Wenn man bei Amazon nach dem Nasenspray von Ratiopharm sucht, bekommt man sofort Sparsets mit bis zu zehn Fläschchen angezeigt. Die Einzelpackung findet man dagegen erst ganz am Ende der Suchergebnisse – und zwar zu einem völlig überhöhten Preis. Der interne Algorithmus sorgt dafür, dass der Internetgigant beim Verkauf kein Mindestmaß an Arzneimittelsicherheit gewährleisten kann.
Dass OTC-Medikamente bei Amazon in riesigen Mengen angeboten werden, hat zwei einfache Gründe: Einerseits wird jedes Angebot auf dem Marktplatz von einem Verkäufer angelegt; Amazon selbst stellt ausschließlich Anzeigen für Produkte ein, die in Eigenregie verkauft werden. Jedes Sparset, das man bei Amazon findet, muss also irgendwann einmal von einem Händler angelegt worden sein. Genauso funktioniert es mit den Sparabos: Auch hier entscheidet allein der Händler, ob er diese – zumindest bei Arzneimitteln äußerst fragwürdige – Option anbietet.
Hinzu kommt nun, dass Amazon seit dem Sommer auch die Preise mit anderen Plattformen und Webshops vergleicht. Und wenn die Differenz zu groß ist, werden die Produkte aussortiert oder abgewertet. Findet sich also bei irgendeinem Billigversender ein Nasenspray für 1,49 Euro, wird dieser Artikel bei Amazon deutlich schlechter gelistet. Mitunter ist er, so wie das Nasenspray, auf Anhieb auch überhaupt nicht zu finden.
So kommt es, dass bei der Suche nach Nasenspray fast ausschließlich Sparsets angezeigt werden. Und selbst wenn man die Einzelpackungen doch noch gefunden hat, kann man sie nicht einfach in den Warenkorb legen. Erst wenn man sich alle Anbieter anzeigen lässt, kann man das Produkt in den Warenkorb legen.
Dabei sind manche Angebote nicht nur apothekenrechtlich unzulässig, sondern verstoßen auch gegen die Regeln von Amazon selbst. So spendiert etwa der Anbieter FAAR (Faehrhaus Apotheke aus Hamburg) zum 5 x 15 ml Nasenspray-Sparset eine „hochwertige Handcreme“ dazu. Das ist aber nach den Richtlinien des Konzerns ausgeschlossen: Ausschließlich der Inhaber der Markenrechte darf demnach entscheiden, ob sein Produkt im Bundle oder mit Zugabe angeboten werden kann. Wer sich nicht an die Vorgaben hält, riskiert, dass sein Verkäuferkonto gesperrt wird.
Im Grunde genommen sollte es auch gar nicht möglich sein, entsprechende Angebote einzustellen. Doch offenbar ist es möglich, den Algorithmus auszutricksen – was in diesem Fall durch die Apotheken geschieht.
Amazon ist längst auf die Problematik hingewiesen worden, hat sogar sogenannte „Trusted Partner“ damit beauftragt, entsprechende Angebote zu melden, und eine Taskforce eingerichtet. Wenn entsprechende Hinweise eingehen, wird der Konzern angeblich auch aktiv. Einerseits will der Konzern zwar die Umsätze mitnehmen, andererseits muss er gegen unzulässige Angebote vorgehen.
Doch es gibt auch Anbieter, die bei dem Spiel von sich aus nicht mitmachen. Der Münchner Apotheker Michael Grintz war der erste Apotheker, der hierzulande in großem Stil mit Amazon Geschäfte machte. Nach wie vor ist er mit „Apominga“ auf der Plattform vertreten, doch Produktsets oder Monatsabos sucht man bei ihm vergeblich. Er ärgert sich über Kolleginnen und Kollegen, die für einen schnellen Umsatz ihre heilberuflichen Grundsätze über Bord werfen.
„Wir handhaben das Thema sehr streng, und zwar aus pharmazeutischen Gründen“, sagt er. Auf keinen Fall wolle er Arzneimittelmissbrauch unterstützen.
Er habe für alle kritischen Produkte maximale Verkaufsmengen hinterlegt, bei Paracetamol 1000 etwa könne man nur eine Packung bestellen. Wenn dann ein Kunde versuche, Produkte verschiedener Hersteller zu kombinieren, falle das bei der Prüfung der Bestellung ebenfalls ins Auge. „Wo wir nicht sicher sind, wird entsprechend gehandelt.“
Einmal sei er von einer PTA gefragt worden, wie sie mit drei direkt nacheinander aufgegebenen Bestellungen von Formigran umgehen solle. Wenn ihr die Sache aufgefallen sei, müsse sie auch konsequent handeln und zwei Aufträge stornieren, sei seine Antwort gewesen. „Ich kann doch meine Mitarbeitenden nicht anweisen, die Augen vor solchen Fällen zu verschließen.“
Amazon habe ihm einmal eine Liste der am besten gehenden Artikel gezeigt worden, die er in seinem Account nicht anbiete. „Das waren alles Sparsets, die ich bewusst ausschließe.“ Er sei sich im Klaren, dass man Arzneimittelmissbrauch nicht komplett ausschließen könne. „Aber als Apotheken haben wir die Pflicht, unsere Kundinnen und Kunden zu informieren und sie vor Risiken zu schützen.“
Grintz berät Amazon auch heute noch, was die Einhaltung von arzneimittelrechtlichen Vorschriften und Standards geht. „Aber es ist gar nicht so einfach, gegen solche Auswüchse vorzugehen.“