Schließung

Apothekenerbe im Abwrackcontainer

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Berlin -

Nach 36 Jahren hat Rolf-Dieter Schaetzle seine Linden-Apotheke in Gaiberg dicht gemacht. Alle Nachfolgeinteressenten seien wegen der ungünstigen Ertragslage wieder abgesprungen. Zurück bleiben kahle Wände und leere Räume – die Apotheke wurde abgewrackt.

Seit 1982 führte Schaetzle die Apotheke im 13 Autokilometer von Heidelberg entfernten 2300-Einwohner-Ort. Den Schritt habe er nie bereut. „Ich hatte all die Jahre unheimlich Spaß an meiner Arbeit“, betont Schaetzle. „Es gibt kaum einen Beruf, bei dem man so nah bei den Menschen ist.“ Bei all der Freude am Beruf nage der Zahn der Zeit auch an ihm. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt zum Aufhören gekommen. „Ich bin jetzt fast 67, meine Gesundheit ist nicht mehr so wie mit 20.“

Bis zuletzt habe es Übernahmeinteressenten gegeben. „Wegen der Ertragslage haben sie alle abgesagt“, berichtet Schaetzle. „Gerade für junge Apotheker, die noch Karriere machen wollen, ist eine Landapotheke nicht mehr attraktiv.“ In Baden-Württemberg seien in den vergangenen zehn Jahren 250 Apotheken weggefallen, so die Kammer. „Fast alle von ihnen lagen auf dem Land. Das ist eine Katastrophe gerade für viele ältere Leute, die nicht zu 100 Prozent mobil sind.“ Die Versorgung müsse dauerhaft gesichert werden. „Die Politik ist gefordert, den Apothekern einen einkömmlichen Lebensstil zu ermöglichen“, so Schaetzle.

Die Schließung seines Betriebs sei auch Folge falscher Entscheidungen. Das Ungemach habe 2004 begonnen: „Damals wurden die prozentualen Aufschläge auf das Rezept auf Fixzahlungen umgestellt“, erinnert Schaetzle. „Apotheken haben immer noch mit den fast gleichen Festbeträgen wie 2006 zu tun. Zwar gibt es eine Nachtdienstpauschale, aber sie kann die Kostensteigerungen der letzten 14 Jahre bei weitem nicht abfangen.“ Mit dem Versandhandel für Arzneimittel sei eine weitere Konkurrenz entstanden: „Die Apotheke auf dem Land lebt aber vor allem von Einzelgeschäften, mit dem Internet ist ein Teil des Umsatzes weggebrochen.“ Zeitgleich habe sich auch das Einkaufsverhalten vor Ort geändert. „Selbst die älteren Leute sind mobiler geworden und haben ein Auto, so gehen uns viele Rezepte verloren.“

Zum 30. Juni machte Schaetzle die Pforten dicht. „In den Wochen davor konnten wir den Warenbestand weitgehend abverkaufen. Was wir nicht mehr veräußern konnten, hat ein Großhändler übernommen“, so Schaetzle. „Die Kunden hatten Verständnis, dass wir in den letzten acht bis zehn Tagen nicht mehr alle Medikamente auf Lager hatten und in Notfällen bestellen mussten.“

Gerade sei eine Abwrackfirma in der ehemaligen Apotheke zugange. „Ein paar Schränke kann sie noch wieder verwerten, der Erlös wird mit den Arbeitsstunden verrechnet, sodass nichts mehr übrig bleiben wird. Alles andere wird mit einem großen Hammer kurz und klein geschlagen und landet in Containern.“ Das fühle sich nicht sehr toll an, räumt Schaetzle ein. „Die Apotheke war 36 Jahre lang mein Lebensmittelpunkt außerhalb der Familie. Innerhalb von zwei, drei Tagen wird das alles vernichtet. Es bleiben nur leere Räume und kahle Wände.“ Mindestens vier Wochen werde er wohl noch mit der Abwicklung beschäftigt sein. „Alle Unterlagen sind in Kisten verpackt. Ich werde noch so einige Zeit brauchen, bis ich wieder eine Ordnung hergestellt habe. Gerade werde ich verrückt, wenn ich eine Überweisung machen will.“

Womöglich hätte eine Nachfolgerin in der eigenen Familie bereit gestanden: „Meine Tochter hat Mitte Juni ihr Staatsexamen bestanden und ist jetzt vollwertige Apothekerin“, erzählt Schaetzle. „Aber wir waren uns in der Familie einig, dass sich der Weiterbetrieb einfach nicht lohnt.“ Mittlerweile habe sie ihre große Liebe und auch eine Anstellung in Reutlingen gefunden. „Als Anfangsgehalt hat sie ungefähr das anderthalbfache, was ich zuletzt als Selbstständiger verdient habe...“

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