Das Versandgeschäft ist ein hartes Pflaster. Mit Sanicare kam jetzt eine größere deutsche Online-Apotheke in die Krise. Das Unternehmen will es in Eigenverwaltung schaffen. Doch Branchenkenner sehen Fallstricke. Dass der Betrieb von Christoph Bertram und Heinrich Meyer Insolvenz anmelden musste, sei keine Überraschung, sagt Fabian Kaske, Chef der Münchener Agentur Smile AI.
Sanicare will sich in Eigenverwaltung aus der Krise manövrieren. Gerade meldeten die beiden geschäftsführenden Gesellschafter und Apotheker mit ihrer OHG Insolvenz an. „Das ist grundsätzlich keine Überraschung“, sagt Kaske. Ein Hauptgrund für die sinkenden Umsätze dürfte mit dem Druck von Wettbewerbern zu tun haben. „Sanicare hat in den ersten sechs Monaten 37 Prozent seiner Reichweite eingebüßt.“ Das sei ein großer Rückgang und massiver Einschnitt.
„Diese Entwicklung sehen wir auch bei anderen mittelständischen Online-Apotheken.“ Selbst DocMorris habe in Deutschland 16 Prozent weniger Reichweite im ersten Halbjahr. Bei anderen Shops werde dies über die App-Kundschaft ausgeglichen. Druck komme von Shop Apotheke: Redcare könne mit reichweitenstarken Kampagnen mehr Besucher für das Versandgeschäft anlocken. „Die App ist sehr stark.“
Als Gründe für die Insolvenz nennt man bei Sanicare sinkende Erträge: „Insbesondere rückläufige Umsätze bei gleichzeitig hohen Investitionskosten in die Infrastruktur haben die BS-Apotheken OHG in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Ziel des vorläufigen Eigenverwaltungsverfahrens ist eine Straffung der laufenden Kosten und eine nachhaltige positive Ertragsentwicklung“, heißt es.
Kaske zufolge wird die App nicht häufig genug nachgefragt. „Man braucht App-Nutzer und dafür muss man sehr viel Mediabudget investieren.“ Sanicare habe sich immer schwergetan, weil dort auch „eine andere Preispolitik“ herrsche. Sowohl historisch als auch jetzt ordne sich das Unternehmen über dem eigentlichen „Online-Apotheken-Durchschnitt“ ein. Dadurch sei Kundschaft verloren gegangen. „Sanicare ist nicht attraktiv für die preisbewussten Shopper, die online sehr wichtig sind.“
Diese Kundengruppe sei für mittelständische Online-Apotheken wie Medikamente per Klick oder Apodiscounter zentral. „Sie müssen in der Preisstellung attraktiv sein – nicht bei jedem Produkt die günstigsten, aber im Mittel über große Warenkörbe hinweg schon.“ Hier werde bei den Mittelständlern über den Preis konkurriert. „Da hat Sanicare nie so richtig mitgespielt.“
Sanicare habe sich lange über Katalogkundschaft und historische Kundinnen und Kunden halten können, sagt Kaske. „Mittlerweile versucht man dort nachzuziehen, was die Preispunkte bei einigen Produkten angeht. Aber das war zu wenig und zu spät. Sanicare hat nicht die Mittel wie eine ausländische Versandapotheke, über Jahre Verluste zu machen und das über den Kapitalmarkt zu finanzieren.“ Auch Social Media hat man bei Sanicare entdeckt und Bertram ist immer öfter in kurzen Videos zu sehen, um Kundschaft zu aktivieren.
Natürlich treffen Sanicare auch strukturelle Gründe: Im Punkt Finanzierung seien deutschen Versendern „brutal“ die Hände gebunden. „Ein Investor investiert sehr ungern in ein deutsches Unternehmen, bei dem man vom privathaftenden Apotheker abhängig ist, der am Ende des Tages das Sagen hat.“ Es seien mehrere Gründe, dass es bei Sanicare nicht so gut laufe. „Ich glaube, die kommen da ganz schwer wieder raus.“
Auch die Suche nach Investoren könnte sich Sanicare laut Kaske schwertun. Ein Problem von Sanicare sei die Stellung im Markt: „Sanicare ist so weit weg von der Spitze, es tut sich ja selbst DocMorris schwer, Geld einzusammeln, und die sind schon am Kapitalmarkt und haben deutlich mehr Umsatz als Sanicare.“
Im Insolvenzverfahren werden alle möglichen Auswege geprüft – auch ein Verkauf. „Aus dem Online-Apotheken-Umfeld sehe ich es als sehr unwahrscheinlich an, dass Sanicare verkauft wird“, sagt Kaske. „Vielleicht für einen guten Preis, es ist aber regulatorisch sehr umständlich, die Kunden von einer zur anderen Apotheke zu überführen.“ Letztlich sei es sehr schwer, die Kundschaft zu halten.