„Apotheker waren noch niemals begnadete Revolutionäre“, meint Dr. Thomas Richter aus Würzburg. Gemeinsam mit seiner Frau betreibt er zwei Apotheken. Er sieht die Apothekerschaft gerade in einer äußerst schwierigen politischen Situation: Die Proteste des vergangenen Monats seien bereits verpufft, Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) bleibe bei ihren Versprechungen für mehr Honorar, doch Taten folgten nicht. Auch der eigenen Standesvertretung sei es geschuldet, dass es für die deutschen Apotheken nicht vorwärts gehe.
Innerhalb eines Open-Source-Projektes von Ostdeutscher Allgemeiner und Berliner Zeitung konnte der Apotheker einen Beitrag veröffentlichen. Nach einem Schwenk zu Apotheker und Schriftsteller Theodor Fontane, der bei der Revolution im März 1848 merkte, dass er nicht zum Protest tauge, zieht Richter Parallelen zu den Apothekern von heute, die zuletzt im Merz gemeinschaftlich auf die Straße gingen.
„Ich habe immer die Vergeblichkeit dieser Abda-Aktionen gesehen und ahnte schon, dass es wieder so passiert“, ergänzt Richter zu seinem Beitrag. Zur Unzufriedenheit mit der Abda und dem Protest ohne Folgen habe Fontanes Beispiel gut gepasst, meint er. Aus der Politik kämen Rückhalt und Versprechungen, die laut Richter aber eher an eine Hinhaltetaktik erinnern lassen. „Schuld an dieser Misere ist neben der Politik aber auch die standeseigene Organisation, die Abda“, schreibt er im Artikel der Berliner Zeitung und meint damit den Aufbau der Standesvertretung.
Die Abda wurde 1950 als Zusammenschluss von Kammern und Verbänden gegründet – „ein Grund für die Fesseln, die sich die Abda selbst angelegt hat“, so Richter. „Problematisch ist die Konstruktion der Abda aus mehreren Gründen. Zum einen können die Apothekerinnen und Apotheker die Abda-Vertreter nicht selbst wählen, da diese von Kammern und Verbänden bestimmt werden. Es handelt sich um ein Musterbeispiel einer Hinterzimmer-Politik, bei der Personen attraktive Posten ohne Legitimation der Basis erhalten. Darüber hinaus holt sich die Abda ihre Beiträge von den Kammern und Verbänden, diese wiederum von den Kolleginnen und Kollegen“, befindet der Inhaber.
Die Abda sei daher „eine Art ‚Staat im Staate‘, dessen 34 Mitglieder selbstherrlich entscheiden können, ohne dass die Basis ein Mitspracherecht hat“. Dass es hier nicht nur um Berufsinhalte, sondern gleichermaßen auch um Wirtschaftsinteressen gehe, sei eine Fehlkonstruktion. Während auf der einen Seite die freiwillige Mitgliedschaft für kommerzielle Interessen stehe, seinen auf der anderen Seite Zwangsmitgliedschaften in den Kammern – Körperschaften des öffentlichen Rechtes, die den einzelnen Bundesländern unterliegen. „So ist also die Abda in einem ständigen Konflikt zwischen Regierung und Opposition.“
Das habe sich auch beim Protest gezeigt, unter anderem in Baden-Württemberg. Hinzu kamen andere standespolitische Differenzen: Richter wirft der Gewerkschaft Adexa „mangelnde Solidarität“ vor, da man darauf gepocht habe, dass es sich um einen Protest und um keinen Streik gehandelt habe, die Inhaber:innen also den Dienst wie gewohnt bezahlen müssten, auch wenn die Apotheke geschlossen wurde. Stattdessen hätte die Adexa auch in Form einer Streikkasse den Protesttag unterstützen können, findet der Inhaber.
Als einzigen standespolitischen Lichtblick nennt Richter die Freie Apothekerschaft (FA), die sich inzwischen auch zunehmend in Berlin Gehör verschaffe. „Wer die Abda jedoch kennt und ihre Strukturen überschaut, weiß, dass diese schon seit Jahrzehnten ein zahnloser Tiger ist und in ihrer Geschichte wenig bewirkt hat. Das wirksamste Mittel, um der Bevölkerung die Dringlichkeit der Situation vor Augen zu führen, ist eine Apothekenschließung.“
Junge Pharmazeut:innen seien so schwerlich von der Selbstständigkeit zu überzeugen. „Wer trägt noch gerne ein unternehmerisches Risiko für eine Branche, die seit Jahrzehnten nicht adäquat durch die Politik vergütet wird? Nicht wenige Inhaberinnen und Inhaber sehnen daher den Tag ihrer Geschäftsaufgabe herbei, an dem sie von allen Sorgen entbunden sind.“ Hinzu komme das zunehmende Insolvenzrisiko, auch im Osten, „wo die Infrastruktur auf dem Land sowieso schon sehr lückenhaft ist“.
Und hier komme es dann auch schnell zum gesellschaftspolitischen Problem: „Fällt die Apotheke als gesellschaftliches Zentrum in den Dörfern oder Stadtteilen weg, wird das Gefühl, abgehängt zu sein, noch größer. Die Sehnsucht nach den verlässlichen DDR-Apothekenstrukturen ist daher verständlich. Dort funktionierte die Versorgung trotz Planwirtschaft hervorragend, auch wenn Arzneimittellieferengpässe natürlich immer ein Thema waren“, so Richter.
„Der Blick in die Geschichte ist zwar erhellend, wird aber auch das alte System nicht mehr zum Leben erwecken. Und so wird bei sinkender Zahl an Standorten die bewährte Arzneimittelversorgung zu Grunde gerichtet. Die Abda ist nicht in der Lage, gegenzuhalten und auch die Apotheker haben noch nie zur Revolution getaugt“, schließt der Inhaber und schwenkt wieder zu Fontane, der nach seiner Revolutionserfahrung sagte: „Freiheit konnte sein, Lebertran musste sein.“
„Ob der Präsident der Abda, Thomas Preis, ähnliche Gedanken wie Theodor Fontane hatte, als er nach dem Protesttag wieder in seiner Kölner Apotheke stand?“
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