Booster und Erstimpfung: Darum sind Apotheken dabei

„Ich habe schon an das RKI gemeldet“

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Berlin -

Stolz und freudestrahlend hat Apothekerin Dr. Julia Sachse ihre erste Covid-19-Impfung an das Robert Koch-Institut (RKI) gemeldet. Die Inhaberin der Phoenix Apotheke in Mainz impfte heute morgen wie viele Kolleg:innen die ersten Kund:innen gegen Corona. Von den fünf bestellten Vials Comirnaty sind noch vier übrig. Bei der heutigen Bestellrunde will sie wie andere Apotheken deshalb erst einmal aussetzen. Andere zögern noch, weil sie den Ärzt:innen keinen Impfstoff wegnehmen wollen.

Den Auftakt machte heute morgen in der Phoenix Apotheke eine 14-jährige Schülerin, die von ihrem Vater begleitet wurde. „Sie hat sich ihren Booster abgeholt. Ich denke, viele Schüler haben Angst, weil sich gerade die Klassen leeren“, sagt Sachse. Auch ein Bekannter habe sich impfen lassen und eine über 70 Jahre alte Kundin sei bereits für den zweiten Booster angemeldet.

Kundschaft will niederschwelliges Angebot

All diese Kund:innen nutzen das niederschwellige Impf-Angebot der Apotheke. Die Seniorin etwa wohne fußläufig entfernt. „Sie will unkompliziert rein und wieder raus“, so die Apothekerin. Der Standort und die Öffnungszeiten dürften für viele Menschen ein Grund sein, sich in der Apotheke impfen zu lassen. Sachse will den Freitagabend ab 18.30 Uhr zu ihrem Impftag machen. „Wir wollen auch auf die abzielen, die beruflich stark eingebunden sind und am nächsten Tag frei haben, falls es zu einer Impfreaktion kommt.“

Die heutigen ersten Impfungen liefen vor großem Publikum ab. Mehrere Fernsehsender und Zeitungen hatten sich angekündigt, nachdem das rheinland-pfälzische Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit in der Phoenix Apotheke zum Pressetermin geladen hatte. Dabei sei auch die Frage nach der Kritik der Ärzteschaft an den Apotheken-Impfungen gekommen. „Ich habe gesagt, wir können die Pandemie nicht alleine besiegen“, so Sachse. „Ich finde diese Meldungen sehr schade und kenne diese Kritik aus meinem Umfeld nicht. Alle Ärzte, die ich kenne, sehen unser Angebot als Unterstützung.“

Am Vormittag setzte sich Sachse gleich an das Apothekenportal des Deutschen Apothekerverbandes (DAV). „Ich habe schon an das RKI gemeldet“, sagt sie. Der Eintrag lief unkompliziert und brachte eine Überraschung: „Man erhält danach direkt das digitale Impfzertifikat, das ist eine Freude.“

Auch Apotheker Roman Bastian impfte bereits die ersten Kund:innen. Der Inhaber der Apotheke am Markt in Krefeld bestellte für diese Woche vier Vials Moderna und fünf Comirnaty. „Wir hatten eine Erstimpfung von einer Krankenschwester“, freut er sich. Auch wenn die Impfbereitschaft rückläufig sei, erwartet er, dass sich die Nachfrage bei etwa zehn Impfungen pro Woche in der Apotheke einpendeln werde. Bastian ist ein erfahrener Impf-Apotheker und baute in den vergangenen Monaten ein Boosterzentrum auf, in dem er als Delegierter der Ärzt:innen bereits impfte.

„Wir verdienen damit Geld“

Die Beweggründe, weshalb Apotheken gegen Corona impfen, sind unterschiedlich. Der Berliner Apotheker Michael Marquardt bietet die neue Dienstleistung aus finanziellen Gründen an. „Wir verdienen damit Geld und darum mache ich das“, sagt der Inhaber zweier Bahnhofs-Apotheken. In der Pandemie habe es einen „unglaublichen Umsatzeinbruch“ gegeben, betont er. Im ersten Lockdown seien die Verkaufserlöse innerhalb von zwei bis drei Tagen um 80 Prozent zurückgegangen. Aktuell liege der Einbruch im Vergleich zum Januar 2019 bei 30 Prozent. Er betreibt die Apotheke am Hauptbahnhof sowie die Apotheke am Bahnhof Zoo. „Wir müssen sehen, wo wir jetzt Geld verdienen.“ Deshalb setze er auf zusätzliche Einnahmequellen wie die Erstellung digitaler Impfzertifikate und Masken- und Schnelltestverkäufe. „Testungen machen wir selber nicht, weil wir die Vorschriften für die Räume nicht erfüllen können.“

Am Donnerstag will er die ersten Kund:innen gegen Covid-19 impfen. Zwei weitere angestellte Approbierte seien entsprechend geschult. Marquardt beteiligt sich am Grippeimpfungs-Modellprojekt und impfte dafür bereits 140 Menschen. Gegen Corona sind zunächst 36 Impfungen mit dem Biontech-Impfstoff geplant. „Wir verimpfen das erstmal und bestellen diese Woche nichts. Wir wollen uns ersteinmal einfinden.“ Als Zielgruppe für die Covid-19-Impfung sieht er vor allem Berufsstätige, die in der Nähe arbeiten.

Eine Center-Apotheke legt heute auch offiziell los. Bislang wurde in Zusammenarbeit mit Ärzt:innen bereits ein kleines Impfzentrum betrieben – auch die Pharmazeut:innen haben dort unter Anleitung schon geimpft. Aus Überzeugung habe man sich zusammengeschlossen, berichtet der Apothekenleiter. Ab heute kann die Apotheke also auch selbst abrechnen.

Menschen kommen spontan vorbei

Dass zusätzliche Impfangebote für die Kampagne etwas bringen, hat der Apothekenleiter schon selbst erfahren. Nachdem im Center eine Durchsage gemacht wurde, hatten sich allein an einem Samstag 100 Menschen dort impfen lassen – und das, obwohl ein Impfcenter der Stadt in unmittelbarer Nähe ist. „Ein Mann ist mit seinem Sohn spontan vorbeigekommen, weil seine Frau gerade shoppen war.“ In etwa 20 Prozent der Fälle seien es sogar Erstimpfungen gewesen.

Andere Apotheken sind zwar theoretisch bereit, um mit dem Impfen loszulegen, warten jedoch trotzdem noch. Ein Grund: Vielerorts können die Vertrags- und Privatärzt:innen noch nicht umfänglich mit der eigentlich bestellten Impfstoffmenge beliefert werden. „Solange wir unsere Ärzt:innen nicht vollständig mit Impfstoffen versorgen können, wollen wir nicht einsteigen“, berichtet ein Apotheker aus Berlin. Hier kam es bis zuletzt immer wieder zu starken Kürzungen beim mRNA-Imfpstoff von Biontech. Generell sei man jedoch startklar. „Sobald die Impfstoffmengen nicht mehr kontingentiert werden, wollen wir auch unseren Kund:innen das Angebot der Corona-Schutzimpfungen offerieren.“ Bereits mehrere Apotheker:innen haben die geforderten Schulungen erfolgreich absolviert.

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