Alternative zu Morphin?

Sonnenblumen-Peptid lindert viszerale Schmerzen

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Berlin -

Oft gelten pflanzliche Wirkstoffe als besonders sanft und schonend. Dass dem nicht immer so ist, zeigt jedoch das ursprünglich aus dem Schlafmohn isolierte Morphin. Forscherteams suchen schon länger nach besser verträglichen Alternativen – ohne Abhängigkeitsrisiko und Überdosierungspotenzial. Doch auch hier liefert die Natur selbst die Vorlage für einen potenziellen Wirkstoff bei viszeralen Schmerzen und Entzündungen: Ein Peptid aus Sonnenblumenkernen könnte als Ersatz infrage kommen.

Entdeckt wurde das natürlich-vorkommende Peptid im Rahmen einer internationalen Studie des Instituts für Pharmakologie der MedUni Wien am Zentrum für Physiologie und Pharmakologie. Sie wurde gemeinsam mit der University of Queensland und der Flinders University aus Australien durchgeführt. Kürzlich wurden die Ergebnisse der Untersuchung veröffentlicht.

Ziel der Studie war es, Schmerzmittel zu identifizieren, die eine Alternative zu Morphin darstellen können – indem sie peripher und ohne Überwinden der Blut-Hirn-Schranke eingesetzt werden und typische Opioid-Nebenwirkungen somit vermieden werden können. „Morphin war eines der ersten pflanzlichen Arzneimittel und wurde vor über 200 Jahren aus Schlafmohn isoliert. Es bindet Opioidrezeptoren im Gehirn und gilt nach wie vor als Säule der Schmerztherapie. Gleichzeitig gibt es aber ein hohes Risiko der Opioidabhängigkeit und bei Überdosierung – als Folge dieser starken Abhängigkeit – wird das Atemzentrum im Gehirn blockiert, was zum Atemstillstand und im schlimmsten Fall zum Tod führen kann“, erläutert Studienleiter Christian Gruber.

Extrakte aus der Sonnenblume gelten in der traditionellen Medizin schon lange als antientzündlich und schmerzstillend. Deshalb wurden sie nun auch im Rahmen der aktuellen Studie unter die Lupe genommen. Dafür wurde zunächst das dafür verantwortliche Molekül isoliert. Das sogenannte „Sonnenblumen-Trypsin-Inhibitor-1“ (SFTI-1) – eines der kleinsten in der Natur vorkommenden zyklischen Peptide – wurde anschließend optimiert.

Insgesamt wurden 19 Peptide nach dem Original-Bauplan von SFTI-1 chemisch-optimiert und pharmakologisch getestet. „Eine dieser Varianten erwies sich als unser Top-Kandidat als mögliches neuartiges Schmerzmittel, besonders für Schmerzen im Magen-Darm-Trakt oder in den peripheren Organen“, erklären Gruber und Doktorand Edin Muratspahić. Das Peptid sei äußerst stabil, hochpotent und wirke restriktiv in der Körperperipherie. Daher seien bei der Anwendung weniger typische Nebenwirkungen von Opioiden zu erwarten.

Da das Peptid nicht im Gehirn wirkt, ist das Risiko für eine Abhängigkeit eher gering. Außerdem werde selektiv nur der molekulare Signalweg aktiviert, der die Schmerzweiterleitung beeinflusst – typische Opioid-Nebenwirkungen sind daher ebenso nicht zu erwarten. Einen Haken gibt es dennoch: Der Wirkmechanismus mittels Kappa-Opioid-Rezeptor führt häufig zu Stimmungskrisen und Depressionen. Aufgrund ihrer Ergebnisse sieht das Team jedoch eine realistische Chance für den potenziellen Schmerzmittel-Kandidaten: Er könnte künftig in oraler Darreichungsform verwendet werden und auch gegen schmerzhafte Leiden wie entzündliche Darmerkrankungen zum Einsatz kommen.

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