Nachtdienstgedanken

„Können Sie mir die Zecke entfernen?“

, Uhr
Berlin -

Für das lange Wochenende hatte ich eigentlich andere Pläne, doch mein Chef musste aufgrund eines Trauerfalls wegfahren und ich einspringen. Max, mein treuer Begleiter, ist in seinem wohlverdienten Urlaub. Nun stehe ich am Pfingstsonntag alleine in der Apotheke und freue mich über möglichst wenige Kunden.

Der Sonntag sollte eigentlich unser Familientag sein, wir wollten im Garten mit Freunden und Verwandten grillen. Das Wetter ist schön, daraus wurde jetzt erstmal nichts, wir haben es auf morgen verschoben. Zum Glück ist morgen auch ein Feiertag. In Berlin haben wir ja bekanntermaßen wenige davon, während sich die Bürger in Baden-Württemberg und Bayern mit mehr vergnügen dürfen.

Doch es gibt Hoffnung: Jüngst hat unser Bürgermeister einen weiteren gesetzlichen Feiertag in Aussicht gestellt. Das ist schon längst überfällig! Es soll ein Tag mit einer politischen Bedeutung sein. Okay, hört sich gut an. Viel wichtiger ist doch, dass alle Bürger die gleiche Anzahl von Feiertagen im Jahr haben, oder? Ist der Münchner mehr wert als der Berliner? Oder warum müssen wir vier Tage mehr arbeiten als die Bayern. Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Und schon klingelt das Telefon. „Haben Sie heute Notdienst?” (Nein, natürlich nicht. Ich stehe zum Spaß hier. Zu Hause ist mir langweilig, ich habe keine Hobbys und auch keine Freunde, mit denen ich eine schöne Zeit verbringen könnte. Freizeit wird überbewertet.) „Ja, ich bin da. Warum fragen Sie?” Die Frau braucht eine Packung Ibuprofen. „Haben Sie noch welche da?” (In der Zwischenzeit klingelt es an der Tür.) „Das wäre ja wie ein Bäcker ohne Brot. Die Schubladen sind voll, keine Angst”, sage ich. Sie lacht und ist beruhigt. Nun will sie sich auf den Weg machen, bevor die Dunkelheit einbricht.

Ich gehe zur Notdienstklappe, ein Mann wartet vor der Tür. Er ist nervös und berichtet mir von seinem Ausflug ins Grüne. Dann zeigt er auf seinen Oberarm: „Können Sie mir die Zecke entfernen?“ Die Apotheke kümmere sich ja um alle Gesundheitsfragen. „Ich kann nicht in Ihren Körper eingreifen, das müssen Sie schon selbst machen.” Meine Antwort hat ihn verständlicherweise nicht zufrieden gestellt. Er ist gekommen, damit ihm geholfen wird. Ich verkaufe ihm eine Zeckenpinzette und ein Desinfektionsmittel.

„Bei Zeckenstichen ist es wichtig, schnell zu handeln. Aber Achtung! Nicht vor, sondern nach der Entfernung die Einstichstelle desinfizieren. Und passen sie auf, dass Sie die Zecke nicht gequetscht wird.“ Ich erkläre ihm, wie er das Tierchen mit der Pinzette greifen kann. Ich kann ihm seine Angst nehmen. „Und was ist, wenn ein Rest der Zecke in der Haut verbleibt?“ Er ist etwas besorgt. „Keine Angst, das ist meistens der Stechapparat. Er wird vom Körper nach paar Tagen abgestoßen. Sie können ihn aber auch mit einer Kanüle selbst entfernen.“

Ich gebe ihm noch weitere Informationen mit auf den Weg. „Wenn nach mehreren Wochen plötzliche unbestimmte Krankheitssymptome wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auftreten, gehen Sie bitte zum Arzt. Dahinter könnte sich FSME oder Borreliose verbergen. Diese Krankheiten werden von infizierten Zecken übertragen.” Das wollte er nicht hören, ich musste es ihm aber sagen. „Und wenn Sie die Zecke doch nicht eigenständig entfernen können, rufen Sie die 116117 an und fragen nach dem ärztlichen Bereitschaftsdienst in ihrer Nähe.” „Ich glaube, ich komme mit der Pinzette klar“, sagt er. „Vielen Dank auf jeden Fall für die kompetente Beratung. Schön, dass Sie auch am Feiertag da sind.“ Er verlässt die Apotheke mit einem positiven Gefühl – alles richtig gemacht.

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