Orale Einnahme statt wöchentliche Spritze: Metabolische Erkrankungen wie Adipositas und Typ-2-Diabetes könnten in Zukunft vermehrt auch per täglicher Tabletteneinnhame behandelbar sein. Lilly will noch bis Jahresende die Zulassung für eine „Abnehmpille“ mit dem Wirkstoff Orforglipron beantragen.
Während injizierbare Therapien in Form von „Abnehmspritzen“ den Markt in der jüngeren Vergangenheit bereits grundlegend verändert haben, rücken nun orale Alternativen in den Fokus. Kürzlich verkündete Novo Nordisk die baldige Einführung seiner Wegovy-Tablette. Lilly treibt ebenfalls die Prozesse für eine Zulassung voran – für den Wirkstoff von Orforglipron.
Der Wirkstoff gehört zu den ersten nicht-peptidischen, oralen GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Neue klinische Daten zeigen vielversprechende Therapieansätze für eine niederschwellige und vor allem frühzeitige Versorgung von Adipostias- sowie Diabetespatient:innen.
In Deutschland ist der Handlungsbedarf bei Stoffwechselerkrankungen unvermindert hoch. Die chronische Adipositas betrifft mittlerweile rund 20 Prozent der erwachsenen Bevölkerung und führt jährlich zu schätzungsweise 100.000 vorzeitigen Todesfällen. Sie ist zudem mit über 200 potenziellen Folge- und Begleiterkrankungen assoziiert. Trotz der medizinischen Empfehlung, das Körpergewicht um 5 bis 10 Prozent zu reduzieren, scheitern rein lebensstilmodifizierende Maßnahmen, wie Ernährungsumstellung und Bewegung, in der Praxis meist. Dennoch erhalten bisher weniger als 2 Prozent der betroffenen Patient:innen eine medikamentöse Unterstützung.
Eng mit dem Übergewicht verknüpft ist der Typ-2-Diabetes, an dem in Deutschland ca. 9,3 Millionen Menschen leiden – bei jährlich rund 450.000 Neuerkrankungen. Über 80 Prozent dieser Diabetes-Patient:innen in Europa sind übergewichtig oder adipös. Die therapeutische Realität zeigt jedoch Defizite: Nur etwa 60 Prozent der Betroffenen erreichen hierzulande ihre individuell vereinbarten HbA-1-Zielwerte. Ein frühzeitiger Gewichtsverlust von 5 Prozent wird medizinisch empfohlen; Gewichtsreduktionen im Bereich von 10 bis 15 Prozent können sogar krankheitsmodifizierend wirken und den Verlauf der Erkrankung maßgeblich verbessern.
Orforglipron greift direkt in das inkretinbasierte hormonelle Regelsystem des Körpers ein. Durch die spezifische Aktivierung des GLP-1-Rezeptors stimuliert das Molekül eine gesteigerte, glucoseabhängige Insulinfreisetzung bei erhöhtem Blutzucker und hemmt zeitgleich die Glukagonbildung.
Für die Gewichtsregulation sind vor allem die peripheren und zentralen Effekte entscheidend: Der Wirkstoff führt zu einer physiologischen Verlangsamung der Magenentleerung. Gekoppelt mit einer zentralen Appetitregulation wird dadurch ein höheres Sättigungsgefühl erzeugt. Dies erleichtert es Patient:innen, die Energiezufuhr zu kontrollieren.
In der nun vorliegenden zweiten zulassungsrelevanten Studie des Herstellers Lilly wurden Patient:innen untersucht, die sowohl an hohem Übergewicht als auch an einem Typ-2-Diabetes leiden. Diese Subpopulation gilt klinisch als besonders herausfordernd, da eine Gewichtsabnahme bei bestehender metabolischer Dysfunktion erfahrungsgemäß schwerer zu erreichen ist als bei Übergewichtigen ohne Begleiterkrankungen.
Die zentralen Ergebnisse nach einer Behandlungsdauer von 72 Wochen zeigen:
Trotz der positiven Ergebnisse zeigt sich eine bekannte therapeutische Hürde: Etwa jeder zehnte Proband in der höchsten Dosierungsstufe brach die Behandlung vorzeitig aufgrund von unerwünschten Nebenwirkungen ab. Das Verträglichkeitsprofil entspricht im Wesentlichen den bekannten Vertretern dieser Substanzklasse, welche vorwiegend gastrointestinale Beschwerden umfassen. Neue, unerwartete Sicherheitsrisiken wurden indes nicht berichtet.
Eine tägliche Tabletteneinnahme könnte die Hemmschwelle bei Patient:innen mit Nadelphobie senken. Im Gegensatz zu älteren oralen Peptid-Formulierungen erfordert Orforglipron laut Lilly keine strikten Restriktionen bei der Nahrungs- oder Flüssigkeitsaufnahme, wie etwa die Einnahme auf nüchternen Magen. Somit könne das Medikament flexibel in den Alltag integriert werden.
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