Zyto-Skandal

Pfusch-Apotheke: Whistleblower erzählen ihre Geschichte Anna Mayr / Correctiv.Ruhr, 23.08.2017 08:00 Uhr

Berlin - Marie Klein und Martin Porwoll aus Bottrop waren die Whistleblower in einem der größten Medizinskandale Deutschlands. Sie machten bekannt, dass der Apotheker aus der Stadt im Ruhrgebiet über Jahre teure Krebsmedikamente streckte und die Patienten betrog. Ein Originalbeitrag des Recherchenetzwerks Correctiv.

Am 25. Oktober 2016 zieht Marie Klein unter dem Vordach einer Bottroper Buchhandlung ihre Handtasche von der Schulter. Ihr gegenüber steht ihr Kollege Martin Porwoll. Klein öffnet die Tasche, nur ein bisschen, sodass Porwoll sehen kann, was darin liegt. Nach ein paar Sekunden schaut er wieder weg, denn er will nicht auffallen. Es soll aussehen, als würden die beiden sich zufällig begegnen. Aber beide wissen, dass dieser Moment kein Zufall ist. Und beide ahnen jetzt, dass sie ihre Jobs verlieren werden.

In Marie Kleins Tasche liegt ein Infusionsbeutel. Etwa so groß wie ein Taschenbuch, gefüllt mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Zwei Löcher sind darin, ein Eingang und ein Ausgang. Durch den Eingang füllt man Medikamente ein. Durch den Ausgang fließen die Medikamente in die Blutbahn eines Patienten. Auf dem Beutel ist ein Aufkleber: „Cyramza“ steht da, der Name eines Medikaments gegen Krebs. Dazu der Name einer Patientin, die Cyramza braucht, um den Krebs zu bekämpfen. Dieser Infusionsbeutel hätte Hoffnung für diese Patientin sein können. Heilung vielleicht. Aber in der durchsichtigen Flüssigkeit ist kein Cyramza, es ist nur Kochsalzlösung. Das macht den Plastikbeutel zum Beweisstück. Marie Klein hat den Beutel aus der Apotheke genommen, in der sie arbeitet. Um zu beweisen, dass an ihrem Arbeitsplatz Medikamente gepanscht werden.

Martin Porwoll und Marie Klein sind Whistleblower. Sie haben geredet, während alle geschwiegen haben. Vielleicht haben sie damit Leben gerettet. Beide arbeiteten in der Alten Apotheke in Bottrop. Ihr Chef, der Apotheker Peter S., hat Krebspatienten um ihre Medikamente betrogen. Correctiv hat die Anwälte von Peter S. zu den Vorwürfen befragt, aber bis zum Redaktionsschluss keine Antwort erhalten.

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