Naloxon: Der Lebensretter im Rucksack | APOTHEKE ADHOC
Opioid-Abhängigkeit

Naloxon: Der Lebensretter im Rucksack

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Berlin -

Eine Überdosis Drogen kann tödlich sein. Davon zeugen jährlich zahlreiche Todesopfer in Deutschland. Aber mit dem Notfallmedikament Naloxon verbessern sich die Überlebenschancen für Suchtkranke. In Baden-Württemberg bietet der Drogenverein Mannheim daher nun regelmäßige Schulungen für die gefährdete Gruppe an.
 

Heroinabhängige leben gefährlich. Allein in Baden-Württemberg starben im vergangenen Jahr 160 Menschen den
Drogentod. Die meisten von ihnen waren Opfer einer Überdosis. „Dabei gibt es mit Naloxon längst ein Medikament, mit dem sich Leben retten lässt“, sagt Cornelia Schartner vom Drogenverein Mannheim (DVM). Aber nur wenige Suchtkranke haben das lebensrettende Medikament bei sich.

Das will der Drogenverein ändern. Deswegen schult die 30 Jahre alte Sozialarbeiterin des DVM seit Wochen Abhängige regelmäßig im Umgang mit dem Medikament und verteilt Notfall-Sets an sie. Damit ist der DVM im Südwesten eine der ersten Einrichtungen, die Laien über die Anwendung von Naloxon informieren. Daneben bietet auch die Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen solche Workshops an, bald auch im Uni-Klinikium Tübingen, wie ein Sprecher sagt.

Der Wirkstoff Naloxon kann seit diesem Jahr als Spray verabreicht werden. Bisher konnten in Deutschland nur Notärzte und Sanitäter Naloxon intravenös an Patienten verabreichen. Der Stoff spült die von Opiaten besetzten Rezeptoren in kurzer Zeit frei. Das hebt für etwa 30 Minuten die Wirkung auf, die etwa zur Atemlähmung führen kann. So bleibt Zeit, Notarzt und Rettungswagen zu alarmieren.

„Ich finde es gut, dass wir uns gegenseitig retten können. Das Notfall-Kit habe ich jetzt im Rucksack dabei“, sagt der 31 Jahre alte Cai aus Mannheim. Wie er, so hat auch Rafael eine Schulung beim DVM mitgemacht. Der 34 Jahre alte Mann ist suchtkrank und weiß um das Risiko. „Je mehr Leute wissen, wie das Medikament angewendet wird, desto mehr überleben eine Überdosis.“ Der DVM geht von etwa 1400 Heroinabhängigen in Mannheim aus, etwa die Hälfte zählt zu den Klienten des Vereins. Übrigens geht es beim Thema Opioide nicht nur um Heroin. Schmerzmittel wie Fentanyl können beispielsweise ebenso wie Heroin zur Überdosis führen.

„In einem solchen Fall ist es wichtig, dass Anwesende schnell eingreifen, sagt Schartner. Oftmals seien das andere Suchtkranke. Daher richten sich die Workshops vor allem an sie. Das Nasenspray eignet sich auch zur Anwendung für Laien. Lob dafür kommt aus dem Ministerium für Soziales und Integration in Stuttgart. Der Einsatz von Naloxon in der Form des Nasensprays durch geschulte Laien werde befürwortet, heißt es von dort. Es sei ein weiterer Ansatz und eine Chance, die Zahl der Drogentoten zu verringern: „Insbesondere scheint die Schulung durch den DVM in Mannheim ein guter Weg, um die Betroffenen möglichst gut und zielgerichtet auf eine mögliche Anwendung vorzubereiten“, heißt es.

Das Medikament existiert seit den 1990ern, die jetzige Lösung wäre – technisch gesehen – früher schon möglich gewesen. Zwar gibt es nun – wie in Baden-Württemberg – auch in anderen Bundesländern Schulungen dazu. Aber trotzdem starben allein 2017 in der Bundesrepublik 1772 Menschen nach der Vergiftungen mit Opioiden.

Das Thema wird seit langer Zeit auch in Deutschland diskutiert, sagt Schartner. Einen Grund für die späte Akzeptanz sieht sie durch den Einwand begründet, mit dem Verbreiten des Medikamentes könne auch ein riskanterer Konsum befördert werden. Letztendlich habe das Argument mehr Gewicht, wonach sich durch Naloxon viele tödliche Überdosen verhindern lassen, heißt es vom DVM. Eine Studie im britischen Fachjournal „The Lancet“ geht von Hunderten durch Naloxon vermiedenen Todesfällen in anderen Ländern aus. In den Vereinigten Staaten, wo das Notfallmedikament seit vielen Jahren angewendet wird, tragen etwa viele Polizisten das Spray bei sich.

Anders in Deutschland, wo Ärzte das Medikament nur den Opioid-Konsumenten verschreiben dürfen, nicht aber Angehörigen, Freunden oder Sozialarbeitern. „Dabei wäre es gut, wenn gerade im Umfeld eines Suchtkranken das Medikament vorhanden wäre. Etwa bei Familienangehörigen“, kritisieren Experten, wie etwa Thomas Pfister von der Aids-Hilfe Tübingen-Reutlingen die deutsche Praxis. Daher, so sagt er, wäre es sinnvoll, die Verschreibungspflicht aufzuheben. In Italien beispielsweise könne man Naloxon ohne Rezept erhalten.

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