Kommentar

Ziel verfehlt, Freunde verprellt

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Berlin -

Man kann niemanden verbieten, dazuzulernen. Das gilt insbesondere für die Politik. So gesehen ist der Kursschwenk der ABDA in Sachen Rx-Versandverbot nur folgerichtig und der Realität geschuldet. Wer sich aber wie die ABDA so rasant in die politische Kurve legt, muss Acht geben, dass er sich nicht noch mehr Schrammen am politischen Renommee einfängt als unbedingt nötig, kommentiert Lothar Klein.

Keine Frage, die ABDA tut sich schwer, ihre politische Kurskorrektur in den eigenen Reihen zu kommunizieren. Seit dem Abschluss des Deutschen Apothekertages (DAT) in München hört man von ABDA-Präsident wundersame Töne: „Wir stehen vor tiefgreifenden Veränderungen. Wir kommen mit unserer klassischen Haltung nicht mehr weiter“, hinterließ Schmidt mit seinem Schlusswort eine staunende Delegiertenschar. Wenige Tage später legte er im ABDA-Hausblatt PZ nach. Man werde „Kröten schlucken“ müssen, hieß es plötzlich.

Zwar trägt die ABDA die Forderung nach der Wiederherstellung der Gleichpreisigkeit immer noch wie eine Monstranz vor sich her. Aber vermutlich wird auch diesen Ziel mit einem Plan B nicht erreichbar sein. Das wird die Kröte sein, die vielen an der Basis im Halse stecken bleiben dürfte. Die Mehrheit der Mitgliedsorganisationen hat die ABDA bereits auf ihre Seite gezogen. Von Verbänden und Kammern droht keine Gefahr bei der am 5. Dezember anstehenden Abstimmung über den Plan B.

Allerdings rumort es an der eigentlichen Basis in der Apotheke an der Ecke. Dort fühlen sich viele Apotheker verschaukelt, die für die ABDA immerhin über eine Million Unterschriften von ihren Patienten eingesammelt haben, als ginge es tatsächlich um die Existenz der Arzneimittelversorgung. Was sollen diese Apotheker jetzt denselben Patienten sagen? April, April, war alles nicht so gemeint?

Wer das Vertrauensverhältnis zum Patienten in seinen Sonntagsreden stets als wichtigstes Gut anpreist, sollte damit vorsichtiger umgehen. Mißbrauchtes Vertrauen ist schwer zu zurückzugewinnen. Das gilt auch für Hermann Gröhe. Der Ex-Gesundheitsminister und derzeitige CDU/CSU-Fraktionsvize hat sich wie kein anderer Politiker vor den Karren der ABDA spannen lassen – mit Karabinerhaken, wenn man so will. Er hat sich von Politikmagazinen als Apothekenminister verunglimpfen lassen, der einen Kniefall vor den Apothekern vollführe. Dass alles hat Gröhe nicht daran gehindert, in letzter Sekunde den ABDA-Wunsch nach einem Rx-Versandverbot wenigstens als Absichtserklärung im Koalitionsvertrag unterzubringen – auch gegen Interessen in der CDU.

Dafür wurde Gröhe von der ABDA gefeiert. Und jetzt das: Plötzlich soll Gröhe die ABDA auf die falsche Rx-VV-Fährte geführt haben. Nach dem Gesetzesentwurf des Ex-Ministers zum Verbot des Rx-Versandhandels sei die Standesvertretung „der Versuchung erlegen, die gesamte berufspolitische Arbeit auf dieses Problem zu fokussieren“, sagte Schmidt laut PZ. Hat es Gröhe der ABDA etwa zu leicht gemacht? Das ist starker Tobak. Auch wenn Gröhe jetzt anderen Aufgaben nachgeht. So etwas merkt man sich in der Politik. Wer soll sich noch für ABDA-Anliegen einsetzen, wenn man später dafür abgewatscht wird? Es gibt nicht mehr viele ABDA-Freunde in der Politik. Die wenigen verbliebenen werden das registrieren.

Und überhaupt: Jedes Jahr überweisen Kammern und Verbände immer mehr Geld an die Berliner Zentrale. Begründet werden die Beitragserhöhungen mit größeren Personalbedarf wegen der gestiegenen Aufgaben. Und gleichzeitig erklärt die ABDA, mit der Fokussierung auf das Rx-Versandverbot habe man andere wichtige Themen aus den Augen verloren. Das kann man kaum glauben. Wie groß muss die Erklärungsnot der ABDA sein, um solches Wording einzusetzen? Womöglich stecken in Spahns Plan B noch böse Überraschungen...

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