Nach wie vor schließen jedes Jahr hunderte Apotheken. Immer mehr Menschen müssen daher weitere Wege zurücklegen, um Arzneimittel zu bekommen. Im niedersächsischen Bad Münder gibt es aktuell noch vier Apotheken; die Versorgung ist somit noch stabil. Und dennoch: „Wir wollen die Bevölkerung und die Politik sensibilisieren, bevor es zu spät ist“, betont Lisa Hollborn, Inhaberin der Adler-Apotheke. Denn kaputtgegangene Strukturen wieder zu erneuern, sei schwierig bis unmöglich.
Der Versandhandel bedroht die Existenz von Vor-Ort-Apotheken. Dass dieser Kampf schon bald verloren sein könnte, das befürchten die Apothekeninhaberinnen und -inhaber in Bad Münder. Deswegen haben sich drei Verantwortliche zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Kampagne zu starten, die auch Bürgermeister Dirk Barkowski unterstützt. Mit dabei sind neben der Adler-Apotheke auch die Kolleg:innen aus der St. Annen-Apotheke und die Deister-Apotheke aus dem Nachbarort Eimbeckhausen.
„Wir wollen damit auf die Bedeutung der Apotheken vor Ort aufmerksam machen“, so Hollborn. „Noch gibt es genug Apotheken hier in Bad Münder, doch diese Strukturen zu erhalten, sollte das Ziel sein und nicht, sich irgendwann die Frage stellen zu müssen, wie man eine Versorgung wiederherstellen kann“, betont auch Annika Witte, Filialleitung in der St. Annen-Apotheke.
Zum Austausch wurden alle in das Büro des Bürgermeisters eingeladen. „Wir müssen gemeinsam aufklären, auch wenn es eigentlich die Konkurrenz ist, mit der man ins Gespräch geht. Es geht schließlich nicht nur um uns, sondern um die Existenz der Apotheken in Deutschland“, macht sie deutlich.
Der Leitsatz der Kampagne lautet: „Das noch gut funktionierende Versorgungsnetz der Apotheken ist in Gefahr, wir wollen nicht warten, bis es zu spät ist.“ Denn bereits geschlossene Apotheken und eine kaputte Infrastruktur seien schwer wieder instand zu setzen. „Das ist schwierig oder gar nicht möglich“, betont Hollborn.
„Uns war es wichtig zu vermitteln, was es für die Menschen bedeutet, wenn die Versorgung gerade im ländlichen Bereich zusammenbricht“, sagt sie. „Wir sind sechs Tage die Woche sehr gut telefonisch erreichbar, wir leisten Nacht- und Bereitschaftsdienste außerhalb der regulären Öffnungszeiten, wir bringen Medikamente zweimal am Tag vorbei. Das alles kann der Versand nicht leisten“, so Hollborn. Auch Rezepturen, die persönliche Beratung oder schlicht das soziale Netz seien Leistungen, die nur in der Apotheke stattfinden.
Und dennoch: „Der gemeinsame Endgegner ist der Versandhandel, der enormen Druck auf die Branche ausübt“, erklärt Hollborn. „Für die Versandhändler gilt EU-Recht, für uns deutsches Recht.“ Das sei ein Kampf, den man kaum gewinnen könne. Ein Beispiel: „Wenn im Onlinehandel Rabatte bei Zuzahlungen gewährt werden, können wir das unseren Kunden kaum erklären. Uns ist es rechtlich verboten.“
In den Medien werde vor allem der finanzielle Aspekt im Gesundheitswesen hervorgehoben, betont Witte. „Das ist verständlicherweise auch der größte Aspekt, der die Kunden zunächst betrifft. Die Online-Apotheken stoßen damit natürlich auf offene Ohren.“ Es sei paradox: „Es wird online mit Erlass der Zuzahlungen geworben, während überall in den Medien von Erhöhung der Zuzahlungen gesprochen wird“, so Witte.
„Wir in Deutschland bekommen leider in den Vor-Ort-Apotheken den Ärger der Versicherten gegenüber den Krankenkassen ab, weil wir, selbstverständlich kostenfrei, für die Krankenkassen diese Zuzahlungen von den Versicherten einsammeln und weiterleiten, ohne selbst etwas davon zu haben, außer den Ärger und Diskussionen.“
Dies sei nur ein Beispiel, wie die Politik den Online-Apotheken in die Karten spielt und einem das Leben schwer mache, so Witte.
Es könne aufgrund der unterschiedlichen Rechtsgrundlagen einfach keinen fairen Wettbewerb zwischen den Online-Apotheken und den Vor-Ort-Apotheken geben, macht Witte klar. „Und in diesen Wettbewerb einzusteigen, ist vielleicht auch gar nicht das Ziel, aber deutlich zu machen, was unsere Stärken sind und was wir alles gerne für unsere Kunden über die Arzneimittelversorgung hinweg leisten, das liegt uns, denke ich, gleichermaßen am Herzen“, erklärt sie.
Noch habe Deutschland eine weitestgehend funktionierende Versorgungsstruktur. „Der Versandhandel wird von vielen erst einmal als Ergänzung empfunden. Aber dadurch, dass er zugelassen wird, sorgt er dafür, dass die Präsenz vor Ort nach und nach verdrängt wird”, erklärt Hollborn.
Die Zahl der Apotheken war bundesweit zuletzt auf 16.541 gesunken (Stand 31. März). In Bad Münder gibt es aktuell noch vier Betriebe. „Die Frage ist, wann die Schmerzgrenze erreicht ist. Machen wir das an einer Zahl fest? An Studien der Krankenkassen zur Erreichbarkeit? Sind dann 8 Kilometer zumutbar oder 18 Kilometer?“
Genau deswegen wolle man die vorhandene Struktur verteidigen. „Wir müssen die Menschen halten, die uns bereits kennen – und die gewinnen, die bislang ausschließlich online bestellt haben und sich vielleicht noch nie in eine Apotheke verirrt haben.“ Denn was manche noch nicht wissen: „Auch wir nutzen diverse Kanäle, um Onlinebestellungen zu ermöglichen. Menschen, die die Wahl haben, sollten die Apotheke vor Ort wählen statt den Versand.“