Wettbewerber schließen sich zusammen

Gemeinde in Niedersachsen: Alle Apotheken werden eine OHG

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Berlin -

Im niedersächsischen Scheeßel haben sich alle ansässigen Apotheken zu einer OHG zusammengeschlossen. Aus drei Wettbewerbern wurden Geschäftspartner – die Beeke-, Meyerhof- und Sonnen-Apotheke präsentieren sich künftig unter dem Dach „Apotheken3“. Dieser Schritt dürfte ein Novum in der Apothekerschaft darstellen. „Der Feind der Apotheken darf nicht der Nachbar sein, die Bedrohung kommt von anderen Stellen“, sagt Hans-Erik Meyer, einer der drei Initiatoren.

Im Team herrschte zunächst Stille, als Meyer seinen Angestellten verkündete, dass er sich mit den beiden anderen Apotheken in der knapp 13.000 Einwohner zählenden Gemeinde zusammenschließen werde. Vor 20 Jahren eröffnete er in dem Ort seine Beeke-Apotheke neu, die beiden ortsansässigen Apotheker hätten ihn damals kritisch beäugt. „Die Beziehung war nie gut“, sagt er. „Wir sind uns privat aus dem Weg gegangen, es war immer eine belauernde Situation, ein Gegeneinander.“ Dabei habe sich gezeigt, dass sich jeder Betrieb halten konnte.

Als 2017 die Brüder Erik und Hendrik Hagemeister, damals 31 und 33 Jahre alt, die Meyerhof-Apotheke übernahmen, änderte sich die Situation. „Das Verhältnis war normal, es war ein nebeneinander. Aber man spürte schon, dass es einen Spirit gab.“ Die erste Kooperation gab es wegen der Pandemie. „Corona war für uns ein Beschleuniger.“ Erik Hagemeister habe gefragt, ob man gemeinsam Masken einkaufen wolle. „Wir haben es gemacht und festgestellt, dass alles sehr vertrauensvoll abläuft, die Abrechnung stimmt und keiner hat den anderen ausgestochen.“

Meyer war der erste, der eine weitere Zusammenarbeit vorschlug. „Warum sollten wir die Dinge nicht anders denken?“ Schon länger beschäftigte sich der Apotheker – der „Silberrücken“ im Bunde, wie er sich selbst nennt – mit Themen wie Digitalisierung, eine einheitliche Plattform, E-Rezept und Botendienst. Dazu kam, dass die Sonnen-Apotheke einen Nachfolger suchte und Hendrik Hagemeister den Betrieb übernahm. „Wir sind alleine gut aufgestellt, aber ich hatte Zweifel, ob ich das alles alleine wuppen kann.“

Allein bezüglich der Lieferfahrten sei es sinnvoll, dass statt drei Autos nur eines in die Ortschaften der Gemeinde fahre. Zudem könnten die Apotheken von den jeweiligen Schwerpunkten und dem Fachwissen der Mitarbeiter:innen untereinander profitieren. Zur Meyerhof-Apotheke gehöre beispielsweise ein Sanitätshaus, die Sonnen-Apotheke habe einen Homöopathie-Schwerpunkt und sein Betrieb einen Fokus auf Familien, Phytotherapie und Kosmetik. Die Apotheker legten also die Zahlen auf den Tisch, beauftragten einen Anwalt und ließen einen OHG-Vertrag erstellen.

Seit Juni besteht die neue Gesellschafterform. Jeder Partner ist dabei gleichberechtigt. Insgesamt gehören rund 70 Angestellte zur Elbe-Weser-Gesundheit OHG. Die Namen der Apotheken und die Einrichtung sollen bleiben und nicht vereinheitlicht werden. Das sei wichtig, betont Meyer, damit die Kundschaft sich weiter von „ihrer“ Apotheke betreut fühle.

Ende Oktober wurde der Zusammenschluss offiziell verkündet, die Botenfahrzeuge und Schaufenster entsprechend beklebt. Kleine lokale Unternehmen könnten gemeinsam mehr erreichen, als wenn sie isoliert als Einzelkämpfer gegen globale Herausforderungen zu bestehen versuchen, betont das Trio und meint damit Holland-Versender oder Amazon.

„Es ist ja eigentlich unsinnig, wenn drei Apotheken das selbe anbieten. Wir haben uns überlegt, wo eine Spezialisierung am sinnvollsten ist – da, wo die Expert:innen am besten ausgebildet sind und viel Erfahrung haben. Das ist für unsere Kunden super, wenn wir sie zum Beispiel für einen Kompressionsstrumpf dahin schicken können, wo sie am besten betreut werden können, ohne dass sie sozusagen die Apotheke verlassen“, sagt Hendrik Hagemeister. „Zusammen können wir unsere Kooperationen mit Ärzten, Physiotherapeuten und Pflegeheimen verbessern und neue Ideen entwickeln, die den Patient:innen zugute kommen“, fügt Erik Hagemeister hinzu.

Wichtig bei einem derartigen Zusammenschluss sei nicht nur, dass die Verträge fair seien, betont Meyer. „Es muss auch menschlich passen. Wenn die Chemie stimmt, könnten sich auch woanders große und kleine Apotheken zusammenschließen, man kann definieren, wer was erhält.“ Die OHG in Scheeßel könne Vorbildcharakter für andere Regionen in Deutschland sein, sagt er. „Die Apotheken müssen weg vom ‚kleinklein‘, der Feind ist nicht die Nachbarapotheke, sondern kommt aus Holland oder Amerika. Wenn man das nicht versteht, haben es Politik oder andere leicht, uns wegzufegen.“

Momentan arbeite die OHG an der Vereinheitlichung etwa der Warenwirtschaft und der Botendienste. Der Großhandel ist bereits umgestellt. Zudem sei ein „Wikipedia“ für Mitarbeiter geplant, in dem alle Fähigkeiten und Schwerpunkte der Apotheke beschrieben sein sollen. Auch das Sanitätshaus soll erweitert werden. „Mich kitzelt das unternehmerisch richtig und ich habe richtig Lust, neue Konzepte zu entwickeln“, sagt Meyer, der seit 25 Jahren als Apotheker tätig ist.

Kund:innen, Pflegeeinrichtungen und Mediziner:innen hätten positiv auf den Zusammenschluss reagiert. Auch die Angestellten stünden hinter dem neuen Unternehmen. Ein gemeinsames Intranet ist bereits aufgebaut, alle Mitarbeiter:innen seien vernetzt. Für die Angestellten sei der Zusammenschluss zunächst wie „ein Kulturschock“ gewesen, sagt Meyer. Schnell sei die Frage gekommen, ob man dann einfach einen Kunden in die andere Apotheke schicken könne. „Mittlerweile wissen es unsere Mitarbeiter zu schätzen.“

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