Weitere Wirkstoffkandidaten

Camostat gegen Covid-19

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Berlin -

Zu den wohl bekanntesten Wirkstoffkandidaten der aktuell laufenden Studien gehören die Wirkstoffe Chloroquinphosphat und Hydroxychloroquin. Der Wirkstoff Remdesivir gilt für viele Wissenschaftler als weiterer Hoffnungsträger. Doch auch unbekanntere Vertreter werden in Laboren überprüft – Camostat, ein Wirkstoff gegen Bauchspeicheldrüsenentzündung, soll in klinischen Studien getestet werden.

Eine Gruppe von deutschen Wissenschaftlern prüft aktuell, ob der Wirkstoff Camostat, enthalten in dem Präparat Foipane, gegen Covid-19 wirksam ist. Die Forscher nutzen bei ihren Untersuchungen Erkenntnisse von der Sars-Pandemie 2002/2003. Denn das aktuelle Coronavirus bindet, ähnlich wie Sars-CoV-1, über Proteine an die Zielzelle. Diese sogenannten Spikes benötigen eine Protease, um in die Wirtszelle einzudringen. In-vitro konnten die Wissenschaftler zeigen, dass der Wirkstoff die Oberfläche des Virus so verändert, dass es nicht in die Zelle eindringen konnte – es konnte keine Virusreplikation stattfinden.

Das Interesse an dem Wirkstoff ist groß – genauso wie das Team, das sich unter der Leitung von Infektionsbiologen des Deutschen Primatenzentrums an unterschiedlichen Standorten mit der Wirksamkeit von Camostat beschäftigt. Eingebunden sind die Berliner Charité, die BG-Unfallklinik Murnau, die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, die LMU München, das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung und das Robert-Koch-Institut (RKI).

Ein entscheidender Vorteil gegenüber vielen anderen Wirkstoffen ist, dass Camostat unter dem Namen Foipane in Japan bereits seit über zehn Jahren als Arzneimittel zugelassen ist. Der Proteasehemmer wird unter anderem bei Pankreatitis oder postoperativer refluxbedingter Speiseröhrenentzündung eingesetzt. Das Nebenwirkungsprofil ist gut bekannt. Zu den schwerwiegenden Nebenwirkungen mit unbekannter Häufigkeit gehören anaphylaktischer Schock, Thrombozytopenie, Hyperkaliämie und hepatische Dysfunktion.

Bei Camostat Mesilat handelt es sich um einen Serinproteaseinhibitor. Sie sind eine Unterfamilie der Peptidasen, ihre Aufgabe ist die Spaltung von Proteinen und Peptiden. Serinproteasen haben eine Vielzahl von Körperfunktionen, daher kann davon ausgegangen werden, dass der Arzneistoff mehrere Wirkungen im Körper hat. Aktuell ist er in Japan für zwei Indikationen zugelassen, weitere Einsatzgebiete halten Forscher für möglich.

Die Wissenschaftler konnten zunächst bestätigen, dass Sars-CoV-2 über den ACE-2-Rezeptor an die Wirtszelle andockt und dort die transmembrane Serinprotease 2 (TMPRSS2) als zelluläres Protein benötigt, um in die Zelle eindringen zu können. Würde man nun die Bildung dieses Proteins unterbinden, so die Wissenschaftler, käme die Vermehrung des Virus eventuell zum Erliegen. Die ersten Untersuchungen mit menschlichen Lungenzellen halten die Wissenschaftler für vielversprechend. Nun muss herausgefunden werden, ob auch genügend Wirkstoff im Lungengewebe ankommt. In Zusammenarbeit mit der Berliner Charité soll die Behandlung von Covid-19-Patienten mit Foipan zeitnah getestet werden.

Der Hersteller von Foipan ist Ono Pharmaceutical. Die Test-Dosierung der Untersuchung betrug dreimal täglich 200 mg. Sollten weitere Studien eine Wirksamkeit bestätigen, so könnte Foipan in einem schnellen Verfahren zur Behandlung von Covid-19 zugelassen werden.

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