Retax-Love – eine unmögliche Liebesbeziehung | APOTHEKE ADHOC
ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Retax-Love – eine unmögliche Liebesbeziehung

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Berlin -

Es begann mit einem Lieferengpass. Weil Apothekerin Janine S. vergessen hatte, die Sonder-PZN aufzudrucken, wurde sie retaxiert. Klarer Fall, Rabattvertrag nicht beachtet, Vollabsetzung. Janine war trotzdem sauer, auch ein bisschen auf sich selbst. Aber im Rückblick könnte es sich gelohnt haben.

Beim nächsten Engpass – also am nächsten Tag – dachte die Apothekerin an die Sonder-PZN und weil die Wut im Bauch noch köchelte, schrieb sie auf die Rückseite des Rezepts: „Arzneimittel ist wirklich nicht zu bekommen. Echt, stimmt, ich schwöre.“ Einige Monate später bekam sie wieder Post von der Retaxstelle: „Liebe Frau S., ich glaube Ihnen. Wenn es bei unseren Rabattpartnern zu Engpässen kommt und Sie deswegen mehr Arbeit in der Apotheke haben, tut uns das aufrichtig leid. Liebe Grüße, Ihr Peter M.“ Die Apothekerin musste sich setzen.

Aus diesem kleinen Schriftwechsel erwuchs eine wundervolle Brieffreundschaft auf rosa Papier. Denn die Apothekerin brachte von diesem Tag an immer wieder kleine Botschaften auf den Rezepten unter. Sobald ein Versicherter der Kasse an den HV-Tisch trat, die bei dieser Prüfstelle abrechnen lässt, spürte sie ein leises Kribbeln. Abends bei der Rezeptkontrolle griff sie dann zum Füller und schickte nette Grüße an den unbekannten Kontrolleur.

Manchmal ertappte sie sich dabei, auf Rezepten zu preisgünstigen Arzneimitteln absichtlich kleine Fehler zu machen, damit dem Taxfreund in der Ferne das Image auch sicher zu Gesicht kommen würde. Und verlässlich kamen Briefe zurück – zuweilen wurde der Prüfer sogar so übermütig, dass er Rezepte mit Korrekturhinweis zurückschickte und seinerseits kleine Botschaften hinterließ. Längst beschränkten sich beide nicht mehr auf die Rückseite: Versteckte Codes in der Zahlenfolge, erfundene Arzneimittel mit Gruß in einer noch freien Zeile und so weiter.

Doch dann hörten die Briefe auf, es kamen nur ganze normale Retaxationen, mal null, mal nichtig, immer humorlos und ohne ein Zeichen von Menschlichkeit. Einsprüche wurden entweder ohne Widerschein eines schlechten Gewissens akzeptiert oder – in der Mehrzahl – mit Textbausteinen zugeschüttet. Die Apothekerin war traurig. Bis sie eines Abends bei der Rezeptkontrolle folgende Botschaft las: „Die haben mich rausgeschmissen – zu geringe Retaxquote… Lust auf ein Abendessen?“ Die Apothekerin lächelte.

So genug der rosaroten Fantasien. Protestbotschaften auf dem Rezept gibt es wirklich. Nur leider ohne positive Nebenwirkungen. Die Kassen mahnen freundlich dazu, die rosa Dokumente nicht zu diesen Zwecken zu missbrauchen, sondern den direkten Kontakt zu suchen. Dass dabei schon Liebesbeziehungen entstanden sind, ist auch nicht überliefert. In Sachen Retax-Bude gab es zumindest eine kleines Kitzellachen in der Apotheke: Protaxplus ist insolvent. Auch wenn das für die betroffenen Mitarbeiter nie schön ist, viele Kollegen äußern in ihren Kommentaren, dass es diesmal nicht den Falschen getroffen hat.

Betriebsbedingte Kündigung gibt es auch bei Sixtus und zwar reichlich. Das Traditionsunternehmen lahmt. Will sagen: Jungunternehmer Phillip Lahm lässt seine Sportlermittelchen jetzt von Dritten herstellen und benötigt laut dem Münchener Merkur bald nur noch eine halbe Kraft (und einen Azubi, was auch immer der dort lernen soll). Soll jetzt keine Sozialneidsdebatte lostreten, aber wenn ein 61 Jahre alter Maschinenschlosser mit 20 Jahren Betriebszugehörigkeit vor dem Arbeitsgericht gegen seine Entlassung klagen muss, weil sein 35-jähriger Chef mit einem geschätzten Privatvermögen von rund 100 Millionen Euro sich seine Weiterbeschäftigung nicht mehr leisten kann oder will, dann muss man nicht mit Kevin K. allein zu Haus diskutieren, um über postkapitalistische Gesellschaftsmodelle ins Grübeln zu kommen. Klammer zu.

Voll auf den Kapitalmarkt setzt dagegen zur Rose. Mehr Geld bei den Aktionären einsammeln und immer schneller wachsen, das ist die Devise. Nicht zu verwechseln mit Dividende, wie den Kleinaktionären in Zürich erklärt wurde. Jetzt säen, später ernten. Und den eDünger hält die Politik bereit, so dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei Zur Rose mittlerweile einen gottgleichen Status erlangt hat. Kein Scherz, sie beten zu ihm. Und vielleicht steigt er im Olymp demnächst sogar noch auf, die Spekulationen schießen ins Kraut.

Der Gottesdienst in Heerlen hat schon fanatische Züge angenommen. Doppelter Bonus als Aktion, also de facto Honorardumping. Das ist eher langfristig nachhaltig gedacht. Größe ist das Zauberwort. Und wenn Sie längst den Überblick verloren haben, welcher Konzern hinter den zahlreichen URL steht, hilft vielleicht diese kleine Übersicht.

Aber kehren wir noch einmal zurück in die Offizin. Hier hat ein Apotheker seiner Patientin extra einen Einzelimport organisiert, das Rezept dann aber leider ohne Liebesgruß und vor allem ein paar Tage zu spät in die Abrechnung gegeben. Nullretax. Und weil wir die verursachende Hanseatische Krankenkasse einmal als HKK abgekürzt hatten und nicht korrekterweise als HEK, hat sich die HKK zu Wort gemeldet und verständlicherweise um Klarstellung gebeten. Wenn die eine Krähe mit der anderen nichts mehr zu tun haben will…

Die AOK Bayern wollte es geschmeidiger machen und den Apothekern nur mitteilen, in welcher Höhe man hätte retaxieren können. Und das man dies auch tun wird, wenn die Apotheke weiter so inflationär von den Sonder-PZN Gebrauch macht. Auf eine Einzelfall-Analyse verzichtet man hier großzügig, ist ja nur ein Warnschuss. Ein Apotheker fand diese Indizien-gestützte Anprangerung so drollig, dass er sie gleich mit der weltgrößten Prangergemeinde teilen wollte und an Facebook übergeben hat. Ob das hilft?

Was nicht hilft: Einfach irgendwas abrechnen, Rezepte fälschen, mit Bodybuildern dealen und chinesische Ärzte erfinden. Jedenfalls drohen dann Entzug von Betriebserlaubnis und Approbation und eine Strafe, die nur deshalb auf Bewährung ausgesetzt wurde, weil das Gericht die Apothekerin aufgrund der Vielzahl der Verstöße für nicht ganz zurechnungsfähig hielt.

Also, bleiben Sie bitte sauber und nennen Sie Ihre Angestellten nicht „Mädels“. Das kam schon bei der Anhörung zur PTA-Reform im BMG nicht gut an. Dort wartet man übrigens sehnsüchtig auf Vorschläge in Sachen honorierte Dienstleistung. Denn Spahn will seinen Zeitplan anders als den Koalitionsvertrag einhalten. An die Arbeit! Und morgen: An die Urne! Schönes Wochenende!

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