ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Arzt trifft Apotheke

, Uhr
Berlin -

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat sich nicht im Detail dazu geäußert, was Satire darf, sondern den Fall Böhmermann unkommentiert nicht zur Entscheidung angenommen. Das ist schade, betrifft die Apotheken aber nicht weiter. Denn für die Branche ist eher die Frage zu klären, was überhaupt noch Satire ist. Der Alltag ist absurd genug – oder können Sie noch unterscheiden?

Seit dieser Woche wird in Apotheken gegen Covid-19 geimpft, hauptsächlich in Nordrhein. In einigen Bundesländern dümpelt die Quote der teilnehmenden Apotheken im einstelligen Prozentbereich. Warum ist das so? Zu wenig Impfstoff da? Nein, die Kontingente werden gar nicht voll ausgeschöpft. Personalmangel? Dürfte regelmäßig ein Grund sein, aber bestimmt nicht überall. Also vielleicht doch Angst vor den umliegenden Ärzt:innen?

Das könnte es sein: Immerhin drohen einigen von ihnen damit, den Sprechstundenbedarf woanders zu bestellen, wenn als Folge der neuen Impfkonkurrenz weniger Bedarf an Sprechstunden besteht. Das Dementi der verfassten Ärzteschaft klingt so: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dort Druck durch Ärzte entsteht und gesagt wird, dass nicht mehr bestellt wird.“ Denn es gehe ja auch um wirtschaftlichen Erfolg. Ach so… und wir dachten, es geht um die Impfquote. Aber wie weit gehen die Ärzte? Wurde die Apotheke mit dem Impfhinweis im Schaufenster (s. Abbildung oben) absichtlich vom Dr. Bleifuß als Parkplatz zweckentfremdet?

Die Apotheker:innen reagieren unterschiedlich auf derlei Aggression. Mancher verweist darauf, dass die verordnenden Kolleg:innen im Umgang mit „Ärztemustern“ nicht ganz so nachdrücklich auf das Edikt von Salerno pochen. Andere impfen einfach nicht in der Apotheke, sondern draußen in der Impfbox. Aber nicht wegen böser Ärzte, sondern weil das einfach die beste Strategie im Brennpunkt sein könnte. Erstgeimpfte zum Start der Aktion geben dem Inhaber recht.

Nicht jeder Besucher ist so willkommen in der Apotheke. Kassen-Mitarbeiter suchen Apotheken auf, um mitten in der Pandemie ein bisschen über die Erfüllungsquote bei den Rabattverträgen zu plaudern. Wenn das kein ApoRetrO-Potenzial hat. Das satirische i-Tüpfelchen ist gesetzt, wenn das Rabattarzneimittel für die Versicherten teurer kommt. Denn während die Kassen mit ihren Verträgen Milliarden sparen, werden die Patient:innen bei der Zuzahlung zur Kasse gebeten.

Endgültig zur tragisch-komischen Witznummer ist die Krux mit dem Schieberegler und das „Geschäft“ mit den Zertifikaten geworden: 1/2, 3/3, 5/1, Booster, doppelt genesen, Kopf geschüttelt, ungerührt. Irgendwann demnächst dürfte angesichts der Infektionszahlen der Punkt erreicht sein, an dem wir alle ein Genesen-Häkchen setzen dürfen, hoffentlich dann auch hinter die Pandemie. Der Status wurde wieder von 90 auf 180 Tage zurückverlängert. Die nächste Realsatire.

Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dürfte zwar in dieser Aufzählung fehlen, aber er will nicht. Der Spiegel berichtet über seinen Deal mit den Schweizern über Masken, die in Bayern durchgefallen waren. Der „liebe Jens“ hat zudem latent kompromittierende Post vom DocMorris-Lobbyisten erhalten, als dieser kurz mal für den Edelkaufmann Holt tätig war. Damals ging es um Desinfektionsmittel.

Nicht wie bestellt geliefert wurde dagegen das E-Rezept. Und wie soll das weitergehen? Das neue Gematik-Dashboard lässt bei uns Erinnerungen an die Verplanung des Berliner Flughafens wach werden. Dem BER-Rezept widmen wir daher eine volle halbe Stunde. Mittlerweile macht sich selbst unter den Analysten der börsennotierten Versandkonzerne spürbar Nervosität breit. Die Story ist irgendwie steckengeblieben, die Zahlen sehen nicht besonders gut aus. Ergebniskosmetik durch das Kosmetikergebnis: La Roche-Posay wächst online um 31 Prozent. Aber nicht nur deshalb hat sich Douglas jetzt eine eigene Versandapotheke in den Niederlanden gekauft. Beauty trifft Rx.

Sie sehen, Satire und Realität, die Grenzen verschwimmen. Bei Unsicherheit verweise ich auf das Böhmermann-Urteil. Demnach darf er Erdoğan weiterhin „sackdoof“, „feige“ und „verklemmt“ nennen. Könnte noch hilfreich sein, falls Ihnen mal ein Porsche ins Schaufenster fliegt. Schönes Wochenende!

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