TI: Sinnloser Kabelsalat

, Uhr

Berlin - Was haben sich Apotheker und Ärzte in den vergangenen Jahren mit der Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) herumgeschlagen. Es ist fast geschafft: Weniger als ein Jahr, dann soll alles stehen. Und plötzlich kommt die Nachricht: Es war für die Katz. Ein neues, zeitgemäßes System muss her. Dass das jetzige veraltet ist, ist schon seit Jahren bekannt. Mit ihrem unnützen Festhalten daran hat die Politik nicht nur Millionen an Steuergeldern verbrannt und den Leistungserbringern im Gesundheitswesen unnötige Mühen aufgebürdet, sondern verspielt auch erneut deren Vertrauen, kommentiert Tobias Lau.

Die Gematik spricht von einem „langen deutschen Dornröschenschlaf“, aus dem das Gesundheitswesen erwacht sei. Das ist irreführend: Viele individuelle Leistungserbringer mögen die Digitalisierung tatsächlich verschlafen haben. Wenn jedoch ihre Spitzenorganisationen gemeinsam mit dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) im Jahr 2005 ein Gemeinschaftsunternehmen gründen, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen – damals in Form der elektronischen Gesundheitskarte – umzusetzen, dann aber ausschließlich jahrelange Beschäftigungstherapie samt mehrerer Gesellschafterwechsel folgt, dann wurde da nichts verschlafen. Denn Problem und Zielstellung sind seit mehr als 15 Jahren bekannt und allen bewusst. Statt gut durchdacht und Stück für Stück nachhaltige Strukturen zu schaffen, wurde jahrelang herumgeeiert und dann von oben herab verordnet, dass mit einem Ruck alles klappen soll.

Es handelt sich schlicht um das jahrzehntelange Versagen mehrerer CDU-geführter Bundesregierungen. Wer sich die sonstige digitale Infrastruktur in Deutschland ansieht, merkt, dass das Problem nicht auf das Gesundheitswesen beschränkt ist. Auf jedem norwegischen Fjord oder anatolischen Bergdorf hat man besseres mobiles Internet als in manchen Ecken der deutschen Hauptstadt. Hier wie da ist es ein strukturelles Problem: Es hat sich gezeigt, dass die hiesigen politischen und bürokratischen Strukturen mit ihrer Besitzstandswahrermentalität und ihren Grabenkämpfen nicht in der Lage waren, das Gesundheitswesen angemessen auf die technische Höhe der Zeit zu tragen. Die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen bewährt sich in vielen Bereichen, sie ist aber gerade bei solchen Makroprozessen nicht in der Lage, alles allein zu stemmen und braucht politische Führung. Das hat sie beim Thema Digitalisierung hinreichend bewiesen.

Die Entwicklung und Umsetzung von Telematikinfrastruktur samt E-Rezept und ePA sind da bezeichnend: Bis man endlich so weit war, dass man das System umsetzen kann, war es schon veraltet. Also führt man es trotzdem ein, kündigt aber an, es wenige Jahre nach seiner Einführung durch ein Modell zu ersetzen, das jetzt gerade aktuell ist. Also genauso, wie die jetzt eingeführte TI vor 10 Jahren auf dem Stand der Zeit gewesen sein mag, als man ihre Einführung beschloss. Die Erkenntnis, dass die aktuelle Struktur nicht mehr zeitgemäß ist, basiert laut Darstellung der Gematik auf Leitfadeninterviews, die sie im Sommer 2020 mit ihren Gesellschaftern geführt hat. Im Sommer 2020.

Lesen Sie auch

APOTHEKE ADHOC Debatte

Neuere Artikel zum Thema

Mehr zum Thema

GKV-SpiBu will „Grundfinanzierung“ für Apotheken
GKV: Spahn macht reiche Apotheken reicher und arme ärmer »
Allgemeinverordnung zu Testzentren
Schnelltests: NRW beauftragt Apotheken »
Impf-Fortschritt soll Tests erübrigen
Merkel: Umfassende Teststrategie nur bis Juni nötig »

Mehr aus Ressort

E-Rezepte für CallMyApo – und Shop-Apotheke
Zava knackt Millionenmarke »
„Kartenhersteller wahrscheinlich überfordert“
KBV: Komplizierte Signatur verhindert E-Rezept-Einführung »
Datenübermittlung für das E-Rezept
Apotheker sollen für Versender zahlen »

Kurz und bündig: Merkblätter

Weiteres
E-Rezepte für CallMyApo – und Shop-Apotheke
Zava knackt Millionenmarke»
„Kartenhersteller wahrscheinlich überfordert“
KBV: Komplizierte Signatur verhindert E-Rezept-Einführung»
Datenübermittlung für das E-Rezept
Apotheker sollen für Versender zahlen»
Hormone, Schwangerschaft & Co.
Dehnungsstreifen: Irreparable Hautschäden»
Ausschlag ohne eindeutige Ursache
Update: Dyshidrose»
Mehr Feuchtigkeit, stärkere Barriere
Ectoin in der Allergiepflege»

Copyright © 2007 - 2021, APOTHEKE ADHOC ist ein Dienst der EL PATO Medien GmbH / Pariser Platz 6A / 10117 Berlin Geschäftsführer: Patrick Hollstein, Thomas Bellartz / Amtsgericht Berlin Charlottenburg / HRB 204 379 B