Spezial-Folge von ’ne Dosis Wissen, wie die Betrüger mit Vertrauen und Hoffnung spielen und wie Sie Ihre Patient:innen schützen können. Hier geht es zur Folge…
APOTHEKE ADHOC Debatte