Kommentar

AOK legt Messlatte hoch

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Berlin -

An einer fairen Partnerschaft zwischen Apotheken und Krankenkassen lässt sich immer wieder zweifeln. Jetzt eröffnet sich ein neuer Tiefpunkt. Die AOK Nordwest unterstellt den Apotheken in Bezug auf das Abmessen von Kompressionsstrümpfen ein zu großes Maß an Individualität und droht mit Retaxationen – und das in einem Bereich, in dem ohnehin schon Versorgungslücken klaffen. Ein Kommentar von Carolin Ciulli.

Bei der AOK Nordwest sind Kompressionsstrümpfe und Apotheken ins Visier gerückt. Die Kasse verschickte an mehrere Apotheken Drohbriefe und unterstellt, dass sie den üblichen Richtwert der Hersteller für den Anteil an Maßanfertigungen im Verhältnis zur günstigeren Serienversorgung deutlich überschreiten. Gedroht wird mit Sonderprüfungen und Retaxationen.

Drohbrief an mehrere Apotheken

Die Krankenkassen zahlen zweimal pro Jahr ein Paar Strümpfe, wenn es medizinisch nötig und ärztlich verordnet ist. Jetzt schauen die Kassen nach der Genehmigung wohl noch einmal besonders genau hin – was die Briefflut an Apotheken vermuten lässt. Mehreren Betrieben wird vorgehalten, nicht wirtschaftlich zu arbeiten und das Maß des Notwendigen zu überschreiten.

Das ist ein Skandal. Denn viele Versicherte sind auf Kompressionsstrümpfe und den Vor-Ort-Service ihrer Apotheke angewiesen: Nicht nur ältere Menschen, auch manche schwangere Frau oder andere Personengruppen mit Venenleiden benötigen exakt sitzende Strümpfe. Das Anmessen ist kein Kinderspiel und erfolgt in Apotheken durch geschulte Angestellte.

Angesichts des Personalmangels verzichten Betriebe jedoch mitunter auf den Service und verweisen bei Maßanfertigungen auf Mitbewerber oder Sanitätshäuser – und die Wege zum nächsten messenden Betrieb werden länger. Deshalb fahren Apotheken auch zum Hausbesuch und messen für immobile Menschen direkt vor Ort.

Ein reiner Blick auf die Statistik und Richtwerte reicht in diesem Fall nicht aus. Denn wenn ein Sanitätshaus um die Ecke schließt oder eine auf Venenerkrankungen spezialisierte Praxis im Ort ist, kann sich die Statistik verzerren. Mit dem demografischen Wandel dürften auch weitere Betroffene hinzukommen, die eventuell individuelle Maße benötigen.

Krankenkasse ohne Nachfragen

Der Drohbrief der AOK enthält kein Verständnis, stellt keine Fragen, woran die Verzerrung liegen könnte. Dort wird eine Falschmessung unterstellt, als ob sich die Apotheken die Messwerte ausdenken würden. Denn ein Richtwert ist nicht mehr als ein Richtwert. Die Angestellten können nichts dafür, wenn die Kundschaft Maßanfertigungen benötigt. Wieder einmal zweifelt eine Krankenkasse an der Erfahrung innerhalb der Apotheke.

Der Brief könnte zur Folge haben, dass weitere Apotheken auf die Dienstleistung verzichten oder öfter Strümpfe von der Stange abgeben. Das Resultat sind schlechter versorgte Patientinnen und Patienten und damit eine niedrigere Therapietreue. Eine weitere Folge: Es entstehen mehr Kosten für die Krankenkassen.

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