Große Abfrage bei Herstellern

BfArM in Sorge: Arzneimittelnotstand wegen Coronavirus?

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Berlin -

Der Ausbruch des Coronavirus in China kann zu lebensbedrohlichen Lieferengpässen bei 48 versorgungsrelevanten Wirkstoffen führen. Das geht aus einer internen E-Mail der Geschäftsführung des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) hervor, die APOTHEKE ADHOC vorliegt. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat sich am frühen Dienstagnachmittag mit einem Hilfegesuch an den Verband gewendet, um die Gefahrenlage zu eruieren. Auch der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) soll bei seinen Mitgliedsfirmen nachfragen.

„Trotz ‚beruhigender‘ Aussagen des Bundesgesundheitsministers hinsichtlich der Sachlage zum Coronavirus sieht man auf Seiten des BfArM gewisse zusätzliche Gefahren an anderer Stelle“, heißt es in einer Mail aus der Geschäftsleitung des BPI. Konkret heißt das: In weiten Teilen Chinas und insbesondere im Ort des ersten Virus-Ausbruchs, der zentralchinesischen Metropole Wuhan, stehen Millionen Menschen unter Quarantäne – Millionen, die nicht zur Arbeit gehen können, beispielsweise bei den zahlreichen Wirkstoffherstellern der Region. „Aufgrund des Ausbruchs des Corona-Virus könne nicht ausgeschlossen werden, dass es zum Beispiel durch Zwangsferien, Quarantänen und Unterbrechungen von Lieferwegen zu Lieferengpässen von Arzneimitteln kommen könnte“, gibt der BPI die Anfrage des BfArM wieder.

Denn in Bonn herrscht offenbar große Verunsicherung und eine dünne Informationslage. Das BfArM hat versucht, sich selbst schlau zu machen und ist zu erschreckenden Ergebnissen gelangt: „Die Recherche des BfArM hat ergeben, dass für 19 Arzneimittel ein Wirkstoffhersteller in der Stadt Wuhan, dem Epizentrum des Corona-Virus, gemeldet ist“, so der BPI. 17 Wirkstoffe seien als versorgungsrelevant eingestuft. Für die Provinz Hubei sind insgesamt 136 Arzneimittel angegeben, deren Wirkstoffhersteller dort ihren Sitz haben. 48 der betroffenen Wirkstoffe sind als versorgungsrelevant eingestuft.

Deshalb hat das BfArM beim BPI angefragt, ob dem Verband Informationen vorliegen, dass es zu Versorgungslücken kommen kann, welche Wirkstoffe möglicherweise betroffen sind und ob gegebenenfalls schon Gegenmaßnahmen geplant oder durchgeführt worden sind, zum Beispiel der Wechsel des Wirkstoffherstellers.

„Wir sind gebeten worden, hier entsprechende relevante Informationen zu bündeln“, heißt es dazu aus der BPI-Geschäftsleitung. „Im Falle von relevanten Erkenntnissen wären wir Ihnen für die Unterstützung, beziehungsweise Weiterleitung der Anfrage innerhalb Ihres Unternehmens, sehr verbunden und bedanken uns schon jetzt auch im Namen des BfArM für Ihre Kooperation.“ Der BPI bestätigt auf Anfrage die Echtheit der Mail. Die BfArM-Anfrage sei direkt an die Mitgliedsunternehmen weitergeleitet worden, die bereits tätig geworden seien. „Wir kriegen bereits erste Antworten, können aber jetzt noch keine Aussage zur Lage unserer Hersteller treffen“, so ein BPI-Sprecher. Auch beim Branchenverband Pro Generika hat das BfArM eine Abfrage erbeten. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, diese Informationen zu bekommen“, so eine Sprecherin.

Derzeit steht in der Provinz Hubei das öffentliche Leben still. Millionen Menschen sind angehalten, ihre Wohnungen nicht zu verlassen, Betriebe und öffentliche Einrichtungen sind außer Betrieb. Die Zwangsferien für Kindergärten, Schulen und Universitäten wurden jüngst bis zum 2. März verlängert. Berichten aus China zufolge kommt es auch dort immer häufiger zu Engpässen bei diversen Grippe- und Erkältungsmedikamenten sowie Mundschutz und Desinfektionspräparaten, weil inoffizielle Großhändler Bestände aufkaufen und zu einem vielfachen des eigentlichen Preises auf dem Schwarzmarkt weiterverkaufen.

Sollte es durch die Situation in China tatsächlich zu einer akuten Verschärfung der ohnehin heiklen Engpasssituation kommen, dürfte das Wasser auf die Mühlen vieler Kritiker sein: Seit Monaten wird die Forderung immer lauter, Wirkstoffproduktion aus China und Indien zurück nach Europa zu verlagern. Das Argument: Die Zentralisierung und mögliche Anfälligkeit für Ausfälle macht die europäische Arzneimittelversorgung zunehmend verwundbar. Genau dieser Fall könnte nun eintreten.

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