ApoRetrO – Der satirische Wochenrückblick

Apotheken sollen Heizlüfter und Sandsäcke abgeben

, Uhr
Berlin -

Die Apotheken werden gebraucht. Das hat auch die Politik verstanden. In zahlreichen Länderparlamenten erhalten die Vor-Ort-Betriebe jetzt neue Aufgaben. Der Vorstoß der bayerischen Grünen, mobile Klimaanlagen auf Rezept abzugeben, diente dabei als Blaupause. In hochwassergefährdeten Regionen etwa sollen Apotheken künftig per Verordnung Schlauchboote und Sandsäcke beliefern, in Schneegebieten sind es Heizlüfter und Schneeschieber. Die Vergütung? Wird angesichts des Dienstes für die Bevölkerung zur Nebensache.

In Bodenmais im Bayerischen Wald kann es im Winter nicht nur bitterkalt, sondern auch schneereich werden. Das wissen die Lokalpolitiker. Dort setzte sich eine gewiefte CSU-Politikerin für den Schutz von sozial schwachen Menschen ein. Nach dem Motto „Kein Bibbern in Bayern“ brachte sie ein Sofortprogramm durch, das die Abgabe von Heizlüftern für ältere Menschen, die zur Miete wohnen, Personen in häuslicher Pflege und Schwangere regelt.

Apothekenboten bringen Heizlüfter

Mit Unterstützung der Opposition – die Grünen mussten angesichts ihres Dringlichkeitsantrags zur Klimaanlage auf Rezept zustimmen – gelang ihr der Coup. Ärztinnen und Ärzte können seither Heizlüfter verordnen – insgesamt wurden 7500 Geräte angeschafft. Die Apotheken mussten dafür ihre Abläufe anpassen, denn die Belieferung muss laut Verordnung umgehend innerhalb von 24 Stunden erfolgen. Da die Lüfter in den Turnhallen der Gemeinden lagern, kann dies mitunter ein längerer Weg für die Botenfahrer:innen werden. Für das Apothekenpersonal waren außerdem neue Schulungen zum Umgang mit den elektrischen Geräten Pflicht.

Im württembergischen Allgäu fand der Vorstoß des Nachbarlands parteiübergreifend so viel Zuspruch, dass man noch einen Schritt weiterging: Apotheken geben dort mittlerweile auch Schneeschieber und Wärmflaschen auf Rezept ab. Diese nicht-medizinischen Klima-Hilfsmittel werden auf Empfehlung der extra eingerichteten bundesweiten Zentralstelle für nicht-medizinische Hilfsmittel (ZnmH) mit Sitz in Bonn allerdings nicht wie bei den Heizlüftern in Gemeindeanwesen, sondern in der jeweiligen Apotheke gelagert.

Abgabe von Schlauchbooten und Sandsäcken

In Hochwassergebieten wie im Ahrtal oder an großen Flüssen wie dem Rhein entstand eine länderübergreifende Initiative für die Abgabe von Schlauchbooten und Sandsäcken auf Rezept. Die Verordnungen werden auch hier von der Ärzteschaft ausgestellt und in der Apotheke eingelöst. Der Einfachheit halber kamen Ärzte- und Apothekerverbände zu dem Schluss, dass die örtlichen Gemeinden die Hilfsmittel lagern sollen. Zu viel wollte man den Apotheken doch nicht zumuten.

Was die Vergütung angeht, fand sich – ohne Schiedsstelle – ein Konsens. Die Inhaber:innen erhalten pro abgegebenem „Klima-Hilfsmittel“ von der ZnmH Bonuspunkte, die sie später bei den Landesparlamenten als Nachlässe bei Energiekosten geltend machen können. Ein Erfolg auf ganzer Linie, kommentierte ein Funktionär eines Apothekerverbandes. Der höhere bürokratische Aufwand werde angesichts der Wertschätzung der öffentlichen Apotheke gern in Kauf genommen. Immerhin stärke dies die Vor-Ort-Betriebe und zeige, dass man mehr als eine Arzneimittelabgabestelle sei.

Ganz so drastisch steht es um die Aufgabenerweiterung der Vor-Ort-Apotheke noch nicht. Doch die bayerischen Grünen beharren weiter auf ihrer Idee, Klimaanlagen auf Rezept abzugeben. Wie die Apotheken dafür vergütet werden, ist unklar. Fest steht jedoch, dass sich die stationären Apotheken mit den neuen Dienstleistungen im Bereich Impfen oder assistierter Telemedizin tatsächlich weiter zum Gesundheitsanbieter entwickeln sollen und können.

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Lesen Sie auch
Mehr zum Thema
Streichung der Erstattungsfähigkeit
Cannabisversorgung: Lob für GKV und KBV
Bundesregierung prüft Umsetzungsbedarf
Second-Hand-Medikamente: Wiederabgabe nicht verboten
Kritik an Gesetzgebungsverfahren
Länder verärgert über Hauruck-Sparpaket

APOTHEKE ADHOC Debatte