Die Abgabe von bestimmten verschreibungspflichtigen Arzneimitteln direkt durch Approbierte und ohne Verschreibung durch Ärzt:innen ist spätestens seit den Plänen für das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) auch in Deutschland wieder ein Thema. In England läuft Ähnliches bereits seit dem 31. Januar 2024 im Rahmen des „Pharmacy First“-Programms – mit Erfolg. Aber das Honorar müsste höher sein, meint die Apothekerschaft.
Wie das Programm bisher in der Praxis funktioniert, thematisierte der Deutschlandfunk kürzlich und befragte dazu Apotheker Olivier Picard, Inhaber von vier Apotheken in England und seit einem Jahr Vorsitzender der National Pharmacy Association (NPA). Laut Bericht konnten innerhalb eines Jahres in England so mehr als fünf Millionen Hausarzttermine eingespart werden. Und das Potenzial sei deutlich höher: Bei der NPA schätzt man, dass rund 50 Millionen Hausarzttermine pro Jahr eingespart werden könnten.
Initiiert wurde „Pharmacy First“, um die überlaufenen Hausarztpraxen zu entlasten. Teilnehmende Apotheker:innen haben eine Zusatzausbildung erhalten, die es ihnen möglich machen soll, Diagnosen für sieben leichte Erkrankungen zu stellen. Dazu gehören:
„Wir haben strenge Protokolle, damit sind Fehldiagnosen sehr unwahrscheinlich, weil wir Ausschlusskriterien haben für komplexe Fälle, typischerweise für Kinder unter fünf Jahren oder Ältere“, so Picard.
Die Hemmschwelle für Patienten sei niedriger, Termine seien meist nicht notwendig. Picard betont: „Wir versuchen nicht die Arbeit der Ärzte zu übernehmen, sondern schlicht mehr freie Termine bei Ärzten zu schaffen, weil das hier wie in vielen Ländern schwierig ist. Es gibt nicht genug Ärzte, sie haben nicht genug Zeit, deshalb sind Apotheken der Ort, an dem das geschehen kann.“
Und bisher laufe das Programm gut: „Ich begrüße das. Die Rolle des Apothekers entwickelt sich weiter. Wir sind an einem spannenden Punkt, wenn wir früher lediglich Rezepte rausgegeben haben; jetzt kommt uns eine stärker klinisch orientierte Rolle zu“, so Picard. Der chronisch unterfinanzierte Gesundheitsdienst NHS soll mit der Maßnahme gestützt werden, die Apotheken tragen aktiv dazu bei – und werden dafür honoriert. 17 Pfund (also etwa 20 Euro) gibt es pro Beratung und einen Bonus von 1000 Pfund, wenn monatlich mehr als 30 Beratungen geleistet werden.
„Wer sich krank fühlt, kommt in die Apotheke“, heißt es in dem Beitrag. „Picard führt die Kunden dann in einen Besprechungsraum, ruft die Patientenakte auf und hält alles fest.“ Auch die im Beitrag befragten Menschen freuen sich über das Angebot ihrer Apotheke: „Es ist einfacher, in die Apotheke zu gehen. Sie sind so freundlich und hilfsbereit.“ Es sei großartig, dass es nun so laufe, und das Vertrauen den Apotheker:innen gegenüber sei groß.
Doch die alleinige Rettung für die auch in Großbritannien angeschlagenen Apotheken ist das Programm nicht. Auch hier stehen die Apotheken unter Druck, viele mussten in den letzten Jahren schließen. Zudem sei die Vergütung von „Pharmacy First“ immer noch nicht ausreichend, so die Kritik der Berufsverbände.
So heißt es aktuell Ende März bezüglich einer ausbleibenden Anpassung des Apothekenhonorars: „Die Regierung muss endlich aufhören, hart arbeitende Apotheken wie Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Wenn für Hausärzte rechtzeitig vor April finanzielle Regelungen getroffen werden können, gibt es keine Entschuldigung dafür, dass Apotheken nicht dieselbe Unterstützung zuteil wird“, so der NPA-Geschäftsführer Henry Gregg.
Die aktuelle Finanzierungsnot beim NHS habe zu einer Krise geführt, die auch die Apotheken in Mitleidenschaft ziehe: Jede sechste britische Apotheke (also rund 1600 Apotheken) hätte aufgrund chronischer Unterfinanzierung ihre Öffnungszeiten am Wochenende eingeschränkt, wobei 8 Prozent allein in den letzten vier Jahren beschlossen hätten, samstags und sonntags komplett zu schließen, so die NPA. Soforthilfen für die Apotheken werden gefordert.
Auch die Kritik einer möglicherweise erhöhten Antibiotika-Abgabe stand im Rahmen des Projekts im Raum. Picard betont, dass bisher keine Überverordnung zu erkennen ist. Er befürwortet das Angebot: „Zum ersten Mal werde er für seine Zeit bezahlt, sagt Picard, egal ob er dem Patienten am Ende Medikamente verkauft oder nicht. Geht es nach ihm, müsste das Programm nun auf noch mehr Erkrankungen ausgeweitet werden“, heißt es im Beitrag. Abwegig ist das nicht, denn in Wales und Schottland dürfen Apotheker:innen bereits knapp 30 Erkrankungen diagnostizieren.
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