Beratung rettet Leben

„Dann kann nur die Apotheke vor Ort helfen“

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Berlin -

Apotheker sind oft Helden des Alltags – doch die Gesellschaft um sie herum vergisst das meist. Das Image des Berufsstandes könnte besser sein. Umso wichtiger, dass die Bedeutung der Apotheke vor Ort ausreichend öffentlich dargestellt wird. Apotheker Mats Sibanc hat das auf Facebook getan und dafür viel Zustimmung geerntet. Gleich in zwei Fällen zeigte er auf: Hätten sich die Patienten an eine Versandapotheke gewandt, hätte das fatale Folgen haben können.

Eigentlich ist es trivial: Sibanc, Inhaber der Löwen-Apotheke im bayerischen Inzell, hat auf Facebook zwei kurze Erlebnisse aus seinem Arbeitsalltag geschildert. Doch damit hat er offensichtlich einen Nerv getroffen. Was war passiert? Im ersten Fall kam ein Kunde in die Offizin, der am Vortag ABC-Pflaster bei ihm gekauft hatte. Er habe eine allergische Reaktion auf die Pflaster und wolle, dass sich der Apotheker das mal anschaue. „Er meinte, er hat da rote Stellen und extrem starke Schmerzen“, erzählt Sibanc. Das Pflaster hatte er auf der Schulter, die allergische Reaktion müsste also entsprechend dort sein.

„Nein, nein, die roten Stellen sind in der Mitte“, gibt Sibanc die Worte des Kunden wieder. „Da habe ich ihm erklärt: ‚Das kann gar nicht sein, dass die Allergie auf ein Pflaster sich an einer anderen Stelle am Körper zeigt.‘“ Also forderte er ihn auf, das Hemd hochzuziehen – und erschrak. „Alles war voller roter Bläschen, die fast schon einen kompletten Kreis bildeten“, erinnert er sich. „Ich habe sofort vermutet, dass er eine Gürtelrose hat, und ihn zum Arzt geschickt.“

Zum Glück hatte der Apotheker dabei die Zeit im Blick, denn es war nicht nur bei seinem Kunden, sondern auch ganz buchstäblich kurz vor zwölf – der örtliche Arzt in der 4500-Seelen-Gemeinde drohte in wenigen Minuten zu schließen. Also griff Sibanc zum Telefon und erklärte, dass es ein dringender Fall sei. „Sie sagten dann, sie warten noch auf ihn“, erklärt er. Und er selbst tat es dem Arzt gleich, denn wenig später hätte die Apotheke eigentlich für die Mittagspause geschlossen. „Ich habe dann länger aufgelassen, weil ich ja wusste, dass er gleich wiederkommt. Das tat er auch: mit einem Rezept für Zostex, zwei starke Schmerzmittel und einer Zinkoxid-Salbe – also das volle Programm.“ Doch es sollte noch viel kritischer kommen.

Kurz zuvor war er nämlich mit einer Stammkundin aneinander geraten – zu ihrem riesigen Glück. Sie kam in die Offizin und wollte Korodin kaufen, weil ihr schwindelig sei. „In so einem Fall messe ich vorher gern den Blutdruck und habe ihr das auch so gesagt“, erzählt er. „Da hat sie sich gewehrt. Sie brauche das nicht, sie habe immer schon einen niedrigen Blutdruck.“ Also fingen beide an zu diskutieren. „Sie ist etwas zickig geworden und meinte, sie habe jetzt keine Zeit für sowas.“ Doch Sibanc bestand darauf. Es dauere doch nur eine Minute, redete er ihr gut zu.

Doch es brachte nicht viel. Also insistierte er: Ohne vorher ihren Blutdruck zu messen, verkaufe er ihr das Korodin nicht. „Da hat sie gesagt: ‚Na wenn es unbedingt sein muss, dann machen wir das halt jetzt schnell.‘“ Und Sibancs hatte ihn nicht getrübt: 215 zu 135 war ihr Blutdruck. „Da hab ich sie sofort zum Arzt geschickt. Sie war wirklich geschockt, hat sich bei mir bedankt und auch nicht nochmal nach dem Korodin gefragt.“ Für ihn sei vor allem der zweite Fall von hoher Bedeutung. „Hätte die Frau das Korodin in einer Internet-Apotheke bestellt, hätte sie es ohne Probleme bekommen“, erklärt er. „Der Mann mit der Gürtelrose, der wäre der Schmerzen wegen in ein paar Tagen ohnehin ins Krankenhaus gegangen. Aber die Frau hätte einfach das Korodin genommen und vielleicht einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt bekommen – bei so einem Blutdruck ist das auf jeden Fall möglich.“

Solche Geschichten kriegt Sibanc nach eigenem Bekunden regelmäßig mit – unter der Kundschaft sei sich dessen jedoch kaum jemand bewusst. „Ich denke schon, dass wir als Apotheker ein bisschen ein Image-Problem haben“, sagt er. Es hielten sich Vorurteile wie das vom reichen Apotheker, der nur Pappschachteln abgibt und sich damit eine goldene Nase verdient. „Ich glaube, das kommt noch aus der Vergangenheit, als die Kassen vor über 20 Jahren noch alles übernommen. Da haben viele, vor allem ältere Apotheker sehr viel verdient, das hat die öffentliche Meinung stark geprägt.“

Dass das heute bei weitem nicht mehr so ist, davon kann er selbst ein Lied singen. Mit 32 hat er Anfang des Jahres all seinen Mut zusammengenommen und eine kleine Landapotheke in Innzell übernommen und rackert seitdem ordentlich für sein Geld. „Ich arbeite jeden Tag, sechs Tage die Woche, ohne Urlaub, alle zehn Tage habe ich Notdienst, da kommt schon mal eine 70-Stunden-Woche zusammen“, erklärt er. „Es geht gerade nicht anders. Das Geld für einen weiteren Apotheker in Vollzeit habe ich im Moment einfach nicht.“ Beschweren will er sich darüber aber keineswegs. „Es ist ja nicht alles schlecht, aber eben weit entfernt von dem, was die Leute denken, wie es ist.“

Doch er gibt sich auch Mühe, im Einzelfall selbst etwas an der Wahrnehmung der Menschen zu verändern. Manchmal frage er Stammkunden, was sie denn glauben, was der Apotheker an dem Medikament verdienen, das sie gerade gekauft haben. Letztens erst habe ein Kunde ein Arzneimittel für seine Großmutter geholt und aus Interesse gefragt, wie viel das denn die Kasse kostet. 100 Euro seien es gewesen. „Mensch, da verdient ihr ja richtig gut dran!“, habe er gesagt. „Da habe ich ihm vorgerechnet: Ich habe 80 Euro dafür bezahlt, plus Steuer, da bleiben zehn Euro übrig, die auch noch so versteuern muss.“

Dass er mit dem Apothekerberuf reich wird, hat er ohnehin nicht erwartet. Auch um die Anerkennung gehe es ihm nicht. „Ich bin Apotheker aus Leidenschaft“, sagt er stattdessen. Doch er fühle sich angesichts der politischen Rahmenbedingungen, die für die Branche geschaffen werden schlicht mit seinen wichtigen Aufgaben allein gelassen. „Ich habe das Gefühl, es geht auch politisch in die Richtung, dass wir alles für die EU-Versender tun, für die Apotheken vor Ort aber nichts. Es wird immer weniger und weniger, bis für uns nichts mehr da ist.“ Deshalb müsse man der Öffentlichkeit manchmal zeigen, „dass wir nach wie vor gutes für die Bevölkerung tun“.

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