Antibiotika, Krebsmedikamente, Blutdrucksenker, Schmerz- und Asthmamittel, Glucocorticoide, Antidepressiva: Die Liste der von Lieferengpässen betroffenen Arzneimittelgruppen ist lang. Apotheken und Arztpraxen müssen den Mangel verwalten und Alternativen finden. Nicht immer erhalten Patient:innen die optimale Therapie.
Eine Umfrage der Medizinischen Hochschule Hannover untersucht Lieferengpässe und deren Folgen für die Ärzteschaft in Deutschland und Österreich bei 20 häufig verwendeten Arzneimitteln im Zeitraum von November 2022 bis Januar 2024. Grundlage war die Engpassliste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM).
Amoxicillin, Amoxicillin/Clavulansäure, Penicillin V (Phenoxymethylpenicillin), Cefuroxim, Cefaclor, Erythromycin, Cotrimoxazol, Ibuprofen, Paracetamol, Urapidil, Metoprolol, Amlodipin, Candesartan, Tamoxifen, Methotrexat, Fluoxetin, Lorazepam, Humaninsulin, Salbutamol und Prednisolon.
Penicillin V, Amoxicillin, Lorazepam und Amoxicillin/Clavulansäure waren von allen 20 ausgewählten Medikamenten am stärksten von Lieferengpässen betroffen. 86 Prozent der befragten Ärzt:innen waren von Lieferengpässen bei Penicillin V betroffen. 39 Prozent der Teilnehmenden bewerteten die Auswirkungen der Lieferengpässe bei Penicillin V sogar als sehr stark. Bei Amoxicillin, Amoxicillin/Clavulansäure und Lorazepam war der Anteil der Ärzt:innen, die angaben, sehr stark betroffen zu sein, mit 21 Prozent für Lorazepam deutlich geringer.
Allgemeinmediziner:innen waren am häufigsten von Engpässen bei Penicillin V, Amoxicillin und Lorazepam betroffen. Aber auch Cefaclor war Thema. Der Anteil der Allgemeinmediziner:innen, die angaben, stark oder sehr stark von Engpässen bei Ibuprofen und Paracetamol betroffen zu sein, ist sehr gering und liegt bei beiden Substanzen bei weniger als 20 Prozent. Zudem fehlten Urapidil, Metoprolol, Amlodipin und Candesartan.
Obwohl 94 Prednisolon-Präparate auf der BfArM-Liste standen, waren weniger als 10 Prozent der Allgemeinmediziner:innen stark oder sehr stark von der Lieferknappheit betroffen.
Den Salbutamol-Engpass spürten Hausärzt:innen. Stärker betroffen waren die Mediziner:innen jedoch vom Urapidil-Engpass mit 27 Prozent. Tamoxifen und Humaninsulin wiesen eine ähnliche Bewertung auf: 17 vs. 16 Prozent. Bei Methotrexat, Fluoxetin und Prednisolon gaben hingegen weniger als 10 Prozent der Hausärzt:innen an, stark oder sehr stark vom Lieferengpass betroffen zu sein.
Internist:innen gaben an, vom Lieferengpass bei Cefuroxim, Cotrimoxazol, Metoprolol, Amlodipin, Candesartan, Methotrexat und Prednisolon betroffen zu sein. Bei Ibuprofen, Paracetamol, Tamoxifen, Salbutamol und Fluoxetin waren die Allgemeinmediziner etwas stärker betroffen als die Internisten.
Kinderärzt:innen waren stärker von den Lieferengpässen bei Amoxicillin, Penicillin V, Ibuprofen, Paracetamol und Salbutamol betroffen. Wobei der Lieferengpass von Ibuprofen beim BfArM nicht erfasst worden war.
Das Suchen nach Alternativen kostet Zeit. Der zusätzliche Zeitaufwand pro Medikament unterscheidet sich in den einzelnen Fachrichtungen.
Die Mediziner:innen gaben drei Hauptgründe für den zusätzlichen Zeitaufwand an: Telefonate mit der Apotheke, Suche nach Alternativen und Gespräche mit betroffenen Patient:innen.
Außerdem sorgen Rezepte für zusätzliche Zeitaufwände. Rezepte erforderten mehr Zeit, da sie geändert werden mussten, wenn das ursprünglich verschriebene Medikament in der Apotheke nicht verfügbar war. Zudem hatten Ärzt:innen Schwierigkeiten, E-Rezepte zu stornieren.
Anstelle von Urapidil wurden am häufigsten Moxonidin (34 Prozent), Doxazosin (25 Prozent) und Dihydralazin (11 Prozent) verordnet. Doxazosin, mit einem Empfehlungsgrad von 0 ist in der Leitlinie zum benignen Prostatasyndrom aufgeführt. Moxonidin und Dihydralazin werden nicht erwähnt. Die Forschenden schlussfolgern, dass Urapidil hauptsächlich zur Langzeittherapie von Bluthochdruck eingesetzt wurde, obwohl es in den Leitlinien dafür nicht vorgesehen ist. „Im Falle von Urapidil scheint es sich demnach um einen Fall von vermeintlichem Versorgungsengpass aufgrund unangemessener Verschreibungspraxis zu handeln. Es ist uns nicht bekannt, warum Urapidil zur Langzeittherapie von Bluthochdruck verschrieben wird.“ Fehlende Antibiotika wurden durch verfügbare ersetzt. Dies birgt jedoch das Risiko von Resistenzen. Lorazepam wurde durch Diazepam ersetzt.
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