Außendienstler in eigener Mission

Konnektoren-Krieg: Awinta entschuldigt sich bei Red Medical

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Berlin -

Im Hause Awinta hat es ein Außendienstler wohl etwas zu gut mit seinem Arbeitgeber gemeint: Mit einer Präsentation voller Falschbehauptungen über den Mitbewerber Red Medical ging er bei Apotheken hausieren, um sie zu überzeugen, deren Angebot nicht zu kaufen. Doch Red Medical bekam davon Wind und drohte Awinta mit juristischen Schritten, wenn sie die Aussagen nicht richtigstellen. Awinta wiederum versuchte erst gar nicht, das Vorgehen zu verteidigen: Das Softwarehaus distanziert sich von seinem Mitarbeiter, entschuldigt sich bei Red und kündigt an, „die Verantwortlichen“ zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Markt für Apotheken-IT war bisher überschaubar, die wenigen großen Anbieter kannten sich gegenseitig und wussten, mit wem sie es zu tun haben. Seit die Politik der Digitalisierung auf die Sprünge hilft, müssen sich Awinta und Co. aber Sorgen machen, Marktanteile an neue Konkurrenten zu verlieren – und legen deshalb harte Bandagen an: So zumindest interpretiert Jochen Brüggemann die aktuelle Situation. „Wir haben es bei den Warenwirtschaftsanbietern mit einem Oligopol der vier großen Softwarehäuser zu tun, bei dem die Apotheker auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind“, sagt er. Der Geschäftsführer von Red Medical ist seit vergangenem Jahr mit einem eigenen Angebot am Markt, das sich von dem seiner vier Mitbewerber unterscheidet: Während die großen IT-Häuser ihre Konnektoren in die Apotheken bringen wollen, um ihnen die Tür zur Telematikinfrastruktur (TI) zu öffnen, setzt Brüggemann auf die Rechenzentren. Dort sollen die Konnektoren zentral untergebracht werden und die Apotheken über eine gesicherte IP-Schnittstelle in ihren Warenwirtschaftssystemen die Verbindung zum Konnektor und damit der TI herstellen.

Über Vor- und Nachteile beider Modelle lässt sich herzlich streiten, ein Awinta-Gebietsmanager hat es zum Leidwesen seines Arbeitgebers aber in den vergangenen Tagen auf die schmutzige Tour versucht: An die Apotheken seiner Region verschickte er eine Präsentation unter dem Titel „Red Medical Systems GmbH aus Sicht der Noventi“, die APOTHEKE ADHOC vorliegt und in der er die angeblichen Nachteile von Brüggemanns Angebot gegenüber dem eigenen vorführt. Das Problem dabei: Mit der Wahrheit hat er es dabei nicht so genau genommen.

Brüggemann brachte das auf die Palme. Und zwar so sehr, dass er sich mit einem in seiner Sprache ziemlich eindeutigen offenen Brief an Awinta respektive Noventi wandte und unter Androhung rechtlicher Schritte eine Richtigstellung verlangte. „Ich verstehe, dass es Ihnen missfällt, sich nach Jahren der Monopolstellung nun endlich dem Wettbewerb stellen zu müssen, aber das bedeutet nicht, dass Sie deswegen den Pfad der Wahrheit verlassen müssen“, heißt es darin. Danach zerpflückt Brüggemann die Behauptungen der Präsentation.

Wie so oft liegt der Teufel dabei im Detail – doch die Details sind teuer: So behauptet der Awinta-Außendienstler aus der Geschäftsstelle Köln in der vierseitigen Präsentation, das Red-Angebot wäre unter anderem deshalb um 1000 Euro teurer als das eigene, weil dort zusätzliche Anschlusskosten anfallen würden. Das Problem dabei: Awinta verlangt 950 Euro Gebühr für den Anschluss des Konnektors an das Warenwirtschaftssystem von Apotheken, die sich für Red entscheiden, und will darüber hinaus eine Nutzungsgebühr in Höhe von 45 Euro pro Monat. In der Präsentation wird das auf das Red-Angebot angerechnet, als wäre es deren Preis. „Die von Ihnen kalkulierte Nutzungsgebühr der TI-Schnittstelle ist ganz offensichtlich eine reine Strafgebühr für Kunden, die sich für ein anderes Angebot als Ihres entscheiden“, schreibt Brüggemann.

Da es keiner separaten Schnittstelle zur Verbindung mit den Red-Konnektoren bedürfe, entstünden die Kosten nicht tatsächlich zusätzlich, sondern seien sowieso schon in den Kosten für das TI-Softwaremodul enthalten. „Aus Kundensicht wäre es sicher fair, wenn Sie das genauso auch darstellen und berechnen würden“, so der offene Brief. Die Höhe der Awinta-Anschlussgebühr sei darüber hinaus, „nicht nachvollziehbar, denn diese besteht in der Realität ja nur aus der Eintragung der entsprechenden IP-Adresse des Konnektors.“ Red biete den Apotheken gerne an, diese Dienstleistung kostenlos im Rahmen des Angebotes zu erbringen. „Das Angebot eines Wettbewerbers dadurch schlecht zu rechnen, dass man ihm die eigenen Kosten hinzurechnet, mag zwar verlockend sein, ist aber leider vollkommen wettbewerbswidrig. Hier war wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens“, so Brüggemann.

Doch der Außendienstler rechnete nicht nur Awinta-Gebühren auf das Red-Angebot, er unterstellte dem Konkurrenten auch, weitere Gebühren zu erheben, die es nicht gibt – beispielsweise gesonderte Kosten für eine sichere Lieferkette. „Es werden von Red keine gesonderten Kosten für die gesicherte Lieferkette in Rechnung gestellt“, stellt Brüggemann klar. Auch müsse mit der Red Box eine zusätzliche Komponente angeschafft werden, um eine sichere Verbindung von der Apotheke zum Rechenzentrum sicherzustellen. „Unsere Red Box ist lediglich eine Option, wenn in der Apotheke kein VPN-fähiger Router vorhanden ist. Bei den Awinta-Apotheken ist bis dato in keinem einzigen Fall der Einsatz der Red Box notwendig gewesen.“

Auch bei den Leistungen, die Red gegenüber den Apotheken erbringe, hat der Außendienstler mehr als einmal geflunkert. So behauptet er gegenüber den Apotheken, Red biete anders als Awinta keine Beratung zu den Institutionenkarten (SMC-B) und den Heilberufsausweisen (eHBA). „Wir erbringen ausführliche Beratungsleistungen zu SMC-B und eHBA und bieten den Apothekern über unseren Partner Medisign sogar eine eigene Bestellplattform für die Karten“, stellt Brüggemann klar. Genauso wenig vergebe Red eine Bestätigung der Inbetriebnahme durch den Installations-Techniker als Basis für die Erstattung für den Nacht- und Notdienstfond. „Unabhängig davon, dass gemäß Vereinbarung zwischen DAV und GKV-Spitzenverband die Voraussetzung zur Erlangung der Erstattung keine Bestätigung eines Technikers, sondern die Selbsterklärung des Apothekers ist, erhält jeder unserer Kunden eine Bestätigung für den erfolgreichen Anschluss an die Telematik-Infrastruktur und die Einsatzbereitschaft der Fachdienste“, weist Brüggemann ihn an der Stelle zurecht.

Nach eigenen Angaben hat Brüggemann im Vorfeld versucht, das Thema gütlich aus der Welt zu schaffen, ist aber auf taube Ohren gestoßen. „Mein Gesprächsangebot an Noventi/Awinta, um hier für Aufklärung zu sorgen, haben Sie leider ausgeschlagen“, schreibt er. Es nach wie vor sein Ziel, eine einvernehmliche und partnerschaftliche Lösung zu finden – auch deshalb der offene Brief. „Ich habe mit Absicht noch kein Schreiben des Anwalts geschickt, weil ich auch zeigen will, dass wir keinen Krieg wollen“, erklärt er auf Anfrage. Stattdessen setzte er Noventi eine Frist bis Freitag, um „die wahrheitswidrigen und wettbewerbsrechtlich relevanten Aussagen zu widerrufen und zu erklären, dass Sie diese nicht weiterverbreiten.“ Dass die Aktion von der Awinta-Führungsetage autorisiert gewesen sein könnte, will Brüggemann dem Konkurrenten dabei gar nicht vorwerfen. „Das haben die nicht geprüft. Die Präsentation ist so stümperhaft gemacht, dass ich mir da sicher bin“, sagt er. Mit der Einschätzung lag er offensichtlich richtig, zumindest äußert sich Noventi auf Anfrage eindeutig zu dem Fall.

„Wir bedauern den Vorgang sehr, dass in diesem Fall scheinbar Ausarbeitungen einzelner Mitarbeiter der Awinta GmbH nach außen getragen wurden. Von diesen Aussagen Einzelner distanzieren wir uns deutlich und entschuldigen uns formal bei der Red Medical Systems GmbH“, erklärt Gordian Schöllhorn, der nicht nur in der Awinta-Geschäftsführung sitzt, sondern als Generalbevollmächtigter für den gemeinsamen Außendienst im Noventi-Vorstand auch die Verantwortung für den Mitarbeiter trägt. „Diese Inhalte entsprechen nicht der Haltung von Awinta und die Verantwortlichen tragen dafür die Konsequenzen.“ Die Unternehmensleitung toleriere dieses Vorgehen nicht und werde dafür Sorge tragen, dass es gegenüber den Apotheken eine Richtigstellung der „unzutreffenden oder missverständlichen Aussagen gibt und solche Fehler zukünftig nicht mehr passieren werden“.

 

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