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Jetzt befragt das BMG die Apotheken

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Berlin -

„Harold & Maude“ tippt die Apothekerin ein und muss schmunzeln, als sie an ihre Lieblingsszenen aus ihrem Lieblingsfilm denkt. Doch dann tippt sie als nächstes ihr Geburtsjahr ein – „1984“ – und irgendetwas in ihr wird misstrauisch. Die Inhaberin der Glashaus-Apotheke klickt sich durch 56 weitere Fragen und hat am Ende selbst nur noch eine: Wozu um alles in der Welt will das Ministerium das alles wissen?

Die Kritik an der ersten Befragung des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) war recht groß. Zu ungenau seien die Fragen gewesen, den Alltag der Apotheken zu wenig abbildend. Weil man sich im Bundesgesundheitsministerium (BMG) ohnehin mehr zuständig fühlt für die Belange der Apotheker, startete das Haus von Hermann Gröhe (CDU) eine eigene Befragung.

Was bisweilen wirkt wie aus einem Poesiealbum – „Lieblingsschauspieler?“, „Fächer, die ich gar nicht mag!“ – hat in Wirklichkeit wissenschaftlichen Tiefgang. Bei der Erarbeitung des umfassenden Fragenkatalogs flossen Erkenntnisse der Fundamentalontologie und der Psychoanalyse ein. Am Ende, so das Ziel der BMG, sollen die Apotheker mit allen Kompetenzen ausgestattet werden, die sie gemäß ihren Fähigkeiten erfüllen können – und entsprechend honoriert werden.

„Und dabei macht es schon einen großen Unterschied, ob ein Inhaber regelmäßig Lotto spielt und wie sein BMI ist“, erklärt Studienleiter Georg Eisengut. Das sieht die befragte Inhaberin ein und ordnet pflichtbewusst jeder ihrer Mitarbeiterinnen ein Tier zu, das dieser aus ihrer Sicht am besten entspricht – bleibt ja alles anonym.

Dagegen war die Befragung von 2hm im Auftrag des BMWi, die ausgewählte Apotheker WIRKLICH ausfüllen sollten, geradezu ein Kinderspiel. Die Zahl der abgegebenen Betäubungsmittel (BtM) spuckt die Warenwirtschaft schnell aus und die Zahlen zur Warenwirtschaft die PKA. Die Anzahl der PKA kann der Apotheker selbst zählen und auch zum Umsatz einigermaßen verlässliche Angaben machen. Wie viel Prozent seiner Arbeitszeit er dagegen mit Beratung, Dokumentation oder tätigkeitslosem Warten (!) zubringt, war schon schwerer einzuschätzen.

Die Unternehmensberatung betont jedenfalls, dass die Befragung unter rund der Hälfte der Apotheker neutral und nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt wird – weshalb das Ganze auch an der ABDA vorbei geschleust werden musste. Die Apotheker könnten so noch mehr und noch direkter Einfluss nehmen auf die Prüfung der Arzneimittelpreisverordnung (AMPreisV). Mancher Befragte verspürt trotzdem Unbehagen bei der Vorstellung, was die Politik mit solcherart erhobenen Daten alles anstellen kann. Denn jeder weiß: Wo ein politischer Wille ist, da findet sich auch eine Zahl.

Beruhigend ist immerhin die große Stichprobe. So beeinflussen untypische Apotheken die Statistik nicht zu stark. Wie etwa die Aesculap-Apotheke in Neumünster. Die hat Inhaber Ali Gehrke für 1,5 Millionen Euro aufgemotzt: halbrunder HV-Tisch, prismatische Präsentationswand hinter transparentem Acrylglas mit eingegossenem Metallgewebe aus Messing, blau coloriertes Kupfergewebe im Schreibtisch, echtes Gold im Boden. Ein Schmuckstück für die gesamte Branche.

Ein „echtes Schmuckstück“ im emotionalen Sinne ist seit Wochen & Monaten der Wort & Bild-Verlag. Erst das Danke-Video, dann ein Doppelinterview mit Gröhe und ABDA-Präsident Friedemann Schmidt und jetzt wieder ein Film, in dem ein netter Apotheker eine hübsche Kundin versorgt. Natürlich geht es um das EuGH-Urteil und die möglichen Folgen für den Apothekenmarkt. ABDA-Schmidt appelliert parallel an die Apothekenkunden, bitte die Listen zu signieren.

Die Falken-Apotheke in Bonn-Lengsdorf macht bei der Kampagne nicht mit – sie ist nämlich geschlossen. Zwangsgeschlossen von der Aufsichtsbehörde, weil bei der Begehung monierte Mängel nicht fristgerecht behoben wurden. So hatte sich die 83-jährige Inhaberin ihren Abschied aus dem Berufsleben sicher nicht vorgestellt.

Dabei können sich die Apotheker weitere Ausfälle in diesem Jahr gar nicht leisten. Die 20.000er-Schwelle ist bedenklich nahe und sie wird 2017 unterschritten werden. Das ist eine Frage von Wochen oder Monaten. Ob man das nun „Apothekensterben“ nennen möchte oder nicht – der Trend ist eindeutig, und zwar seit Jahren. Auch die Apothekendichte nimmt ab.

Und es gibt mit Sicherheit nicht so viele Apotheken, dass eine Kammer bei der Genehmigung von Rezeptsammelstellen – an sich schon kein Ausdruck von Überversorgung – eine Apotheke übersehen sollte. Aber solche Pannen kommen in den besten Kammern vor. Irren ist menschlich, die Genehmigung wurde nach drei Monaten wieder kassiert und die Anwohner müssen wieder Bus fahren.

Doch auch die Freunde hinter der Grenze haben es nicht leicht: DocMorris wartet offenbar noch auf die große Rx-Wende. Die Zahlen aus 2016 sollten aber Kollegen hierzulande nicht in falsche Sicherheit wiegen, die Boni wurden schließlich erst seit dem 19. Oktober wieder in der Fläche angeboten.

Die Monopoly-Kommission hat ihre eigenen Antworten auf die drängenden Fragen der Arzneimittelversorgung. Ihr Chef, Professor Dr. Achim Wambach, gab im Interview zu Protokoll, gedeckelte Boni wären ein guter Einstieg in die Umstellung auf eine Servicepauschale. Die politischen Mehrheiten dafür muss sich der Regierungsberater allerdings noch suchen.

Kohlpharma kämpft dagegen für die Konditionen der Apotheker und verteidigt sein Bonus-Modell „Clever+“ eisern vor Gericht. Das ist nicht neu. Neu ist, dass Kohl dem Konkurrenten Haematopharm gerichtlich verbieten ließ, 5 Prozent Skonto zu gewähren. Zur Stärkung der eigenen Verhandlungsposition, versteht sich. Gesund leben und Dr. Theiss haben sich dagegen getrennt.

Wissen Sie, was paradox ist? Wenn ein Streitbeilegungsverfahren zu Streit führt. In diesem Fall der fehlende Hinweis auf die entsprechenden Stellen. Geht einer Apotheke diese neue Pflicht durch, kann sie abgemahnt werden. Also, bitte anpassen, bevor die wilden Anwälte losgelassen werden.

„Das Einzige, was ich von Anwälten verlange, ist, dass sie bei Sonnenaufgang wieder in ihren Särgen liegen.“ Eine freundliche Witzspende von Dr. Bernhard Bellinger. Hier gibt es noch mehr. Und wenn Sie über die Kollegen in Weiß lachen wollen, finden Sie hier die schönsten Stilblüten in Arztbriefen. Viel Spaß damit und schönes Wochenende!

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