Unflätig und kräftezehrend: Die Anrufe im Notdienst können für Apothekerinnen und Apotheker anstrengend sein. Auch Verena Potthoff erlebte in ihrem jüngsten Sonntagsnotdienst sexuelle Belästigung am Telefon. Die Inhaberin der Rathaus Apotheke in Telgte geht damit professionell um, doch spurlos gehen die Belästigungen nicht an ihr vorbei. Statt Stöhnen wünscht sie sich Anfragen, ob Medikamente vorrätig sind. „Das sind Anrufe, die zu selten stattfinden.“
Bei ihrem jüngsten Sonntagsnotdienst musste sich Potthoff ärgern. Denn wieder einmal gab es einen vulgären Anruf. Ihr anfängliches Bauchgefühl gab ihr Recht. „Wenn eine unterdrückte Nummer anruft und ein Mann ‚eine Frage stellen will‘, dann ist es oft ein spezieller Fall“, sagt die 46-Jährige, die seit 2015 selbstständig ist.
Der Anrufer habe schließlich von Potenzproblemen gesprochen und schnell mit Stöhnen begonnen. „Ich habe dann sachlich gesagt, dass so etwas nicht in den Apothekennotdienst gehört und aufgelegt.“ Solche Störungen wiederholten sich immer wieder. „Das ist etwas, was viele im Notdienst betrifft.“ Sie weiß von Kolleg:innen, dass in anderen Apotheken auch Trillerpfeifen zum Einsatz kommen.
Ein Problem sei das Gefühl der Hilflosigkeit. „Ich habe es als übergriffig empfunden. Aber was soll ich machen, die Polizei anrufen?“ Geschehen würde nichts, da ja auch die Nummer nicht sichtbar sei. „Die telefonische Erreichbarkeit der Apotheken im Notdienst wird ausgenutzt.“ Auch andere Anfragen etwa nach einer Therapieveränderung oder anderen „Pseudofragen“ gebe es. „Viele rufen nachts um 3 Uhr mit irgendwelchen Fragen an, die nichts mit dem Apothekennotdienst zu tun haben.“
Die Telefonanlage sei bereits umgestellt worden. Seitdem werden die Öffnungszeiten mitgeteilt. Dadurch entfielen die Anfragen, ob man Notdienst und geöffnet habe. „Deshalb bin ich früher bestimmt 20 Mal ans Telefon gegangen.“
Die Inhaberin steht hinter dem Notdienst und wünscht sich in einem Gebiet mehr telefonische Nachfragen. Wenn sich etwa mehr Patientinnen und Patienten, die in der Klinik oder vom Notarzt behandelt würden, in den Apotheken nach dem Vorrat des verschriebenen Arzneimittels fragen würden, gebe es weniger Aufwand und letztlich weniger Frust bei der Kundschaft. Denn im Falle einer Nichtverfügbarkeit könne die gleiche behandelnde Ärztin oder der Arzt eine Alternative verschreiben. Die Kundinnen und Kunden ersparten sich, Wege doppelt zu fahren.
Oft könne sich die Kundschaft nicht vorstellen, was für Anrufe in Apotheken eingingen, sagt Potthoff. Wie sie haben bereits andere Kolleginen versucht, das Thema in die Öffentlichkeit zu bringen. Beispielsweise wurde ein zentral organisierter Bereitschaftsdienst für Apotheken analog zum ärztlichen Patientenservice gefordert.Nicole Stöven, Geschäftsführerin des Bremer Apothekerverbands, forderte unlängst, sexuelle Belästigung zu thematisieren. Glücklicherweise gebe es auch die andere Seite, sagt Potthoff: „Die dankbaren Kundinnen und Kunden, die den Notdienst wirklich zu schätzen wissen.“