90 Prozent Überlebensrate nach sechs Jahren

mRNA-Impfstoff: Erfolg bei Bauchspeicheldrüsenkrebs

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Berlin -

Ein individualisierter mRNA-Impfstoff könnte die Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs grundlegend verändern. In einer klinischen Studie zeigten fast 90 Prozent der Patient:innen mit erfolgreicher Immunantwort selbst sechs Jahre nach der Behandlung keine Rückfälle. Diese Langzeitdaten des Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK) belegen erstmals, dass das Immunsystem durch die Impfung dauerhaft darauf trainiert werden kann, Tumorzellen zu bekämpfen.

Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt zu den tödlichsten Tumorerkrankungen, da Ärzt:innen ihn oft erst spät erkennen und die Rückfallquote selbst nach Operationen hoch bleibt. Laut dem Bericht „Cancer Statistics 2026“ der American Cancer Society erreicht die allgemeine Fünf-Jahres-Überlebensrate lediglich etwa 13 Prozent.

Vor diesem Hintergrund untersuchte das Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York City – eine auf Onkologie spezialisierte Forschungseinrichtung – ein neues Behandlungsmodell. Im Zentrum steht der mRNA-Impfstoff Autogene Cevumeran. Das auf Immuntherapien spezialisierte Mainzer Unternehmen Biontech entwickelte diesen gemeinsam mit dem US-Biotech-Unternehmen Genentech aus dem Roche-Konzern.

Personalisierte Therapie gegen Rückfälle

Dieser Behandlungsansatz ist laut MSK individuell auf den jeweiligen Patient:innen zugeschnitten. Zunächst werde der Tumor chirurgisch entfernt. Da Bauchspeicheldrüsenkrebs jedoch eine hohe Rückfallquote aufweist, werde das Erbgut des entnommenen Tumorgewebes im Labor analysiert.

Ziel sei es, spezifische Eiweißstrukturen – sogenannte Neoantigene – zu finden, die ausschließlich auf den Krebszellen des Erkrankten vorkommen. Auf Basis dieser Merkmale werde dann ein maßgeschneiderter mRNA-Impfstoff produziert. Dieser diene als Bauplan, der das Immunsystem darauf trainiere, verbliebene Krebszellen im Körper gezielt aufzuspüren und zu vernichten.

Laut dem MSK dauert die Herstellung dieses Impfstoffes etwa sechs Wochen. In der klinischen Untersuchung wurde das Vakzin nicht isoliert eingesetzt, sondern war Teil einer kombinierten Therapiestrategie. Diese umfasste neben der Operation eine begleitende Chemotherapie sowie eine Immuntherapie mit einem Checkpoint-Inhibitor, der die körpereigene Abwehr zusätzlich stärkt.

Hohe Überlebensraten durch Immunantwort

In der 2022 gestarteten Phase-I-Studie untersuchte das MSK an 16 Personen vorrangig die Sicherheit und das biologische Prinzip des Ansatzes. Bei der Hälfte der Teilnehmenden habe der Impfstoff eine starke Reaktion der T-Zellen ausgelöst. Diese speziellen Immunzellen seien auch nach Jahren im Blut nachweisbar geblieben. Bei diesen sogenannten Respondern sei der Krebs während des ursprünglichen Beobachtungszeitraums von drei Jahren nicht zurückgekehrt.

Aktuelle Langzeitdaten zeigen laut MSK zudem, dass fast 90 Prozent der Proband:innen mit einer solchen Immunantwort zum Zeitpunkt der Datenerhebung sechs Jahre nach der Behandlung noch lebten. „Die Ergebnisse sind ermutigend“, sagt Dr. Vinod Balachandran, Arzt und Wissenschaftler am MSK. Er verweist auf die dauerhafte Wirkung: „Die Daten deuten darauf hin, dass Impfstoffe das Immunsystem so stimulieren können, dass es Patienten selbst Jahre nach der Behandlung weiterhin gut geht.“

Globale Forschung mit deutscher Beteiligung

Die Ergebnisse stießen aufgrund der zentralen Rolle von Biontech auch in Deutschland auf politisches Interesse. Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kommentierte auf Instagram: „Die Ergebnisse der Behandlung von Bauchspeicheldrüsenkrebs durch mRNA Impfung sind spektakulär gut. Es zeigt sich der Wert der Forschung. Auch Biontech ist Pionier dieser Forschung.“

Während die Phase-I-Studie den wissenschaftlichen Durchbruch im kleinen Rahmen markierte, wird die Forschung laut MSK nun in einer Phase-II-Studie international ausgeweitet. Genentech leitet derzeit diese globale Untersuchung, um die Überlegenheit des Impfstoffs gegenüber der herkömmlichen Standardtherapie an einer größeren Gruppe von etwa 260 Patient:innen klinisch zu bestätigen.

In Deutschland beteiligen sich Zentren in Berlin, Bochum, Köln, Dresden, Essen, Frankfurt, Hamburg, Heidelberg, München, Tübingen und Ulm an dieser Untersuchung.

Die Studie mit dem Titel „Personalized RNA neoantigen vaccines stimulate T cells in pancreatic cancer“ wurde im Fachjournal „Nature“ veröffentlicht und am Memorial Sloan Kettering Cancer Center (MSK) durchgeführt.

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