Der erste Traubenzucker-Härtefall

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Berlin - Der kleine Knirps kann noch nicht über den HV-Tisch gucken – aber er weiß, was er will: „Daf ich Bomboms ham?“, fragt er den Apotheker. Der tut so, als hätte er nichts gehört und berät die Mutter weiter gewissenhaft zu Fieberzäpfchen. „Ich will Bomboms!“, schallt es nachdrücklicher aus der Außerdersichtwahl. Dem Apotheker steht der Schweiß auf der Stirn. „Ach entschuldigen Sie, darf mein kleiner Theo vielleicht ein Traubenzucker haben?“, mischt sich die Mutter ein. Mit zitternder Hand greift der Apotheker in die versteckte Schachtel unter dem Tresen und lässt die Süßigkeit in die ausgestreckte Hand des Jungen fallen. Schon schnappt die Handschelle zu.

Denn was der Apotheker getan hat, ist ein schweres Verbrechen. Er hat eine Zuwendung gewährt. Sogar zwei, aber gegen die kostenlose Beratung haben Gesetzgeber und Justiz nichts einzuwenden. Es ist der Traubenzucker. Der Preis für die Fieberzäpfchen wurde durch den Drops Intact-Zitrone gesenkt.

Sie haben Recht mit Ihrem Einwand, dass die Mutter die Zäpfchen gar nicht bezahlt. Sie haben auch recht, wenn Sie vortragen, dass bei einem Kinderarzneimittel keine Zuzahlung anfällt. Und nicht zuletzt damit, dass selbst die pfennigfuchsenste Mutter nicht in eine bestimmte Apotheke geht, weil der kleine Theo dort seinen Traubenzucker bekommt (oder seinen Em-eukal-Lolli, Salmiak-Pastille oder Methadon oder wonach immer ihm der Sinn steht). Aber verstehen Sie doch, es geht ums Prinzip. Es geht um die Preisbindung.

Dass die Mutter 2,50 bis 30 Euro geschenkt bekäme, wenn sie das Rezept in die Niederlande geschickt hätte, ist wahr (aktuell sind sogar Doppelbonus-Wochen). Weil der Binnenmarkt anderen Anforderungen genügen muss als die Akutversorgung. Aber dummerweise hat der kleine Theo jetzt Fieber, was sein zuletzt etwas ungebührliches Betragen entschuldigt.

Den Apotheker entschuldigt nichts, er hat kein Binnenmarktprivileg, weil er beraten darf. Und muss deshalb hart bestraft werden. Es wären in Wirklichkeit nicht gleich die Handschellen, die meine lieben Kollegen aus der Grafik in das Bild gezaubert haben, aber eine Abmahnung könnte der Traubenzucker durchaus nach sich ziehen. Denn der Bundesgerichtshof (BGH) hat im Ofenkrusti-Urteil entschieden, dass die Preisbindung absolut einzuhalten ist.

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