Lieferprobleme Grippeimpfstoff

Glaeske: Hersteller sind schuld, BPI: Spahn ist schuld

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Berlin -

Und es gibt ihn doch, den Engpass bei Grippeimpfstoffen. Zumindest hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angesichts der Lieferprobleme bei Grippeimpfstoffen jetzt offiziell einen Versorgungsmangel ausgerufen. Offen ist noch die Schuldfrage. Diese wollen zumindest der bekannteste Pharmakritiker Deutschlands, Professor Dr. Gerd Glaeske, und der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) beantworten können.

Während Arzneimittelexperte Glaeske den Herstellern den schwarzen Peter zusteckt, ist laut BPI die sichere Impfstoffversorgung am Bundesgesundheitsminister gescheitert. Der Pharmakologe der Universität Bremen übt Kritik an den Impfstoffherstellern. Sie hätten die Nachfrage „offenbar ziemlich falsch eingeschätzt“, wird Glaeske in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ zitiert.

„Die Hersteller sollen daher nicht andere kritisieren, sondern ihre Marketingabteilungen ins Gebet nehmen“, schimpft Glaeske und verweist auf das unternehmerische Risiko, das es bei allen Arzneimitteln gebe. „Das ist auch bei Impfstoffen nicht anders und schon in den Preisen pro Impfdosis mit eingerechnet“, wird Glaeske zitiert. Es könne doch nicht sein, dass sich Menschen, die sich im Herbst impfen lassen wollen, im Frühjahr melden müssten, damit die Pharmaunternehmen genügend produzierten, so Glaeske gegenüber der NOZ.

Die zögerlichen Bestellungen der Ärzte und Apotheken seien nicht schuld an der aktuellen Versorgungssituation. Mit dieser Aussage würden die Hersteller die Verantwortung verdrehen.

„Sichere Impfstoffversorgung scheitert an Spahn“, schreibt dagegen der BPI. „Statt nun mit einem Notstandsgesetz auf hausgemachte Versorgungsprobleme zu reagieren, müssen die Marktbedingungen endlich so gestaltet werden, dass es zu diesen Problemen gar nicht kommt“, sagt Dr. Martin Zentgraf, Vorstandsvorsitzender des BPI. „So lange es aber selbst bei einem Verbot von Rabattausschreibungen möglich ist, mit vermeintlich cleveren Vertragskonstruktionen eine Situation herzustellen, die der von Rabattverträgen entspricht, ist die Impfstoffversorgung gefährdet.“

Die Begründung für den Ausruf des Versorgungsmangels hält Zentgraf für „paradox“. Das BMG nenne die Direktverträge zwischen Krankenkassen und Apothekern als mögliche Ursache. Dabei war „das aktuelle Versorgungsproblem lange voraussehbar“. Spätestens jetzt müsse der Minister den Weg verlassen, den er mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSGV) eingeschlagen hat.

„Wenn der Gesetzgeber die Impfstoffversorgung sicherstellen will, dann müssen die Impfstoffe aller Hersteller zur Verfügung stehen und die pharmazeutischen Unternehmen nicht mit zusätzlichen Zwangsabschlägen belastet werden. Exakt dies hatte der Gesetzgeber erst im vergangenen Jahr mit dem Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) geregelt“, kritisiert Zentgraf.

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