„Wir müssen sehen, wo wir jetzt Geld verdienen“

Umsatzeinbrüche: Bahnhofs-Apotheken leiden unter der Pandemie

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Berlin -

Menschenmassen und schnell wechselnde Kundschaft: Besonders Deutschlands Bahnhofs-Apotheken spüren den Einbruch der Verkaufszahlen durch Corona. Die Pandemie änderte auf einen Schlag das Zielpublikum, und auch nach den Lockdowns hat sich die Kundenzahl nicht stabilisiert. In Berlin betreibt Michael Marquardt am Hauptbahnhof und im Bahnhof Zoologischer Garten zwei Apotheken und freut sich über neue Vergütungsmodelle wie das Impfen.

Die Laufkundschaft spielt für Marquardt eine wichtige Rolle – denn anders als die sogenannten Kiez-Apotheken in Berlin besuchen seine Betriebe Menschen, die auf Geschäftsreise oder privat unterwegs sind sowie Touristen. Auch Hauptstädter nutzten die früheren ausgedehnten Öffnungszeiten der Apotheken gerne, um spät noch ihr Rezept oder Produkte aus der Offizin kaufen zu können. Die Stammkundschaft spielte in den vergangenen Jahren eine andere Rolle als etwa in einer Landapotheke.

Mit der Pandemie änderte sich das rege Treiben in den Apotheken auf einen Schlag. Bedingt durch die Maßnahmen waren 2020 laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) nur etwa halb so viele Fahrgäste im Linienfernverkehr mit Bussen und Bahnen unterwegs wie im Vorkrisenjahr. Im Eisenbahn-Fernverkehr reisten mit 82 Millionen Fahrgästen rund 46 Prozent weniger Menschen. Zuvor stieg die Zahl der beförderten Personen jahrelang.

Aus für 24/7

Im ersten Lockdown im März 2020 seien die Verkaufserlöse innerhalb von zwei bis drei Tagen um 80 Prozent zurückgegangen, erinnert sich Marquardt. Als eine Folge reduzierte er die Öffnungszeiten etwa am Hauptbahnhof. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 2006 ist die Apotheke fast nonstop für ihre Kunden da und wirbt mit dem Spruch „24 Stunden geöffnet“. Marquardt betonte vor Corona: „Eine Stadt wie Berlin braucht eine Apotheke, die rund um die Uhr geöffnet hat.“

Rund um die Uhr wurden hier früher Kund:innen mit Arzneimitteln und Kosmetikprodukten versorgt und beraten. Aktuell ist der Betrieb, der über einen sehr großen Freiwahlbereich verfügt, von 7 bis 21 Uhr geöffnet. Noch immer bewegen sich die Verkaufserlöse deutlich unter der Zeit vor der Pandemie: Aktuell liege der Einbruch im Vergleich zum Januar 2019 bei 30 Prozent, sagt der Apotheker.

 

Deshalb ist er dabei, neue Geschäftsmodelle zu implementieren. Als klar war, dass auch die Berliner Apohteken gegen Grippe impfen dürfen, war er sofort dabei. Seit November können sich Versicherte der Ersatzkassen ab 18 Jahren bei ihm gegen Influenza impfen lassen. Insgesamt 140 Menschen seien bereits immunisiert worden, sagt Marquardt. „Wir müssen sehen, wo wir jetzt Geld verdienen und uns ja auch beschäftigen.“ Der Beratungsraum im Betrieb im Bahnhof Zoo sei aufgefrischt worden. Neben ihm könnten zwei weitere angestellte qualifzierte Approbierte nun auch die Corona-Spritze setzen. Zunächst will Marquardt langsam beginnen. Für diese Woche bestellte er fünf Vials Comirnaty. „Wir müssen uns erst einmal einfinden.“ Hilfreich wäre, wenn die Bürokratie vermindert werden könnte.

Neue Einnahmequellen für Apotheken

Weitere zusätzliche Einnahmequellen seien die Erstellung digitaler Impfzertifikate sowie Masken- und Schnelltestverkäufe. „Testungen machen wir selber nicht, weil wir die Vorschriften für die Räume nicht erfüllen können.“ Denn im Bahnhof sei es nicht möglich einen Raum freizumachen, der über einen Ein- sowie Ausgang verfüge, sagt er. „Außerdem ist mir das zu gefährlich und ich möchte es meinen Mitarbeitern nicht antun.“

Auch mit den Covid-19-Impfungen, an denen er sich ab Donnerstag beteiligt, kommt eine weitere Geldquelle ins Haus. „Wir verdienen damit Geld und darum mache ich das“, sagt er. Der Umsatzeinbruch sei „unglaublich“ gewesen. Die Bahnhofs-Apotheken seien erledigt und müssten sehen, wo sie blieben.

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