Lieferengpässe wegen Coronavirus

„Bisher sind wir immer davongekommen, vielleicht auch diesmal“ Tobias Lau, 12.02.2020 10:13 Uhr

Berlin - In Teilen Chinas steht die Wirkstoffproduktion für den Rest der Welt still und niemand kann jetzt schon vorhersagen, welche Folgen das für die hiesige Arzneimittelversorgung haben wird. Welche Rolle spielen dabei Lieferketten und Lieferantenkonzentration? Morris Hosseini ist Senior Partner und Pharmaexperte der Unternehmensberatung Roland Berger. Seit Jahren warnt er bereits vor der Konzentration der Wirkstoffhersteller in Indien und China, die Folgen der jetzigen Produktionseinbrüche durch das Corornavirus sieht er deshalb nicht als Problem, sondern als Symptom. Im Interview mit APOTHEKE ADHOC erklärt er, wie lange es dauern könnte, bis wir hierzulande die Ausfälle zu spüren bekommen. Um diese zu verhindern, müssten die europäischen Sozialsysteme demnach mehr Geld in die Hand nehmen als bisher.

ADHOC: Die Produktionsausfälle in China durch die Sicherheitsmaßnahmen der dortigen Behörden lassen Befürchtungen wachsen, dass sich die ohnehin schon angespannte Situation von Lieferengpässen bei Arzneimitteln noch verschärft. Kann es durch das Coronavirus zu größeren Lieferengpässen kommen?
HOSSEINI: Wir haben zu dem Thema schon vor längerer Zeit eine Studie gemacht, in der wir auf die Problematik hingewiesen haben. Von daher ist die Thematik nicht wirklich neu. Mit dem Coronavirus könnte sich die Situation nun verschärfen. Aber das Virus ist nicht die Ursache des Problems. Das Problem ist die Zentralisierung und Verknappung der Wirkstofflieferanten. Und der Grund dafür ist, dass die Preise so niedrig sind, dass sich eine Produktion in Europa finanziell nicht rechnet.

ADHOC: Wie lang ist der Zeitraum, den Hersteller einen großflächigen Produktionsausfall in China verkraften können?
HOSSEINI: Das ist eine ganz entscheidende und eine sehr brisante Frage, mit der man sehr verantwortungsvoll umgehen muss. Panik zu schüren ist bei diesem Thema auf jeden Fall das falsche Mittel. Denn wenn die Leute Angst hätten, dass beispielsweise die Antibiotika ausgehen und sich bevorraten, dann kann das erst recht zu Engpässen führen. Und seriös kann diese Frage auch gar nicht final beantwortet werden. Es kommt auf die Wirkstoffe an, aber auch auf die Hersteller, wie sehr sie sich bevorraten, wie hoch die Haltbarkeit ist und so weiter. Von dem, was ich bisher heraushöre, kann ich aber sagen: Die nächsten ein bis zwei Monate wird es keine größeren Einschränkungen geben, aber ewig wird es auch nicht gehen. Wir reden hier nicht von einem theoretischen Problem, es gab solche Verknappungen bereits, zum Beispiel wegen Produktionsausfällen. Bisher sind wir immer davongekommen, vielleicht auch diesmal. Wir müssen endlich an die Wurzel des Problems gehen, bevor der Tag kommt, an dem es nicht mehr gut ausgeht.

ADHOC: Welcher Zeitraum wäre in so einem Szenario realistischer Weise tragbar?
HOSSEINI: Tragbar ist prinzipiell keiner. Tragbar wäre es, wenn wir erst gar nicht in so eine Situation kommen. Deshalb weisen wir schon seit längerem auf das Problem hin. Das Coronavirus hat dafür gesorgt, dass das Thema wieder mehr Aufmerksamkeit erhält.

ADHOC: Welche Rolle spielt dabei die Struktur der Lieferkette?
HOSSEINI: Das ist bei jedem Wirkstoff anders. Bei Cephalosporinen beispielsweise ist die erste Produktionsstufe die Biofermentation, ein durchaus komplexes Herstellungsverfahren, bei dem Hefepilze den Grundstoff herstellen, der dann aufgereinigt werden muss. Im zweiten Produktionsschritt erfolgt dann die chemische Modifikation zum finalen Wirkstoff. Dann folgt ein dritter Produktionsschritt, bei dem mit Hilfe von Zusatzstoffen die finale Formulierung erzeugt wird, die Tablette oder Kapsel. Je nachdem, bei welchem Produktionsschritt welches Unternehmen übernimmt, ist auch die Informationslage eine andere. Es kann beispielsweise passieren, dass der Lieferengpass für den Hersteller in Indien entsteht, weil das dort ansässige Werk den Wirkstoff nicht liefern kann. Der Grund dafür ist dann aber eventuell, dass der Grundstoff aus China im indischen Werk fehlt.

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