Kommentar

Teurer Hengst und alter Gaul

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Berlin -

„Unter den Weihnachtsbaum oder ins Osternest“ will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) der Branche sein letztes Pharmagesetz legen. Dann bleiben nur noch wenige Monate bis zur Bundestagswahl – eine Legislaturperiode lang werden Gröhe und die Gesundheitspolitiker der Großen Koalition die Apotheker an der Nase herumgeführt haben. Grund zur Vorfreude, so viel steht schon heute fest, ist nicht angebracht: Der Forderung nach höheren Rezepturzuschlägen könnte zum Bumerang werden. Die ABDA hat auf das falsche Pferd gesetzt.

Rezepturen gehören zum Selbstverständnis des Apothekers. Sie sind eine Reminiszens an den Berufsstand früher Tage, aber weit davon entfernt, in der Versorgung überflüssig zu sein. Betriebswirtschaftlich sind sie ein Zuschussgeschäft, insofern ist die Forderung nach einer besseren Vergütung ebenso naheliegend wie berechtigt. Politisch wurden entsprechende Vorstöße bislang gern mit Verweis auf die Allgemeinwohlpflichten oder die Mischkalkulation beim Fixum verworfen. Jetzt aber zeigt die Politik die Bereitschaft, für individuelle Salben mehr als eine Erdnuss zu zahlen. Es könnten sogar Peanuts werden.

Denn wirtschaftlich im Sinne des Honorars spielen Rezepturen keine Rolle. Im vergangenen Jahr wurden 7,2 Millionen allgemeine Zubereitungen wie Salben und Kapseln hergestellt, also im Durchschnitt eine pro Tag und Apotheke. Kommen die 8,35 Euro als Abgabehonorar, brächte dies in der Summe 60 Millionen Euro oder 3000 Euro pro Apotheke. Ein eher symbolischer Betrag.

In ganz anderen finanziellen Dimensionen wäre die Deckelung des Apothekenhonorars angesiedelt, die von den Gesundheitspolitikern der Koalition ins Spiel gebracht wurde. Denn Hochpreiser sind längst keine Exoten in den Apotheken mehr. Nach ABDA-Zahlen hatten 2014 rund 17,5 Millionen Packungen einen Apothekenverkaufspreis von mehr als 250 Euro – bezogen auf die Gesamtzahl von 700 Millionen Packungen zwar ein geringer Anteil. Doch nach Umsatz macht dieser Bereich bereits 43 Prozent aus, das sind 14,5 Milliarden Euro.

Bis zu 420 Millionen Euro stünden also zur Disposition – das sind fast 9 Prozent des gesamten Apothekenhonorars. Zugegeben, wohl kein Gesundheitspolitiker wird die Grenze bei 250 Euro ziehen. Realistischer wäre eine Regelung wie beim Großhandel, der ab einem Herstellerabgabepreis von 1200 Euro nur noch einen Zuschlag von 38,50 Euro erhält. Je nachdem, wo man die Grenze zieht und wie hoch der Maximalbetrag ausfällt, geht es also um deutlich weniger Geld.

Doch dass der Kuhhandel, wie vom CDU-Arzneimittelexperten Michael Hennrich postuliert, für die Apotheken kostenneutral ausfällt, darf zumindest langfristig bezweifelt werden. Denn die Zahl der Rezepturen ist seit Jahren stark rückläufig und alleine seit 2011 um ein Drittel gesunken. Kritiker argwöhnen schon, dass das Interesse noch schneller abflachen wird, sollten Rezepturen demnächst tatsächlich für die Kassen teurer werden.

Dagegen entwickelt sich der hochpreisige Bereich extrem dynamisch – in den vergangenen 15 Jahren hat sich der durchschnittliche Packungspreis auf rund 50 Euro verdoppelt. An diesem Trend werden auch die geplanten Preisbremsen aus dem Pharmadialog nicht viel ändern. Die Apotheken würden also einmal mehr vom Fortschritt abgekoppelt.

„Für Nullsummenspiele sind wir nicht zu haben“, kommentierte DAV-Chef Fritz Becker das Positionspapier der Gesundheitsexperten. Er empfindet das als Verrat am 2004 vereinbarten Grundsatz der Mischkalkulation. Ohnehin ist der Vorstoß der Gesundheitspolitiker merkwürdig: Warum befasst sich die Antwort der Abgeordneten auf die Ergebnisse des Pharmadialogs mit dem Apothekenhonorar, obwohl die Apotheker im Abschlussbericht gar nicht vorkommen? Bei allen anderen Honorardebatten wurden die Apotheker zuletzt immer auf die laufenden Berechnungen verwiesen, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums durchgeführt werden.

Noch gravierender wären die strukturellen Konsequenzen. Schon heute reichen 3 Prozent plus 8,35 Euro mitunter nicht für die Vorfinanzierung von Hochpreisern, zumal die Banken Überziehungszinsen gerne quartalsweise abrechnen. Ein Deckel würde das Geschäft für viele Apotheken endgültig unmöglich machen – dann würden nicht mehr Rezepturen verweigert, sondern Patienten mit Rezepten über teure Medikamente fortgeschickt.

Vielleicht ist genau das der Plan, den die Politik verfolgt: Hochpreiser in einen selektiven Vertriebskanal zu drücken, sprich Selektivverträge im Apothekenbereich zu ermöglichen. Specialty Pharmacy heißt dieser Bereich im Ausland, bei dem die klassischen Wald- und Wiesenapotheken außen vor sind. Das Timing von Gröhe lässt jedenfalls nichts Gutes vermuten und wird nur übertroffen vom offen zur Schau gestellten Desinteresse von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Vor fast genau zehn Jahren sind die Apotheker auf die Straßen gegangen, als Höchstpreise eingeführt werden sollten. Jetzt geht es um eine Deckelung ihres Honorars. Könnte gut sein, dass die Branche erneut die Kraft aufbringt, gegen solche „Geschenke“ des Ministeriums zu rebellieren.

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