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Abgeholt und eingetütet

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Berlin -

Bei dm können Kunden künftig nur noch abholen, nicht mehr bestellen, denn die Rezeptsammelstelle wird zum Paketshop. Dafür können sie vielleicht gleich die Gesundheitsprodukte mitnehmen, die es bei Aldi Nord nicht mehr gibt. Oder sie versuchen bei ebay ihr Glück, wo sich ein gigantischer Schwarzmarkt entwickelt.

Was zu Beginn schon stotterte, verstummt nun: Mit den Pick-up-Stellen und der Kooperation mit der Versandapotheke „Zur Rose“ wollte dm sein Image aufpolieren und Gesundheitsversorger werden. Mangels radikaler Liberalisierung waren die Pharma Punkte gegenüber Apotheken aber dann doch nicht konkurrenzfähig; sie verschwinden. Nur an der Kasse darf der Abholzettel des Versenders noch abgegeben werden.

Auch für „Zur Rose“ sprangen nicht genug Neukunden auf den Karren: Bestellung am Terminal, Eintüten der Rezepte, lange Wartezeiten schreckten offenbar ab. „Die in den rund 1600 dm-Filialen installierten Bestellterminals wurden zu wenig genutzt“, sagte der neue Deutschlandchef Walter Hess in einem Interview im aktuellen Geschäftsbericht. Wer die Entscheidung traf, das Konzept einzustampfen, bleibt vorerst im Dunkeln.

Auch bei Aldi Nord wird es mit den heimlichen Träumen, Versandapotheke mit Pick-up-Stellen zu werden, nichts. Der Lebensmitteldiscounter verabschiedet sich von dem Regalgeschäft mit Gesundheitsprodukten: Aus zehn werden drei. Gegen die Drogerien hatte der Discounter, der lange und zäh daran festhielt, keine Chance. Drehzahlen und Handelsmargen sind niedrig gegen den Drogeriemarktführer dm und seinen Karmpfpreise.

Lidl war bereits im April 2013 ausgestiegen, Aldi Süd kämpft mit mehr Regalbreite noch an vorderster Front. Aldi Nord will nun auf ein saisonales Angebot setzen: Hustensaft im Winter, Muskelpräparate im Sommer. Hinzu kommen die Nahrungsergänzungsmittel.

Auch bei der Arztempfehlung scheinen Kunden/Patienten wenig flexibel: Immer größeres Gewicht legen sie auf den Tipp des Docs. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Sempora geben Patienten einer Alternative kaum Chancen, wenn der Arzt ein bestimmtes OTC empfohlen hat. 16 Prozent aller rezeptfreien Verkäufe beruhen auf ihrer Empfehlung. Die Apotheker liegen mit 18 Prozent immer noch vorn, aber wohl nicht mehr lang. Auch die Preisbereitschaft steigt mit der Arztempfehlung.

Bei ebay gelten indes andere Regeln: Dem illegalen Handel scheint nichts beizukommen: Laut einer Studie bieten rund 2500 private Verkäufer Teststreifen für Diabetiker. 939 davon haben zwischen 2011 und 2014 rund 6 Millionen Teststreifen für 2 Millionen Euro verkauft. In der Regel gebe es gleichzeitig zwischen 900 und 1300 Angebote von Privatpersonen, so Professor Dr. Heiko Burchert von der Fachhochschule Bielefeld, darunter Diabetiker, dankbare Versorger, Entsorger und Massenrealisierer. Auch Apothekenmitarbeiter verkauften die Produkte. Der Spitzenverdiener unter den Massenrealisieren habe in den drei Jahren einen Umsatz von 40.000 Euro erwirtschaftet.

„Besonders günstige Konditionen“ können aber auch Offizin-Apotheken bieten – etwa bei Hormonspiralen. Damit warb die Apotheke an der Universität in Bielefeld. Mittels Ausnahmeregelung lässt sich die Preisbindung umgehen, denn die Abgabe von „aus Fertigarzneimitteln entnommenen Teilmengen“ unterliegt nicht der Preisbindung, „soweit deren Darreichungsform, Zusammensetzung und Stärke unverändert bleibt“.

Almased wurde indes gerügt, zu vollmundig geworben zu haben – und zwar unrechtmäßig. Laut dem Landgericht Lüneburg darf die Firma keine konkreten Aussagen über Dauer und Ausmaß einer Gewichtsreduktion für ihr Diätprodukt machen. Auch Erfahrungsberichte mit bezifferten Gewichtsreduktionen sowie Versprechen eines aktivierten Stoffwechsels sind untersagt, weil irreführend. Die Verbraucherschützer finden das gut: Lebensmittel dienten ihrer Bestimmung nach der Ernährung und nicht der Behandlung von Krankheiten.

Eine Adelung erhielten in dieser Woche dagegen Genossenschaften: Das Miteinander beim Einkauf wird in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Eine Bewerbung bei der UNESCO ist eingereicht. Die Genossenschaftsidee sei in diesem Jahr der erste und in diesem Jahr einzige Beitrag, mit dem sich Deutschland bei der UNESCO um einen Eintrag in die internationale „Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ bewirbt.

Unter en Großhändlern können sich also Noweda und Sanacorp freuen. Das Genossenschaftswesen verdiene es, zum immateriellen Kulturerbe ernannt zu werden. Die Idee sei modern, erfolgreich und basisdemokratischer als jede andere Unternehmensform.

Wenn Apotheker den Großhändler wechseln, gibt es dagegen schon mal Ärger – etwa wegen zuvor vereinbarter Rückvergütungen. Eine Apotheke aus Baden-Württemberg streitet mit Branchenprimus Phoenix, weil Fahrten berechnet wurden, die gar nicht stattgefunden haben. Weil dem Subunternehmer erst zu Ende Februar gekündigt werden konnte, wurde der Monat einfach der Apotheke in Rechnung gestellt, auch wenn diese bereits zu Ende Januar gekündigt hatte.

Geärgert werden die Apotheker auch von Herstellerseiter: Abbott lässt sie in der Diabetes-Versorgung neuerdings links liegen: Der High-Tech-Sensor FreeStyle Libre wird ausschließlich direkt vertrieben. Der Apothekerverband Duisburg/Niederrhein forderte eine Klarstellung, wie die Notfallversorgung von statten gegen soll und wie Apotheker zu vergüten seien, wenn sie die Lücken der Telefonhotline füllten.

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