Arzneimittelmissbrauch

Gefälschte Rezepte & Co. – Arbeiten im Brennpunkt APOTHEKE ADHOC, 07.01.2020 09:50 Uhr

Berlin - In manchen Bezirken von Deutschlands Großstädten gehört der Arzneimittelmissbrauch genauso zum Apothekenalltag wie die Blutzuckermessung. Nicht nur gefälschte Rezepte weisen auf eine missbräuchliche Anwendung hin – auch der Wunsch nach expliziten Präparaten sollte die Aufmerksamkeit vom Apothekenpersonal wecken. Im Umgang mit dem Kunden können schnell Probleme auftreten – häufig trifft man auf Unverständnis und Ärgernis. Eine PTA berichtet aus ihrem Neuköllner Alltag.

Der Berliner Bezirk Neukölln gilt als Brennpunkt. In dem Stadtteil leben knapp 330.000 Menschen verschiedenster Nationen. Der Bezirk gilt als „multikulti“. In Neukölln wohnen zahlreiche kinderreiche Familien, viele von ihnen gehören zu den Geringverdienern. Problemschulen, wie die aus Nachrichten bekannte Rütli-Schule, liegen neben sanierten Altbauten am Kanal. Als zentraler Treffpunkt gilt der Hermannplatz, die Fläche grenzt direkt an einen Park an – der Volkspark Hasenheide ist seit Jahren als Drogenumschlagsplatz bekannt. In diesem Kiez ist Julia* in einer Apotheke beschäftigt. Die PTA ist täglich mit Arzneimittelmissbrauch konfrontiert und berichtet im Gespräch mit APOTHEKE ADHOC von ihren Erfahrungen.

ADHOC: Woran erkennst du Kunden, die Arzneimittel missbrauchen?
PTA: Arzneimittel mit Missbrauchpotenzial werden häufig mit gefälschten Rezepten beschafft, weil die Abhängigen oder Dealer auf normalem Weg keine Verordnungen bekommen. Als erstes kommt es also darauf an, was der Kunde vorlegt: Gefälschte Rezepte sind meist Privatrezepte. Diese können nach der Belieferung dann vom Kunden einfach vernichtet werden – das ist unauffälliger als ein GKV-Rezept zur Abrechnung einzureichen. Und das wissen die Kunden ganz genau. Die PKV-Rezepte sind zum Teil täuschend echt und an stressigen Tagen kann das ein oder andere Indiz untergehen. Dazu kommt, dass die meisten ein Bedrucken und Abzeichnen der Verordnung wünschen, um den Schein zu wahren. Auf den Rezepten finden sich bei uns in der Apotheke immer wieder die gleichen Wirkstoffe. Diazepam ist mit am häufigsten. Die meisten, die das Benzodiazepin missbräuchlich anwenden, wünschen einen ganz bestimmten Hersteller. Gewisse Tabletten sind auf dem Schwarzmarkt mehr wert als andere, das erzählen einem die Kunden zum Teil ganz unverblümt. Neben Diazepam sind Bromazepam, Lorazepam und Oxazepam die Wirkstoffe, die am häufigsten vorkommen. Eigentlich alle Benzodiazepine

ADHOC: Woran fallen Fälschungen auf?
PTA: Ab und an hat man Packungsgrößen auf dem Rezept, die gar nicht existieren. Häufiger kommt es vor, dass direkt mehrere Packungen verschrieben wurden, oftmals gekennzeichnet mit einem Ausrufezeichen – diese Vorschrift der Verschreibungsverordnung ist offenbar ebenfalls bekannt. Auch die Schmerzmittel Tramadol und Tilidin werden oft missbräuchlich angewendet. Tilidin-Tropfen und Rohypnol-Tabletten kommen dagegen gar nicht mehr vor, die Kunden haben verstanden, dass es diese beiden Mittel nur noch auf BtM-Rezpt gibt. Als Flunitrazepam noch nicht der BtM-Pflicht unterlag, hatten wir einen Mindestbestand von 15 Packungen.

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