SPD-Politiker will Vor-Ort-Apotheke stärken

Yüksel: Warum bekommen Versandapotheken dasselbe Fixum?

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Serdar Yüksel im Interview
„Wir werden auch regeln, dass zum Beispiel die Unterbrechung von Kühlketten und Qualitätsmängel, die bisher an den Logistiker abgegeben worden sind, auch ganz klar in der Verantwortung von Versandapotheken liegt“, verspricht Serdar Yüksel (SPD) im Interview. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin -

Die Apothekenreform sei ein wichtiger Schritt, aber „nach der Reform ist vor der Reform“, erklärt der SPD-Abgeordnete Serdar Yüksel im Interview. Apotheken seien weit mehr als Medikamentenausgabestellen, eine stärkere Einbindung in die Prävention sei daher ein wichtiges Thema. Auch im geplanten Primärversorgungssystem und bei der Notfallversorgung sieht Yüksel eine Rolle für die Apotheken. Nachschärfen müsse man seiner Meinung nach noch bei den Regulatorien, die den Versandhandel mit Arzneimitteln betreffen.

ADHOC: Die Apothekenreform ist beschlossen, die Fixumserhöhung per Verordnung ebenfalls und die zweite Verordnung, mit der unter anderem die Verhandlungslösung und das Skonti-Verbot angegangen werden sollen, ist ebenfalls auf der Zielgeraden. Wie bewerten Sie das Paket? Sind die Apotheken in Deutschland jetzt gerettet?

YÜKSEL: Nein, Apotheken werden jetzt mit Sicherheit nicht alle in Glückseligkeit ausbrechen. Es wäre auch unrealistisch, das anzunehmen. Aber: Die Apothekenreform ist ein wichtiger Schritt, weil wir wissen, dass Apotheken mehr sind als Medikamentenausgabestellen. Sie sind unverzichtbar. Die Apotheke vor Ort genießt ein wirklich großes Vertrauen und deshalb haben wir den Apotheken in der Reform auch viel mehr Befugnisse und viel mehr Möglichkeiten gegeben. Insbesondere auch, Leistungen zu erbringen, die sie vorher nicht konnten oder durften. Deshalb ist die Reform schon auch ein Meilenstein, um die Vor-Ort-Apotheke zu stärken. Das wird aber nicht der letzte Schluss der Weisheit sein. Man wird auch schauen, wie man die Apotheken in Zukunft noch weiter stärken wird. Aber es ist ein guter, wichtiger erster Schritt nach vorne.

ADHOC: Welche Punkte gäbe es denn noch, beispielsweise auch bei den Kompetenzerweiterungen, bei denen Sie die Apotheken in Zukunft noch stärker einbinden könnten?

YÜKSEL: Prävention ist für mich das wichtigste große Thema. Apotheken dürfen jetzt auch andere Impfungen machen. Ich könnte mir vorstellen, dass Apotheken im Bereich der Prävention eine größere Rolle einnehmen könnten, insbesondere bei zum Beispiel bei der Beratung, wie man Nikotinabusus los wird oder bei bestimmten sexuell übertragbaren Infektionen, indem dort Schnelltests gemacht werden können, die auch mit einem Laborwert abgesichert werden können. Das ist ein niederschwelliger Zugang, den wir in vielen Bereichen des Gesundheitssystems nicht haben. Apotheken könnten auch Orte der Aufklärung und der Begleitung werden und insbesondere so eine Lotsenfunktion erfüllen, damit auch die Erkrankungen, die dann detektiert werden, noch schneller im Behandlungspfad beim Arzt landen.

ADHOC: Da geben Sie mir jetzt eine Steilvorlage, denn die Apothekenreform ist nicht die einzige Strukturreform, die das Bundesgesundheitsministerium (BMG) gerade vorantreibt. Ein anderes großes Thema, das jetzt im Spätsommer oder Herbst noch folgen soll, ist das Primärversorgungssystem. Wo sehen Sie da eine Rolle für die Apotheken?

YÜKSEL: Die Primärversorgung ist – das sage ich immer wieder – nicht das Primärarztsystem. Viele denken, wir machen ein Primärarztsystem, wie das hausarztzentrierte System, was es vor vielen Jahren auch schon mal gegeben hat. Primärversorgung ist viel mehr als die Ärztezentrierung. Alle, die medizinisch und im Gesundheitssystem unterwegs sind, können einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Ich könnte mir vorstellen, dass insbesondere Apotheken bei der Primärversorgung eine größere Rolle spielen können, weil wir natürlich wissen, dass in den nächsten zehn Jahren rund 25 Prozent der Hausärzte auch in Pension gehen und dem System nicht mehr zur Verfügung stehen. Apotheken haben eine große Kompetenz, die man viel besser im Bereich – auch wie gesagt – der Prävention, aber auch der Lotsenfunktion und der Medikamentierung nutzen kann. Wir haben nach wie vor eine Situation, dass zum Beispiel Apotheken auch in eine elektronische Patientenakte (ePA) nichts reinschreiben dürfen. Da wäre zum Beispiel auch wichtig, dass Apotheken, wenn sie die ePA sehen, dort auch die Tests, die sie dort gemacht haben, aber auch Vorbeugeuntersuchungen, Impfungen und ähnliche Dinge – da ist das Stichwort elektronischer Impfausweis auf die elektronische Patientenakte ein so wichtiger Punkt – eintragen können. Wir könnten also die Last des Gesundheitswesens viel mehr auf diejenigen verteilen, die auch qualifiziert und fachlich geeignet sind, weitere Aufgaben wahrzunehmen.

ADHOC: Im Zuge des Primärversorgungssystems wird auch viel über die digitale Ersteinschätzung gesprochen. Das voranzutreiben ist auch ein erklärtes Ziel, wie auch generell die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Wäre es wichtig, die Apotheken da auch schon mitzudenken, sodass auch eine digitale Ersteinschätzung einem Versicherten möglicherweise den Hinweis gibt: „Suchen Sie Ihre Apotheke auf.“?

YÜKSEL: Ja, insbesondere wenn es darum geht, dass zum Beispiel durch eine falsche Medikamentierung, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen auftreten. Niemand weiß das besser als die Pharmazeuten selbst. Und eigentlich müsste bei fünf verschiedenen Medikamenten, so wie das in der Schweiz ist, sofort eine Alarmglocke angehen, wo man dann sagt: Hier könnten die Wechselwirkungen, die Nebenwirkungen dazu geführt haben, dass der Patient jetzt plötzlich über Schwindel klagt oder andere Nebenwirkungen hat. Das können Pharmazeuten und die Apothekerinnen und Apotheker vor Ort viel besser einschätzen. Ich will an dieser Stelle noch mal unterstreichen, warum ich ein so großer Freund der Vor-Ort-Apotheke bin, weil das alles Dienstleistungen sind, die die Versandapotheke nicht erfüllen kann. Deshalb bin ich auch kein Freund von Versandapotheken. Ich bin auch dafür zu schauen, warum Versandapotheken dasselbe Fixum bekommen. Da bin ich auch gegen; das sind reine Abgabestellen von Medikamenten, ohne dass da eine Beratung und Begleitung stattfindet. Wenn wir über diese Ausweitungen sprechen, dann werden sich auch die Vor-Ort-Apotheken immer mehr absetzen von den Versandapotheken. Und das ist ein deutlicher Gewinn der Vor-Ort-Apotheke.

ADHOC: Also noch mal ein Werkzeug für die Vor-Ort-Apotheken, um der Konkurrenz des Versandhandels etwas entgegensetzen zu können?

YÜKSEL: Ja, der Versandhandel ist aus meiner Sicht problematisch, auch was die Erfüllung von Qualitätsanforderungen wie die Liefer- und Kühlketten und ähnliche Dinge anbelangt. Das ist vorher immer an den Logistiker delegiert worden – so nach dem Motto: Die müssen die Kühlketten einhalten. Das werden wir auch regeln, dass es genau verbindliche Standards gibt. Ich glaube, dass wir in der nächsten Zeit erleben werden, dass die Vor-Ort-Apotheken – wie es die Apothekenreform und die Primärversorgung auch intendieren – insgesamt viel stabiler aufgestellt werden. Aber das ist so wie beim Fußball: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, nach der Reform ist vor der Reform. Man wird natürlich in den nächsten Jahren schauen, wo wir durch Stellschrauben, die wir zu betätigen haben, die Vor-Ort-Apotheke noch mal stärken.

ADHOC: Im Hinblick auf den Versandhandel befindet sich die zweite Verordnung zur Apothekenreform gerade noch in Beratung im Bundesrat. Sie denken, dass da durchaus noch nachgesteuert werden müsste, wenn ich Sie jetzt richtig verstehe?

YÜKSEL: Ja, insbesondere was die Qualitätsanforderungen an die Versandapotheken angeht. Ich sehe da große Probleme. Alles das, was wir den Vor-Ort-Apotheken abverlangen oder ermöglichen, ist nur in der Vor-Ort-Apotheke möglich. Wir werden auch regeln, dass zum Beispiel die Unterbrechung von Kühlketten und Qualitätsmängel, die bisher an den Logistiker abgegeben worden sind, auch ganz klar in der Verantwortung von Versandapotheken liegen. Da bin ich mal gespannt, wie die auf diese Qualitätsanforderungen dann reagieren wollen.

ADHOC: Ein anderes Paket, das vom BMG gerade noch bearbeitet wird, ist die Notfallreform. Da spielen die Apotheken bisher eine eher untergeordnete Rolle. Sehen Sie hier auch Potenzial, sie einzubinden?

YÜKSEL: Bei allem, was im Gesundheitsbereich jetzt passiert, muss man die Apotheken aus meiner Sicht wirklich mitdenken. Wir brauchen eine viel bessere Steuerung. Das heißt, eine gute, qualitative Beratung in einer Apotheke kann auch helfen, dass bestimmte Einweisungen oder bestimmte Arztkontakte vielleicht auch vermindert werden können. Wir haben zum Beispiel darüber nachgedacht, dass bestimmte Medikamente, die sollen jetzt ermittelt werden – das werden wir in der nächsten Reform auch einfließen lassen – direkt vom Apotheker abgegeben werden können, ohne dass es dafür ein Rezept geben muss. Wir identifizieren gerade eine Liste von Medikamenten, wo wir glauben, dass es da keinen Arztvorbehalt und auch keine Rezeptanordnung des Arztes dafür geben muss. Auch das wird dazu führen, dass Menschen eben nicht zum Arzt gehen müssen, um sich Medikamente verschreiben zu lassen, die sie schon seit 30 Jahren ohne Probleme einnehmen und weswegen sie in den Wartezimmern sitzen. Da bekämen wir ein Drittel der Patienten aus den Wartezimmern heraus, wenn wir den Apotheken zugestehen würden, die Medikamentierung über eine Langzeitverschreibung selbst zu überwachen. Dass man auch sagt: Es ist alles in Ordnung, dass dort Blutdruck gemessen wird, dass im Zweifel Blutwerte kontrolliert werden bei bestimmten Medikamenten. Es ist auch wichtig, dass man Laborwerte kontrolliert – das alles kann demnächst in der Apotheke stattfinden und muss nicht mehr beim Arzt sein. Wenn der Apotheker dann die Notwendigkeit sieht und sagt: „Ich würde doch einen Arzt dazuschalten“, dann könnte man den digital dazuschalten, dann müsste man den Patienten auch gar nicht in die Praxis schicken oder im Zweifel dann natürlich in die ambulante oder stationäre Behandlung. Aber da könnten Apotheken aus meiner Sicht auch eine größere Rolle spielen – in einem anderen multiprofessionelleren Team – als das vielleicht bisher in den Apotheken stattfindet.

ADHOC: Ein ganz großes Thema, das momentan auch in vielen Hinsichten besprochen wird, ist die Krisenfestigkeit. Auch das Gesundheitssystem soll resilienter werden. Das wird vermutlich auch mit Investitionen einhergehen. Der Haushalt ist knapp. Wie könnten Apotheken damit eingebunden werden? Wäre eine Vorhaltpauschale zum Beispiel denkbar, um größere Lagerbestände zu ermöglichen?

YÜKSEL: Wir brauchen größere Lagerbestände und eine Vorhaltung von lebensnotwendigen Medikamenten, denn keiner möchte solche Worst-Case-Szenarien erleben, wie kriegerisch Auseinandersetzungen oder ähnliche Dinge, die dazu führen, dass lebensnotwendige Medikamente aufgrund der Lieferkettenproblematik nicht vorrätig wären. Deutschland war mal die Apotheke der Welt und ich glaube, dass wir insbesondere bei den am häufigsten genutzten und lebensnotwendig essenziellen Medikamenten eine europäische Antwort brauchen. Deutschland alleine wird das nicht schaffen, deshalb wird man sich europäisch anders aufstellen müssen. Bei Antibiotika, die im Wesentlichen aus Indien und aus China kommen – für deren Produktion und Forschung gibt es eine EU-Strategie. Denn es ist erkannt worden, dass Europa das nicht wegdelegieren kann, wenn dann ein Schiff im Suezkanal quer steht oder die Straßen von Hormus zu ist oder ähnliche globale Krisen passieren, die dann direkte Auswirkungen auf die Versorgung haben. Wir haben das in bestimmten saisonalen Situationen erlebt, dass bestimmte wichtige Antibiotika, fiebersenkende Medikamente, Insulin, manchmal sogar Chemotherapeutika nicht vorrätig waren – da muss es auch eine gute Struktur der Resilienzvorsorge geben. Aber das kann Deutschland nicht alleine tun, da muss es eine europäische Antwort drauf geben.

ADHOC: Ein weiteres Thema, wo Sie die Apotheken stärker einbinden wollen, ist das Thema Cannabis. Da hatten Sie sich auch in der Vergangenheit schon stark gemacht für mögliche Modellversuche in denen Cannabis dann in Apotheken abgegeben werden könnte. Können Sie dazu noch kurz was sagen?

YÜKSEL: Ja, also 400 Millionen Menschen konsumieren Cannabis. Wir haben sie durch die Teillegalisierung aus der Illegalität rausgeholt. Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, dass diejenigen, die aus medizinischen Gründen Cannabis brauchen, auch Cannabis bekommen sollen. Das wird auch so bleiben, das wird auch nicht verändert werden, auch wenn es in der Regulatorik Situationen gibt, dass es Online-Verschreiben durch Ärzte gibt, die sozusagen jedem so ein Rezept aushändigen. Das ist nicht in Ordnung. Aber wenn es sozusagen in Richtung Legalisierung geht, könnte ich mir gut vorstellen, wie in anderen Ländern auch üblich, dass dort auch Cannabis als Medikament abgegeben werden kann, ohne dass es dazu ein Rezept geben muss. Dass man eine bestimmte Höchstmenge auch dokumentiert, die dann abgeben werden kann, sodass nicht jemand dann von Apotheke zur Apotheke geht, sondern dass man sagt: So und so viel Gramm mit dem THC-Gehalt können in einer Apotheke abgegeben werden. Wenn man das nicht will, dann würde man das alles wieder auf die Straße, in die Illegalität verlagern, wo dann Dinge unterwegs sind, die problematisch sind, was die Streckung, die Zusammensetzung angeht oder auch verschimmelte Ware ist, die da abgegeben wird. Wenn man diese Realitäten anerkennt, könnten Apotheken in Zukunft auch Orte sein, wo bei einer Cannabis-Legalisierung auch Apotheken Orte sein könnten, wo sowas abgegeben werden könnte. Also ganz viel Konjunktiv, aber ich glaube, das wäre eine relativ gute Idee.

ADHOC: Das Fixum ist zum ersten Mal seit zehn Jahren angehoben worden. Gleichzeitig wird nun im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz der Abschlag erhöht. Aus der Branche kommt Kritik. Dort heißt es, dass die Honorarerhöhung jetzt zu einem Großteil wieder einkassiert würde. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

YÜKSEL: Also die Kritik ist nicht unberechtigt. Ich kann das auch verstehen, dass da die Freude nicht groß ist. Aber es geht auch um die Zukunftsfähigkeit des GKV-Systems. Wenn wir nichts machen, laufen wir im nächsten Jahr auf ein Defizit von 20 Milliarden Euro im GKV-System zu und auf 40, vielleicht sogar 45 Milliarden im Jahr 2030. Was wir jetzt machen, ist wirklich das Ziehen der Notbremse, um die Beiträge zu stabilisieren. Und jeder, der im Gesundheitssystem unterwegs ist, hat auch ein Interesse daran, dass das System der gesetzlichen Krankenversicherung stabilisiert wird und zukunftsfähig aufgestellt wird. Da meinen wir, muss es auch ausgewogen sein, dass all diejenigen, die im Gesundheitssystem unterwegs sind, ihren Beitrag leisten müssen. Wir werden jetzt relativ gleichmäßig beschimpft für das, was wir da vorhaben. Das deutet darauf hin, dass wir das gut austariert verteilt haben. Aber für mich ist auch klar: Apotheken müssen wirtschaftlich überlebensfähig sein. Sie sind Orte der Daseinsvorsorge und der Fürsorge. Sie sind unabdingbar wichtig für das Gesundheitssystem. Und deshalb werden wir auch in nächster Zeit Dinge miteinander besprechen und überlegen müssen, wie wir die Vor-Ort-Apotheke trotzdem weiter stärken können. Das haben wir mit der Apothekenreform gemacht, wodurch jetzt neue Geschäftsfelder möglich sind und neue Einnahmen möglich sind. Ich glaube, dass durch diese Apothekenreform manches, was jetzt kritisiert wird, auch gut wegkompensiert werden kann.

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