Nasenspray-Abhängigkeit

Sidos „Methadontherapie“: Meerwasser und Nasensalbe

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Berlin -

Die Abhängigkeit von abschwellenden Nasensprays verläuft oft schleichend. So auch bei Sido – ein freundschaftlicher Tipp seines damaligen Kollegen Harris führte vor 15 Jahren zum Missbrauch. Mittlerweile ist der Berliner Rapper seine Abhängigkeit leid und möchte davon loskommen. Bei Instagram informiert er seine Fans über die von der Apotheke empfohlene Therapie.

Salzwasser-Nasenspray und eine Nasensalbe mit Dexpanthenol – Sido nennt seine neue Behandlung „Methadontherapie“. Mit diesem Ausdruck macht der Musiker klar, dass er unter dem regelmäßigen Gebrauch von nasalen α-Sympathomimetika leidet. Nach eigenen Aussagen war ihm nicht bewusst, dass es durch eine häufige Anwendung zu einer tatsächlichen Abhängigkeit kommen kann. Nun ist seine Nasenschleimhaut geschädigt und trocken.

Im Video bedankt er sich sarkastisch bei einem damaligen Rap-Kollegen: „Vielen Dank an Harris, der mir vor vielen Jahren mal erklärt hat, dass Nasenspray vor der Show gut ist, und dann dachte ich, Nasenspray vor dem Schlafengehen ist bestimmt auch gut, und Nasenspray vor dem Duschen ist bestimmt auch gut, und Nasenspray vor dem Essen ist bestimmt gut, und dann war ich süchtig. Leute, die mich gut kennen, wissen, dass ich immer ein Nasenspray in der Tasche habe.“ Mit lobenden Worten wird in diesem Zusammenhang auch die Beratung in der Offizin erwähnt: „Also wenn euch die Apotheke sagt, benutzt diese Nasenspray nicht länger als eine Woche ­– die haben recht."

Sido hat somit seinen guten Vorsatz für 2020 in Angriff genommen. Die Umsetzung könnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Nach langem Missbrauch ist nicht nur die Nasenschleimhaut ausgetrocknet. Wenn das genutzte Produkt Konservierungsstoffe enthielt, kann es sein, dass die Zilienbewegung geschädigt wurde. Insbesondere der Stoff Benzalkoniumchlorid steht seit Jahren in der Kritik: Das Konservierungsmittel weist ein allergenes und auch zytotoxisches Potenzial auf. Es schädigt konzentrations- und zeitabhängig die Zellmorphologie. Bei einer Anwendung über Jahre ist es wahrscheinlich, dass die Zilienschlagfrequenz und somit die körpereigene Reinigungsfunktion der Nase herabgesetzt ist.

Rhinitis medicamentosa und Rebound Effekt

Als Rhinitis medicamentosa bezeichnet man eine chronische Schwellung der Nasenschleimhäute durch einen regelmäßigen Gebrauch von abschwellenden Nasensprays. α-Sympathomimetika wie Xylometazolin, Oxymetazolin oder Phenylephrin führen zur Vasokonstriktion der Blutgefäße. Weshalb es bei Dauergebrauch zum Ausbleiben der Gefäßverengung kommt, ist nicht vollständig geklärt. Vermutet wird, dass es eine zusätzliche Wirkung auf β-Adrenorezeptoren gibt, hierdurch wird eine Gefäßerweiterung induziert. Bei längerer Anwendung überwiegt der vasodilative Effekt.

Rebound Effekte beschreiben in der Pharmakologie eine überschießende Gegenreaktion bei abruptem Absetzen eines Medikaments. Im Falle von Nasenspray kommt es zur starken Verstopfung der Nase, weshalb viele Abhängige den Absprung nicht schaffen. Um mit der Anwendung aufzuhören eignet sich die Anwendung von hypertonen Meerwasser-Nasenspray. Da der Salzgehalt der Lösung höher als in den Zellen ist, entsteht ein osmotischer Druck – der Nasenschleimhaut wird Flüssigkeit entzogen, so dass es zu Abschwellung kommt.

Die Abhängigkeit nach Nasenspray betrifft Menschen aus allen Altersgruppen: Pharmakologen wie Professor Dr. Gerd Glaeske sprechen sich deshalb für ein Werbeverbot für Nasensprays aus. Glaeske schätzt die Zahl der nasensprayabhängigen Deutschen 2018 auf etwa 100.000 – die Dunkelziffer sei jedoch höher. Die Betroffenen sprechen von Panik, wenn sie ohne das abschwellende Spray sein müssen und haben Angst zu ersticken. Die Suche nach dem „nächsten Schuss“ scheint unproblematisch, da die Präparate in Apotheken rezeptfrei zu kaufen sind.

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