Die Notfallreform sieht künftig vor, dass Praxen am Wochenende Medikamente unter bestimmten Voraussetzungen direkt an Patienten abgeben. Diese neue Form der Versorgung zwingt Heilberufler:innen in eine bürokratische Doppelstruktur, die den Versorgungsalltag in eine logistische Sackgasse manövriert. In einem laufenden Modellprojekt lässt sich bereits jetzt bestaunen, wie dieser administrative Irrsinn die Grenze zwischen Arztpraxis und Apotheke endgültig einreißt.
Freitagabend, 19.45 Uhr in der Notdienstpraxis: Dr. Klaus-Dieter Aufschnaiter, ein Hausarzt Ende 50, öffnet mit einem Ruck den Schrank, in dem früher die anatomischen Modelle der Wirbelsäule und des Ohrs standen. Wo einst künstliche Knochen lagerten, thront nun das Herzstück des Modellprojekts: Die massiven Setzkästen, die der Apothekenbote erst gestern Abend mühsam heraufgeschleppt hat. Aufschnaiter liebt dieses neue System; nach Jahrzehnten am Stethoskop darf er endlich auch mal ein bisschen „apothekern“ und die fachmännisch bestückten, durchnummerierten und farblich angepassten Fächer plündern.
„Wo war das Metamizol?“, murmelt er verzückt und greift in die Tiefen des Apotheken-Setzkastens. Alles ist penibel vorsortiert: Blau für Blutdruck, Rot für Herz. Er reicht Frau Schulze ein klebriges Röhrchen einer Heilpraktikerfirma, das die Apotheke bereits mit exakt 4 ml vorbefüllt hat – eine Geste der herrschaftlichen Arzneimittelgabe, die er sichtlich genießt, während er das fremde Inventar als sein eigenes verteilt. „Den Rest gibt es Montag in der Apotheke – und falls das Insulin knapp wird: Den Pen teilen Sie sich mit ihrer Nachbarin Olga Kochschmidt – frische Nadel machen wir drauf.“
Kurz vor Feierabend packt ihn der soziale Ehrgeiz. Er nimmt ein bauchiges Weinglas und inszeniert für Oma Kochschmidt – die er seit über 30 Jahren behandelt – den neuesten TikTok-Trend: Das „Spaßglas“. Alles, was im Setzkasten von der Woche noch übrig geblieben ist und droht abzulaufen, will er noch loswerden, schließlich muss man nachhaltig denken.
Während er die letzten Tropfen Psychopharmaka am Rand entlanglaufen lässt, als wären sie ein edler Jahrgangswein, fallen ihm auch noch die drei Bisoprololtabletten aus Fach 16a/34 und irgendwelche Ibuprofendragees ins Auge. „Was solls, die kommen hier auch noch mit rein, dann sind sie weg.“ Zufrieden reicht er die wilde Mischung der Dame: „Hier, Oma Olga, ein Spaßglas für den passenden Vibe am Abend“, zwinkert er stolz.
„Weib? Ist das nicht etwas despektierlich?“, fragt sie irritiert. Oma Olga versteht zwar kein Wort von seinem modernen Mediziner-Slang, erfreut sich aber sichtlich an der bunten Mixtur, die sie sich glatt zwanzig Jahre jünger fühlen lässt.
Kurz bevor sie die Praxis verlässt, pfeift er sie zurück: „Nehmen Sie noch diese 10 Milliliter Diclofenac für Herrn Lüdenscheidt im Erdgeschoss mit. Aber nichts entnehmen! Alles ist exakt gewogen! Die Apotheke reagiert sonst mit totalem Chaos, wenn sie den Setzkasten am Donnerstag zur Neubefüllung wieder abholt!“
Schnitt: Montag, 7.55 Uhr: Apotheker Thorben Schnarrenberger steht mit schweißnassen Händen am HV-Tisch. Draußen lauert die Horde. Es ist Rentnertag – 15 Prozent Rabatt auf alles außer Rx. Heute droht die Kernschmelze: Schnarrenberger durchschaut die Flucht seines Chefs zur Kammerversammlung sofort. Zu den knallharten Schnäppchenjägern gesellt sich die neue Spezies der Vom-Arzt-Versorgten, die ihre Wochenend-Relikte zur Vervollständigung einklagen.
Punkt 8 Uhr knallt Frau Schulze ihr klebriges Fläschchen auf den HV. „Vom Doktor! 4 ml Metamizol hat er mir gegeben. Hier das Rezept für den Rest! Ich stehe im Halteverbot!“ Da das System keine angebrochenen Flaschen kennt, beginnt das neue pharmazeutische Sakrament: Schnarrenberger öffnet eine fabrikneue Flasche und lässt unter den argusäugigen Blicken der Kundin exakt jene 4 ml heraustropfen, die Aufschnaiter am Freitag bereits ausgehändigt hat.
Die Packung im Computer darf nur den exakten Restwert des Rezepts enthalten. Die extrahierte Menge wandert in ein händisch beschriftetes Röhrchen und dann in den Setzkasten hinter dem HV. Direkt danach schiebt Frau Schulze das nächste Relikt über den HV: „Und hier das Diclofenac für Herrn Lüdenscheidt – wehe, das Wiegeprotokoll stimmt nicht! Außerdem lässt Olga Kochschmidt fragen, ob sie den Insulin-Pen jetzt ganz behalten darf, weil sie sich mit dem Lüdenscheidt im Treppenhaus so gut geeinigt hat!“
Da die Apothekerteams in ihrer Verzweiflung mittlerweile ganzheitlich denken, kutschiert der Bote diesen Setzkasten jeden Donnerstagabend zurück in die Praxis von Dr. Aufschnaiter. Dort erhält der Arzt exakt jene Milliliter-Reste zurück, die er am Vorwochenende unters Volk gebracht hat – ein pharmazeutisches Recycling, das selbst der Mafia die Schamesröte ins Gesicht treiben würde.
Aufschnaiter nimmt die angebrochenen, von fremdem Speichel und Küchenstaub benetzten Röhrchen mit der Ehrfurcht eines Kurators entgegen und sortiert die Rückläufer für den nächsten Patienten wieder in seine Fächer. Was am Freitag als „akute Hilfe“ das Haus verließ, kehrt am Donnerstag als hygienisches Abenteuer zurück, um am darauffolgenden Freitag erneut in die nächste Kruke gezählt zu werden. Ein Perpetuum Mobile aus Glas, Galle und den Resten der deutschen Arzneimitteltherapiesicherheit. Für die ständig neuen Generika, die aufgrund der drölfzigtausend Rabattverträge sein kleines Setzkastenuniversum zu sprengen drohen, wird ihm bestimmt auch noch was einfallen.
Tatsächlich: Das Bundeskabinett hat den Entwurf zur Reform der Notfallversorgung verabschiedet. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) strich die geplanten Notfallapotheken in den Notfallzentren (INZ). Stattdessen sollen Ärzt:innen in Notfallpraxen ein eingeschränktes Dispensierrecht erhalten, um die Arzneimittelversorgung selbst zu sichern – allerdings ausschließlich an Freitagen.
Übrigens: Das Spargesetz von Nina Warken (CDU) hebt die Zuzahlungen auf bis zu 15 Euro an – ein Riesenvorteil für DocMorris. Der Versender nutzt die Gunst der Stunde bereits aktiv und lockt Kunden mit seinen Bonus-Modellen weg von der Vor-Ort-Apotheke. Außerdem: Das geplante Spargesetz sieht eine einnahmenorientierte Ausgabenpolitik für alle Honorare vor, nimmt jedoch Vorstandsbezüge aus, während die Krankenkassen gegen eine geplante Deckelung letzterer Sturm laufen.
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