Der SPD-Bundestagsabgeordnete Serdar Yüksel, besuchte gestern die farma-plus Apotheke Glückauf in seinem Wahlkreis in Bochum, um sich vor Ort mit Apotheker Ramin Eslambolchi über die aktuelle Lage der Branche auch nach Beschluss des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes (ApoVWG) auszutauschen. Rund eineinhalb Stunden sprach der Politiker mit dem Team unter anderem über Versandhandel und neue pharmazeutische Kompetenzen. Es war nicht der erste Besuch des Bundespolitikers in der farma-plus Apotheke Glückauf.
Der SPD-Politiker habe sich klar zum Berufsstand bekannt, lobte Eslambolchi nach dem Termin. Insbesondere beim Thema Versand habe sich Yüksel deutlich positioniert: Der Abgeordnete und die Versender seien definitiv „keine Freunde“. Er habe kein Verständnis dafür, dass Krankenkassen überhaupt mit ausländischen Versendern abrechnen dürften, obwohl diese zu völlig anderen Qualitätsbedingungen arbeiteten als die inländischen Vor-Ort-Apotheken. Kritisch äußerte sich Yüksel demnach vor allem zur mangelnden Temperaturkontrolle im Versand. Er habe sich dafür ausgesprochen, das Fixum für den Versandhandel zu streichen, berichtet der Apotheker. Zudem kritisierte der Politiker, dass sich ausländische Versender nicht an die Preisbindung hielten und rechtswidrig Rabatte gewährten. Die Verantwortung für eine korrekte Zustellung müsse vollständig beim Versender liegen, nicht beim Lieferanten. Auch strengere Kontrollen müssten hier dringend möglich werden.
Die im Rahmen des ApoVWG vorgesehenen Kompetenzerweiterungen werden von der Apothekerschaft grundsätzlich positiv aufgenommen. Auch Yüksel lobte die Maßnahmen, weil sie den Berufsstand wieder attraktiver machen würden, berichtet der Apotheker. Allerdings warnte Eslambolchi mit Blick auf die mögliche Abgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ohne Rezept unter bestimmten Bedingungen vor einer „bürokratischen Unwucht“: Ein nachträgliches Ausstellen von Rezepten, um sich die ausgegebene Packung im Nachgang erstatten zu lassen, müsse strikt ausgeschlossen werden.
Bezüglich neuer Dienstleistungen, wie der Blutabnahme, sehe Yüksel auch Chancen für die Apotheken, sich gegen die Gesundheitsangebote von Drogeriemärkten zu behaupten. „Die Apotheke würde so auch etwas gegen die Gesundheitsangebote von Rossmann und dm an die Hand bekommen“, erzählt der Apotheker vom Gespräch.
Einigkeit herrschte zwischen dem Apotheker und dem Politiker auch darüber, dass man sich hier noch mehr vorstellen könne: einen Ausbau hin zu niederschwelligen diagnostischen Angeboten – wie STI-Tests auf HIV und Syphilis oder die Bestimmung des Vitamin-D-Spiegels zum Beispiel.
Bereits bei einem vorherigen Besuch im August des vergangenen Jahres hatten der Apotheker und der Politiker über die Einführung einer Vorhaltepauschale diskutiert. „Derzeit stehen Apotheken in einer rein wirtschaftlichen Abhängigkeit zu den abgegebenen Packungszahlen“, erklärt der Apotheker. Eine Vorhaltepauschale würde als Grundsicherung für Apotheken fungieren – auch für Fixkosten, die schnell übersehen werden, wie Klimatisierung, Strom, IT-Komponenten und die Wartung von automatischen Türen oder Feuerlöschern.
Zukünftig wäre auch eine Pauschale für das „Deprescribing“ – also das kontrollierte Absetzen nicht mehr notwendiger Medikamente – eine sinnvolle neue Einnahmequelle oder eine neue pharmazeutische Dienstleistung. Die Möglichkeit zur Abrechnung dieser Leistung in Höhe von mindestens 50 Euro würde den Betrieben ein wirtschaftlicheres Arbeiten erlauben. Yüksel habe sich positiv zu dieser Idee geäußert, und betont, dass Apotheker hierfür die beste Expertise besäßen.
Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) sollen unter anderem die gesetzlichen Zuzahlungen angehoben werden. Eslambolchi erklärte im Gespräch seine Sorge, dass Patienten eine solche gesetzliche Anpassung fälschlicherweise für eine Erhöhung der Apothekeneinnahmen halten könnten. Die Erhöhung müsse daher zwingend mit Aufklärungsarbeit einhergehen, appelierte er. Auch hier habe der SPD-Politiker Verständnis gezeigt.
Ein weiteres Ärgernis im Apothekenalltag seien die Retaxationen. „Ich habe ihm den immensen Aufwand bezüglich der Rezepturretaxen erklärt“, sagt Eslambolchi. Auch der 66-jährige Inhaber Dr. Hamid Eslambolchi ergänzte: Viele ältere Kollegen hätten schlichtweg nicht mehr die Muße und die Zeit, ständig aufwendige Einsprüche bei den Kassen einzulegen. Yüksel habe sich bestürzt gezeigt und Unverständnis darüber geäußert.
In der Debatte um Einsparungen in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurde in den vergangenen Wochen auch die Anzahl der Krankenkassen seitens der Regierungspolitiker thematisiert. Auch Yüksel habe sich für eine Reduktion der Kassenanzahl ausgesprochen. Um zukünftig massive Beitragssprünge auf einen Schlag zu vermeiden, schlug Eslambolchi zudem eine jährliche Dynamisierung des Beitrags um einen geringen Prozentsatz von beispielsweise 0,02 Prozent vor. „Das würde die Kosten auch für Arbeitgeber besser planbar machen“, erklärte er.
Im Rahmen des Termins spielte auch Cannabis eine Rolle. Der SPD-Politiker habe ein Rückdrehen der Teillegalisierung ausgeschlossen. Für Bochum wünsche er sich ein Pilotprojekt: eine kontrollierte Abgabe von Cannabis in Apotheken als niedrigschwellige, persönliche Anlaufstelle ohne Rezept, gekoppelt mit einer digitalen Registrierung zur Überprüfung der maximalen Abgabemengen.