Blutverdünner

ASS 100: Bei Senioren wirkungslos?

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Berlin -

Bislang wird davon ausgegangen, dass Acetylsalicylsäure (ASS) in niedrigen Dosen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Sinne einer Sekundärprävention schützt. Neue Daten aus der randomisierten, kontrollierten Aspree-Studie stellen nun die Rolle des Arzneistoffs in der Primärtherapie bei älteren Menschen infrage. Aber auch das Sterberisiko soll bei dieser Patientengruppe erhöht sein, wie die Wissenschaftler im „The New England Journal of Medicine” (NEJM) berichten.

Niedrigdosierte ASS hat sich in der Sekundärprävention kardiovaskulärer Ereignisse etabliert, doch wie sieht es in der primären Prävention aus? Können ältere gesunde Menschen das Entstehen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern, wenn sie das Arzneimittel einnehmen? Dieser Frage ging die Forschergruppe Aspree („Aspirin in Reducing Events in the Elderly”) nach.

Für ihre Studie haben sie insgesamt 19.114 Frauen und Männer ab 65 Jahren beobachtet, die keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz oder eine Behinderung hatten. Nach dem Zufallsprinzip bekamen die Studienteilnehmer täglich entweder 100 mg ASS (n = 9525) oder Plabebo (n = 9589). Der mediane Follow-up betrug 4,7 Jahre. Der primäre Endpunkt war eine Kombination aus Tod, Demenz oder anhaltender körperlicher Behinderung. Die sekundäre Endpunkte umfassten schwere Blutungen und kardiovaskuläre Erkrankungen, definiert als tödliche koronare Herzerkrankung, nicht tödlicher Myokardinfarkt, tödlicher oder nicht tödlicher Schlaganfall oder Krankenhausaufenthalt wegen Herzinsuffizienz.

Nach der Beobachtungszeit stellten die Wissenschaftler fest, dass die Rate der kardiovaskulären Erkrankungen in der ASS-Gruppe bei 10,7 Ereignissen pro 1000 Personenjahren lag. In der Placebo-Gruppe kam es zu 11,3 Ereignissen; damit gab es keine bemerkenswerten Unterschiede. Die Rate schwerer Blutungen war unter einer Therapie mit ASS um 38 Prozent höher als bei Teilnehmern, die Placebo bekamen. Die Ergebnisse waren statistisch signifikant.

Die Wissenschaftler warfen auch einen Blick in die Todesfälle: Nach 4,7 Jahren starben insgesamt 1052 Menschen. In der ASS-Gruppe war das Sterberisiko um 14 Prozent höher. Hauptursache dafür war Krebs: Krebsbedingte Todesfälle traten bei 3,1 Prozent der Teilnehmer der ASS-Gruppe und 2,3 Prozent der Patienten der Placebo-Gruppe auf. Bei scheinbar gesunden älteren Erwachsenen, die täglich ASS erhielten, wurde eine höhere Gesamtmortalität beobachtet als bei denjenigen, die Placebo erhielten. „Im Zusammenhang mit früheren Studien war dieses Ergebnis unerwartet und sollte mit Vorsicht interpretiert werden”, schreiben die Forscher.

Bei bisher veröffentlichten Primärpräventionsstudien mit niedrig dosierter ASS war die Mortalität nicht ähnlich hoch. Diese Studien hatten auch keine höhere krebsbedingte Mortalität gezeigt. Vor allem unterschieden sich die Studiendesigns im Vergleich zur Aspree-Studie im Hinblick auf den sekundären Endpunkt und andere Endpunkte für Krebs. Im Rahmen der aktuellen Untersuchung wurden Tumorgewebeproben der jeweiligen Patienten entnommen. „Sie könnten bei der weiteren Erforschung der beteiligten biologischen Mechanismen nützlich sein”, so die Wissenschaftler.

Im Gegensatz zur Aspree-Studie haben Metaanalysen früherer randomisierter Präventionsstudien mit ASS eine schützende Wirkung auf den krebsbedingten Tod gezeigt, die sich nach vier oder fünf Jahren kontinuierlicher Therapie zeigte. Zudem gab es auch Hinweise auf ein geringeres Risiko für den Tod durch metastasierte Krebsausbreitung bei Teilnehmern, die den Arzneistoff erhielten. Die biologische Grundlage für eine frühe oder eine verzögerte Wirkung von ASS auf Krebs ist derzeit unklar. Bekannt ist, dass ASS verschiedene zelluläre und molekulare Signalwege beeinflusst, die für die Initiierung, Progression und Ausbreitung von Krebs relevant sind.

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