NDR Visite

SSRI: Nebenwirkung Suizid APOTHEKE ADHOC, 30.01.2019 11:40 Uhr

Berlin - Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben – mehr Menschen, als bei Verkehrsunfällen sterben. So beginnt der NDR die Sendung Visite zum Thema: „Medikamente gegen Depression: Nebenwirkung Suizid?“ Denn einige Patienten entwicklen den „Suizid-Wunsch“ erst während der Behandlung mit Antidepressiva. Visite fragt: „Können Medikamente gegen Depressionen tatsächlich zu Selbstmorden führen?“

Die Antwort liefert Psychiater Professor Dr. Tom Bschor von der Schlosspark-Klinik Berlin. Fest stehe, dass Menschen, die mit Antidepressiva behandelt werden, nicht weniger Suizide begehen, obwohl die Arzneimittel die Depression bessern. „Das ist schon sehr erstaunlich. Tendenziell ist es sogar so, dass die Menschen, die das Antidepressivum bekommen, sogar mehr Suizidversuche unternehmen.“ Antidepressiva würden zu oft und zu sorglos verschrieben, klagen Experten.

Der Suizid-Forscher Professor Dr. Bruno Müller-Oerlinghausen hat Daten von 250.000 Menschen, die mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) behandelt wurden, ausgewertet. 85 der Patienten wurden durch die Arzneimitteltherapie suizidal. Die Wirkung der SSRI beruht auf einer selektiven Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin durch die präsynaptischen Nervenzellen. Die Konzentration des Neurotransmitters im synaptischen Spalt steigt – Ängste, Traurigkeit, Antriebslosigkeit und Depression werden vermindert. Die Fähigkeit, im Alltag zu funktionieren, werde erhöht, jedoch werde auch in einigen Fällen der Wunsch nach Selbstmord gesteigert. Ein bekanntes Problem bei Antidepressiva. Gefährlich wird es vor allem, wenn bei schwer depressiven Menschen nur der Antrieb gesteigert wird, nicht aber die Stimmung. Hinzu kommt, dass die antidepressive Wirkung erst nach einigen Wochen einsetzt, während die aktivierenden Effekte meist schnell sichtbar werden. Folge: Die Patienten sind zwar immer noch depressiv, haben aber mehr Energie und setzen ihren Selbstmordgedanken in die Tat um.

Laut Bschor ist das Risiko vor allem zu Beginn der Behandlung, nach jeder Dosiserhöhung und nach dem Absetzen der Psychopharmaka erhöht. Vor allem in diesen Phasen sollte ein genauer Blick auf mögliche Suizidgedanken gelegt werden. Müller-Oerlinghausen zeigt ein weiteres Problem auf. Entwickeln Patienten unter SSRI Suizidgedanken, würden Ärzte dies nicht als Nebenwirkung der Arzneistoffe realisieren und stattdessen die Dosis erhöhen – mit fatalen Folgen. „Und am nächsten Tag springt die Frau vor den Zug.“ Dies sei so immer und immer wieder geschehen.

  • 1
  • 2

APOTHEKE ADHOC Debatte

Mehr zum Thema

Weiteres
Coronavirus

Zu viele Ausnahmen

Maskenpflicht: Ärzte stellen Atteste ohne Anamnese aus»

Maßnahmen im Epidemie- oder Pandemiefall

Pharmazieräte: Apotheken sollten Betriebsärzte bestellen»

Aufklären und Gemeinschaftssinn stärken

Corona: Einfluss auf die Kinder-Psyche»
Markt

Apothekenkooperationen

Migasa fusioniert mit Alphanet»

Projekt „Switch“

Ominöse Briefe: Easy auf Kaltakquise»

Großhandel

Sanacorp: Defekte als Umsatzkiller»
Politik

Auch Kritik aus China

Spahn zu WHO-Austrittsankündigung der USA: „Herber Rückschlag”»

Stellungnahme zu Selbsttötung

BAK gegen Kontrahierungszwang bei Sterbehilfe»

Fehlmedikation bei Parkinson-Patienten

Bundesregierung: Kein Interesse an Aut-idem-Reform»
Internationales

Österreich

Wirkstoffverordnung: Hersteller gegen Gesundheitsminister»

Gesundheitsausschuss stimmt für Festpreise

Schweiz: Apotheker sollen nur noch das Billigste abgeben»

Führungswechsel

EMA: Pharmazeutin als neue Geschäftsführerin»
Pharmazie

Nächtliche Lichtexposition

Brustkrebsrisiko erhöht durch Straßenlaternen»

AMK-Meldung

Daivobet: Abweichende Haltbarkeitsangaben»

Rückruf

Ibuflam geht retour»
Panorama

WHO

Kampf gegen HIV und Aids in Gefahr – wegen Corona»

Nachhaltigkeitsprojekt

Apothekenwald: Die ersten Bäume sind gepflanzt»

Baldrian, Hopfen & Co.

Heilkräuterwanderung – gefragt wie nie»
Apothekenpraxis

Timo coacht

Digitalisierung: Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen»

Wieder mit Phoenix vereint

MVDA: AEP hat ausgedient»

IT-Umstellung

Folgekosten: Apobank richtet Schadensstelle ein»
PTA Live

ZL prüft Ophthalmika

Ringversuch: Hypertone Natriumchlorid-Augentropfen»

Auf den Bindungspartner achten

Dosierung anpassen: Coffein oder Coffeincitrat?»

Frau zieht im Verkaufsraum blank

Braunschweig: Popo-Diebin schlägt schon wieder zu»
Erkältungs-Tipps

Immunsystem stärken, Hygiene beachten

Fünf Tipps zur Erkältungsvorbeugung»

Verbreitung von Krankheitserregern

Tipps zur Vermeidung von Schmier- und Tröpfcheninfektionen»

Maßnahmen zur Vorbeugung und Behandlung

Infekte in der warmen Jahreszeit»
Magen-Darm & Co.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Colitis ulcerosa: Wenn der Dickdarm erkrankt»

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen

Morbus Crohn: Schubweises Leiden»

Besondere Ernährungsformen

Low-carb und Keto: Verzicht auf Kohlenhydrate»
Kinderwunsch, Schwangerschaft & Stillzeit

Bluthochdruck, Diabetes & Co.

Chronische Erkrankungen in der Schwangerschaft»

Engmaschige Vorsorgemöglichkeiten

Risikoschwangerschaft: Von Fruchtwasseruntersuchung und iGeL»

Hygienemaßnahmen bieten Schutz

Covid-19 in der Stillzeit: Was ist zu beachten?»
Medizinisches Cannabis

Interview mit Michael Becker

Cannabis-Prüftipps vom Pharmazierat»

Teil 2: Belieferung & Dokumentation

How to: Cannabisrezept»

Cannabispreisverordnung

Tilray: „Auch wir haben auf die Änderungen reagiert“»
HAUTsache gesund und schön

Isotretinoin, MTX & Co.

Hautpflege bei bestimmter Medikation»

Neue Kosmetikkonzepte

Hygiene in die Pflegeroutine integrieren»

Sommerzeit = Sonnenbrandzeit

Sonnenschutz: Mindestens LSF 30»