Nachtdienstgedanken

„Können Sie mir die Zecke entfernen?“ Sarah Sonntag, 20.05.2018 07:55 Uhr

Berlin - Für das lange Wochenende hatte ich eigentlich andere Pläne, doch mein Chef musste aufgrund eines Trauerfalls wegfahren und ich einspringen. Max, mein treuer Begleiter, ist in seinem wohlverdienten Urlaub. Nun stehe ich am Pfingstsonntag alleine in der Apotheke und freue mich über möglichst wenige Kunden.

Der Sonntag sollte eigentlich unser Familientag sein, wir wollten im Garten mit Freunden und Verwandten grillen. Das Wetter ist schön, daraus wurde jetzt erstmal nichts, wir haben es auf morgen verschoben. Zum Glück ist morgen auch ein Feiertag. In Berlin haben wir ja bekanntermaßen wenige davon, während sich die Bürger in Baden-Württemberg und Bayern mit mehr vergnügen dürfen.

Doch es gibt Hoffnung: Jüngst hat unser Bürgermeister einen weiteren gesetzlichen Feiertag in Aussicht gestellt. Das ist schon längst überfällig! Es soll ein Tag mit einer politischen Bedeutung sein. Okay, hört sich gut an. Viel wichtiger ist doch, dass alle Bürger die gleiche Anzahl von Feiertagen im Jahr haben, oder? Ist der Münchner mehr wert als der Berliner? Oder warum müssen wir vier Tage mehr arbeiten als die Bayern. Wo bleibt die Gerechtigkeit?

Und schon klingelt das Telefon. „Haben Sie heute Notdienst?” (Nein, natürlich nicht. Ich stehe zum Spaß hier. Zu Hause ist mir langweilig, ich habe keine Hobbys und auch keine Freunde, mit denen ich eine schöne Zeit verbringen könnte. Freizeit wird überbewertet.) „Ja, ich bin da. Warum fragen Sie?” Die Frau braucht eine Packung Ibuprofen. „Haben Sie noch welche da?” (In der Zwischenzeit klingelt es an der Tür.) „Das wäre ja wie ein Bäcker ohne Brot. Die Schubladen sind voll, keine Angst”, sage ich. Sie lacht und ist beruhigt. Nun will sie sich auf den Weg machen, bevor die Dunkelheit einbricht.

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