SSRI: Neuer Wirkmechanismus entdeckt | APOTHEKE ADHOC
Antidepressiva

SSRI: Neuer Wirkmechanismus entdeckt

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Berlin -

Bislang war bekannt, dass Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) den Abbau des Neurotransmitters Serotonin verlangsamen. Wissenschaftler des Universitätsklinikums Freiburg haben nun einen zweiten Mechanismus entdeckt. Demnach sollen diese Gruppe der Antidepressiva zusätzlich den Kalzium-Transport in Nervenzellen blockieren und das Gehirn resistenter gegen Stress machen.

Als Hauptursache für Depression zählt seit Langem eine zu geringe Konzentration an Serotonin. Therapeutisch kommen bei diesem Krankheitsbild SSRI wie Citalopram, Escitalopram, Paroxetin und Sertralin zum Einsatz. Die Arzneistoffe beheben diesen Mangel, in dem sie die Wiederaufnahme hemmen und damit für höhere Konzentrationen der Substanz im synaptischen Spalt sorgen. Die Forscher des Universitätsklinikums Freiburg, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Universität Basel hatten aus Vorstudien jedoch den Verdacht, dass dies nicht der einzige Wirkmechanismus dieser Wirkstoffgruppe ist.

Deshalb untersuchten sie in einem Tiermodell Mäuse, die keinen Serotonin-Aufnahmemechanismus besaßen. Erwartungsgemäß hätten diese eigentlich nicht auf die SSRI-Gabe reagieren dürfen. „Zu unserer großen Überraschung zeigte sich auch bei Tieren ohne Serotonin-Transporter ein antidepressiver Effekt“, sagt Professor Dr. Claus Normann, Studienleiter und Geschäftsführender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Die Forscher stellten fest, dass die Antidepressiva in einen zentralen Lern- und Anpassungsmechanismus des Gehirns eingreifen, der neurowissenschaftlich als „synaptische Plastizität“ bezeichnet wird. Um neue Reize zu verarbeiten und sich an Stress anzupassen, müssen neue Nervenverknüpfungen im Gehirn gebildet werden. Es ist bekannt, dass diese Fähigkeit bei Depressiven schwächer ist als bei Gesunden.

Die Wissenschaftler konnten an Labortieren zeigen, dass SSRI diesen Anpassungsprozess normalisieren, indem sie den spannungsabhängigen L-Typ Ca2+-Ionenkanal blockieren. „Das verhindert eine stressbedingte Depression und hilft Tieren, die bereits depressionsähnliche Symptome zeigen“, sagt Normann. „Unsere Studie zeigt deutlich, dass diese Blockade ein wesentlicher Wirkmechanismus von Antidepressiva ist.“ Die Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachjournal „Biological Psychiatry“.

In Deutschland leiden schätzungsweise mehr als vier Millionen Menschen an einer Depression. Die Betroffenen fühlen sich niedergeschlagen, antriebs- und interesselos und haben unter anderem Schlafstörungen und sind in ihrer Leistungsfähigkeit stark eingeschränkt. Je nach Schwere der Krankheit können Suizidgedanken auftreten. Die Wirkung der indizierten Arzneimittel setzt oft erst nach Wochen ein, diese „Wartezeit“ ist für die Depressiven häufig mit einer zusätzlichen Belastung verbunden.

„Fast alle Medikamente gegen Depressionen, die in den letzten Jahrzehnten auf den Markt kamen, waren lediglich geringfügige Abwandlungen der ursprünglichen Substanzen. Unsere Erkenntnisse können helfen, Medikamente zu entwickeln, die ganz gezielt den neu entdeckten Wirkmechanismus angreifen. Das könnte Menschen helfen, bei denen bisherige Medikamente nicht oder kaum gewirkt haben“, so Normann.

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