„Wozu brauchen wir Apotheken eigentlich noch?“ Mit dieser Frage hat der „Gernot Hassknecht“ der Ärzteschaft in dieser Woche für Furore gesorgt. Es war nicht der erste verbale Ausfall von Frank Dastych, aber die Attacke hatte es natürlich in sich. Doch das kurzerhand eigenmächtig eingeführte Dispensierrecht wird für ihn zum Desaster.
In Dastychs Praxis im hessischen Bad Arolsen gibt es einen neuen Service: Patientinnen und Patienten können ihre Medikamente ab sofort direkt mitnehmen. Ganz freiwillig kam das neue Angebot nicht: Denn nicht nur im politischen Raum war ein Sturm der Entrüstung über den Ärztefunktionär hereingebrochen. Viel schlimmer: Alle vier Apotheken im Ort weigerten sich plötzlich, Rezepte aus seiner HNO-Praxis zu beliefern. So blieb ihm gar nichts anderes übrig, als ins vermeintlich lukrative und unkomplizierte Arzneimittelgeschäft einzusteigen. Doch das sollte sich noch als schwerer Fehler erweisen.
Dabei hatte Dastych seine Einlassungen eigentlich nur als liebevollen Schubser gemeint. „Eine Dienstleistung, die noch etwas mit Pharmazie im eigentlichen Sinne zu tun hat, findet in den Apotheken kaum noch statt. Zumal sich diese vorrangig über den Beiverkauf von Gummibärchen und Kosmetika zu finanzieren scheinen. Wozu brauchen wir solche Apotheken also eigentlich noch?“ Was sollte an dieser nüchternen Bestandsaufnahme falsch sein?
Wie dem auch sei. Seit Freitag werden in der Praxis nicht nur faciale Körperöffnungen ausgeleuchtet, sondern auch die passenden Medikamente abgegeben. Im bisherigen Pausenraum hatte Dastych ein kleines Vorratslager eingerichtet, ein paar Antibiotika, ein paar kortisonhaltige Nasensprays und abschwellende Nasentropfen, dazu Halstabletten, Ohrentropfen und einen Schwung Ibuprofen und Paracetamol. Auf dem Tresen platzierte er ein paar Kosmetikprodukte und Traubenzuckerwürfel, fertig war die Miniapotheke. Nun konnte der ultimative Beweis erbracht werden, dass Ärzte eigentlich die besseren Apotheker sind.
Doch es scheiterte schon daran, dass die Sprechstundenhilfe partout nicht mit dem Warenwirtschaftssystem umgehen konnte. Eilig stellte Dastych nun Papierrezepte aus, doch hier erwies es sich als Nachteil, dass niemand seine Handschrift lesen konnte.
Da Abverkäufe nicht erfasst wurden, herrschte im provisorischen Warenlager bald ein heilloses Durcheinander. Ohnehin hatte der Chef am Vorabend alle Packungen noch einmal in die Hand genommen und nach ICD-Code einsortiert. Zum Ärger seiner Angestellten hatte er unabgesprochen auch noch damit begonnen, einzelne Blister aus den Packungen zu entnehmen und als Muster an seine Lieblingskunden zu verteilen.
Das Konzept der Abgaberangfolge verstand er trotz wiederholter Lektüre von Sozialgesetzbuch und Rahmenvertrag nicht, auch Rabattverträge und Importquote bleiben für ihn abstruse Fremdwörter. Defektnachweis war für ihn gleichbedeutend mit Diagnosestellung, beim Stichwort Rezeptur dachte er an sein Lieblingslokal.
Auch die Beratungsgespräche offenbarten kulturelle Klüfte: Statt verständlicher Einnahmehinweise wie „Einmal täglich nach dem Essen“ murmelte Dastych bei der Abgabe lateinische Formeln wie „1x1 post prandium“, die niemand verstand. Die verängstigten Patienten starrten ihn an, als würde er Dämonen beschwören.
Als ein Familienvater gleich noch ein Rezept aus einer anderen Praxis einlösen wollte, gingen die Pferde endgültig mit ihm durch: „Quacksalber, Kurpfuscher, war schon im Studium nicht zu gebrauchen“, schimpfte er ohne Hemmungen vor sich hin.
Selbst sein ausgeklügeltes Abverkaufskonzept kam weniger gut an. Als „Head of Sales“ hatte die Arzthelferin die Aufgabe übertragen bekommen, keinen Patienten ohne Zusatzverkauf gehen zu lassen. Doch das einzige Argument, das ihr überhaupt einfallen wollte, war: „Halt, junger Mann! Der Herr Doktor hat Sie zehn Minuten untersucht, da werden Sie ja wohl zumindest diese Nahrungsergänzungsmittel für 80 Euro mitnehmen!“
Am Ende der ersten Woche hatte kein einziger Patient das Medikament bekommen, das er eigentlich wollte. Stattdessen hatte Dastych sie alle mit einer Krankschreibung für die nächsten drei Wochen nach Hause geschickt. Und weil bereits die ersten Retaxationen ins Haus flattern, sperrte er die Praxis ebenfalls zu. „Wegen Burn-out bis auf Weiteres geschlossen.“
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