Wegen Kompressionsstrümpfen

AOK Nordwest droht Apothekerin

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Berlin -

Kompressionsstrümpfe werden in Apotheken exakt angemessen. In der Avie-Apotheke im Medio-Center in Hemer fahren Angestellte von Inhaberin Tanja Wulf auch zur Kundschaft nach Hause und passen diese dort an. Die Apothekerin staunte nicht schlecht, als sich unlängst die AOK Nordwest bei ihr meldete – mit einem unmissverständlichen Drohschreiben. Der Vorwurf: Sie überschreite den üblichen Richtwert und gebe zu viele Maßanfertigungen ab.

Wulf erhielt von der AOK Nordwest in Hagen einen „wichtigen Hinweis zur Rundstrickversorgung in der PG 17“. Die Kassen übernehmen in dieser Produktgruppe die Hilfsmittel zur Kompressionstherapie, wenn sie ärztlich verordnet sind. „Bei der Auswertung Ihrer Versorgungen mit rundgestrickten Kompressionsstrümpfen haben wir festgestellt, dass der prozentuale Anteil an Versorgungen mit Maßanfertigungen im Jahr 2025 bei 45 Prozent lag“, schreibt die Kasse.

Apothekerin überschreitet Kassen-Richtwert

Mit diesem Wert werde der „übliche Richtwert der Hersteller für den Anteil an Maßanfertigungen“ im Verhältnis zur Serienversorgung deutlich überschritten, so der Vorwurf. Im Schnitt würden nur 20 Prozent Maßanfertigungen abgegeben. Maßgefertigte rundgestrickte Kompressionsstrümpfe kämen nur dann in Betracht, wenn eine Versorgung mit Serienstrümpfen aufgrund der individuellen Maße nicht möglich sei, belehrt die Kasse.

Dann wird der Ton rauer: „Wir behalten uns vor, die von Ihnen durchgeführten Versorgungen rückwirkend zu prüfen.“ Zudem wird der Inhaberin nahegelegt, etwas zu ändern: „Sollte keine erkennbare Anpassung Ihres Versorgungsverhaltens erfolgen, werden wir von unserem Recht gemäß § 5 Abs. 2 des Vertrages Gebrauch machen und die Genehmigungsfreiheit für Versorgungen mit rundgestrickten Kompressionsstrümpfen widerrufen.“

Inhaberin kritisiert AOK Nordwest

Wulf empfindet das Schreiben als „eine Unverschämtheit“, wie sie sagt. „Wir waren geschockt, als wir das gelesen haben.“ Viele Apotheken lehnten es mittlerweile ab, Strümpfe individuell auszumessen. „Statt einem ‚Danke, dass Sie überhaupt versorgen‘, bekomme ich so etwas“, sagt sie. „Wir sind die einzige Apotheke im Ort. Dazu kommt, dass das Sanitätshaus vor wenigen Jahren geschlossen hat.“

Das Team der Apotheke.
Nicht nur vor Ort, auch beim Hausbesuch messen die Apothekenangestellten die Strümpfe aus.Foto: Avie Apotheke im Medio-Center

Im Schnitt würden zwischen zwei und vier Strumpfpaare pro Woche gemessen. „Wir prüfen dabei immer, ob es eine Maßanfertigung sein muss oder Standard sein kann.“ Damit erfüllt die Apotheke den von der AOK Nordwest in dem Schreiben betonten Grundsatz: „Die Versorgung unserer Versicherten mit Kompressionsstrümpfen muss gem. § 12 SGB V grundsätzlich ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie darf das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.“

Versicherte sollen anfragen

Als Konsequenz wird Wulf künftig jeden Versicherten der AOK Nordwest, der Strümpfe benötigt, über die Drohung der Kasse informieren. „Die Menschen sind uns super dankbar, dass wir es machen. Jetzt sollen sie vorab ihre Kasse darüber informieren und anfragen.“

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