In den 66 Maßnahmen, die die Finanzkommission Gesundheit (FKG) in ihrem Bericht empfiehlt, spielt die Zahl der Krankenkassen keine Rolle – im gesellschaftlichen und auch politischen Diskurs ist die Zahl hingegen präsent. Schließlich ist der angebliche Wettbewerb zwischen den Krankenkassen durch den gesetzlich festgelegten Leistungskatalog durchaus fragwürdig. Und ein Zusammenlegen würde zwar nicht zwingend die tatsächlichen Verwaltungskosten, die zur Sachbearbeitung sowie zum Einhalten und Prüfen der gesetzlichen Regulatoren nötig sind, senken, aber wohl Werbemaßnahmen und die Menge an hohen Vorstandsgehältern minimieren. So jedenfalls argumentieren Befürworter der Idee. Kritiker halten die Einsparmöglichkeiten dagegen für banal – schließlich hätte die Reduktion der Kassenzahl in der Vergangenheit auch nicht zu einer Kostenreduktion geführt.
Auch wenn das Thema Krankenanzahl im Referentenentwurf der Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) keine Rolle spielt, ist es in der politischen Debatte längst angekommen. So machte der CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann vergangene Woche Schlagzeilen, als er unverhohlen erklärte, er glaube, zehn Krankenkassen würden reichen. Und auch der Koalitionspartner zog nach: So erklärte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, Christos Pantazis, gegenüber der Bild-Zeitung, ein Dutzend Kassen würde reichen.
Gegenüber dem Tagesspiegel erklärte nun selbst der Chef der DAK-Krankenkasse, Andreas Storm, dass er, um die Herausforderungen im System anzugehen, Kassenfusionen nicht ausschließe: „Auch das Krankenkassensystem darf kein Tabu sein“, zitiert der Tagesspiegel.
Auch mit der Frage, wie hoch das Sparpotenzial sein könnte, hat sich der Tagesspiegel befasst. Die FKG verweise in ihrem Bericht auf Erfahrungen aus Österreich. Dort sei es nämlich trotz der Fusion der Gebietskrankenkassen 2020 zu einer bundesweiten Kasse dennoch zu einem bereinigten Anstieg der Verwaltungskosten von 2020 bis 2024 um 25 Prozent gekommen. In Deutschland seien die Verwaltungskosten dagegen nur um 7 Prozent angestiegen, erklärt der Tagesspiegel.
Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Größe einer Kasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten gebe es laut FKG nicht. Auch die Gehälter der Kassenchefs machten lediglich 0,005 Prozent der Gesamtausgaben aus.
Trotzdem gibt es Experten, die einen Vorteil in der Reduktion der Kassenzahl sehen: „Einen Unterschied würde vor allem der Umstieg auf eine einheitliche gesetzliche Krankenkasse machen“, erklärte Professor Dr. Stefan Greß von der Hochschule Fulda gegenüber dem Tagesspiegel. Die Vorteile des Wettbewerbs seien nicht eingetreten, so der Experte weiter. Zwar sei auch seiner Meinung nach die Reduktion der Verwaltungskosten unwahrscheinlich, aber die Fusion habe den Vorteil, dass auf freiwillige Zusatzleistungen aus Wettbewerbsgründen künftig verzichtet werden könne. Auf diese Weise ließen sich seiner Schätzung nach ein paar hundert Millionen einsparen. Dazu gehörten etwa Bonusprogramme, mit denen Sport belohnt wird oder die Übernahme der Kosten für Kurse im Fitnessstudio.
Der Gesundheitsökonom Professor Dr. Mathias Kifmann von der Universität Hamburg plädiert im Tagesspiegel für eine Stärkung des Wettbewerbs, denn so würde sich voraussichtlich auch die Zahl der Kassen von alleine reduzieren. Er verweist auf die Niederlande: Dort dürften die Kassen viel stärker mit Leistungserbringern Selektivverträge verhandeln und besondere Konditionen vereinbaren. Ohne gültigen Vertrag übernehme die Kasse die Rechnungen des Anbieters nicht; folglich seien die Kliniken und Praxen gezwungen, gute Angebote zu machen, was die Kosten senke.
Zweifel, dass die Reduktion der Kassen tatsächlich zu Einsparungen führt, sind auch im „Spiegel“ zu lesen: Die GKV-Verwaltungskosten seien in Wahrheit nicht besonders hoch; aktuell lägen diese Kosten bei rund 4 Prozent der Gesamtausgaben, 12,6 Milliarden Euro im Jahr 2024. „Damit sind sie im internationalen Vergleich niedrig“, so Dr. Andreas Klar, Experte für Gesundheitssysteme bei der Unternehmensberatung BCG, gegenüber dem „Spiegel“. In den vergangenen Jahren seien die Verwaltungskosten zudem weniger stark gewachsen als andere Ausgabeblöcke der GKV.
Außerdem habe Deutschland heute weniger gesetzliche Kassen als früher: 1970 waren es laut „Spiegel“ stolze 1815 und 1990 noch 1147. „Allein der heutige Daimler-Konzern hatte früher drei bis vier Betriebskrankenkassen nebeneinander, die für bestimmte Standorte und Geschäftszweige zuständig waren“, kommentierte Dr. Alexander Braun, Gesundheitsökonom im österreichischen Krems.
Mit dem Gesundheitsstrukturgesetz von 1993 sei schließlich der Weg für die freie Wahl der Kasse geebnet worden. Die Zahl der Kassen schrumpfte rasant: Zur Jahrtausendwende seien noch 420 Kassen übrig gewesen, bis die Zahl schließlich auf die heutigen 93 sank. „Fusionen entstanden meist mit der Hoffnung auf Synergieeffekte und darauf, dass große Kassen gegenüber Pharma- und Klinikkonzernen mehr Verhandlungsmacht haben als kleine“, schreibt der „Spiegel“.
Doch die Reduktion habe eben nicht zu geringeren Verwaltungskosten geführt. Zwischen 2004 und 2024 stiegen sie inflationsbereinigt um 6 Prozent an, rechnet der „Spiegel“ vor. Dabei spielen nicht nur Effizienz, sondern auch die gewachsene Versichertenzahl und neue Aufgaben durch den Gesetzgeber eine Rolle. Klar erklärte dennoch, dass im System noch viele ungehobene Reserven schlummern. Er gehe von Effizienzsteigerungen von 20 bis 40 Prozent aus durch Automatisierung und künstliche Intelligenz – die allerdings im ersten Schritt Investitionen benötigten.
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