Gesundheitspolitik

Kathrin Vogler geht – Apothekerin Sylvia Gabelmann kommt

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Berlin -

Sie ist Neuling und die einzige Apothekerin im Bundestag. Nun hat die Linken-Politikerin Sylvia Gabelmann gute Chancen, ihrem Berufsstand im Gesundheitsausschuss Fachkompetenz und Stimme zu geben. Weil die bisherige Gesundheitspolitikerin der Fraktion Die Linke, Kathrin Vogler, sich künftig um Außen- und Verteidgungspolitik kümmern will, ist der Platz der Arzneimittelexpertin vakant.

„Nach acht Jahren in der Gesundheitspolitik habe ich mich entschieden, meinen inhaltlichen Schwerpunkt zu verlagern“, ließ Vogler kürzlich wissen. Um die Themen Gesundheit und Pflege wird sich künftig bei den Linken daher neben Harald Weinberg, Pia Zimmermann, Achim Kessler auch Gabelmann kümmern. Ob die Apothekerin von Vogler die Arzneimittel- und Apothekenpolitik übernimmt, ist in der Fraktion noch nicht entschieden, aber sehr wahrscheinlich. Gabelmann könnte nahtlos in Voglers Fußstapfen treten. Die Pharmazeutin tritt für ein Rx-Versandverbot, die Abschaffung der Rabattverträge und eine grundlegende Neuordnung des Gesundheitssystems ein.

Gabelmann wuchs im Taunuskurort Bad Homburg vor der Höhe auf und begann 1977 eine Lehre als Apothekenhelferin. „Mit dem Gehalt habe ich später mein Pharmaziestudium in Frankfurt finanziert“, so Gabelmann. Nach ihrer Approbation 1987 arbeitete sie zunächst für zwei Monate in einer Krankenhausapotheke in Saudi-Arabien, danach als Chefvertretung und später in Festanstellungen in öffentlichen Apotheken von Frankfurt.

Ihre Karriere als Apothekerin fand 2002 aber ein abruptes Ende. „Bei mir wurde Brustkrebs festgestellt. Ich lebte danach überwiegend in Portugal“, so Gabelmann. „In den ersten Jahren war ich vor allem damit beschäftigt, wieder gesund zu werden. In dieser Zeit beschäftigte ich mich viel mit Naturheilkunde und gab Seminare in Aromatherapie.“ Aus privaten und politischen Gründen zog es sie 2008 zurück nach Deutschland, erst nach Aachen, später nach Siegen.

Vor der Bundestagswahl ging sie noch einmal für ein halbes Jahr zurück in die Apotheke und fand dort völlig veränderte Verhältnisse vor. „Ich hatte zuvor alle Gesundheitsreformen im Beruf miterlebt. Doch die Arbeitsbedingungen hatten sich in den elf Jahren meiner Abwesenheit wesentlich verschärft. Die Qualität hatte nichts mehr mit der zu tun, die ich damals kennengelernt hatte.“ Vor allem habe sie mehr Zeit vor dem Computer als mit dem Patienten verbracht. „‚Es tut mir leid‘, musste ich ihnen sagen, ‚ich würde sie gerne persönlich beraten, aber ich muss nachschauen, von welcher Firma ich Ihnen das Medikament geben darf‘.“

Gabelmann würde das Gesundheitssystem am liebsten auf völlig neue Füße stellen. „Die Rabattverträge würde ich komplett abschaffen und eine Positivliste einführen. Es ist niemanden verständlich zu machen, warum es zum Beispiel ASS von 20 verschiedenen Firmen geben muss.“ Auch den Versandhandel aus dem Ausland mit Rx-Medikamenten will sie verbieten. Bleibe er legal, seien die Folgen dramatisch. „Dann werden vor allem die Apotheken auf dem Land schließen müssen. Die Konkurrenz aus dem Internet ist viel zu groß.“ Der Politik stelle sich nur eine Alternative: „Will ich dem Versandhandel komplett die Macht überlassen oder sehe ich es als staatliche Aufgabe, das Gesundheitswesen zu sichern?“

Ihren Berufsstand rät Gabelmann zu mehr Initiative: „Die gesamte Apothekerschaft hat versucht, nach den Reformen im jeweils neuen Rahmen irgendwie zu funktionieren. Sie hat viel zu wenig Widerstand geleistet.“ Jetzt werde es umso schwerer, die Auswirkungen des Versandhandels abzuwenden.

Mit solchen Aussagen dürfte Gabelmann in Zukunft ebenso auf Zustimmung bei den Apothekern stoßen wie bisher Vogler. Die Gesundheitspolitikerin war in den letzten Jahren häufiger und gern gesehener Gast bei den Podiumsdiskussionen des Deutschen Apothekertags (DAT) und bei anderen Gelegenheiten.

Mit ihren Bekenntnissen zum Apothekenberuf, der verbalen Unterstützung für die ABDA-Forderungen nach steigendem Honorar, Mitsprache beim Medikationsmanagement und zuletzt der Unterstützung für ein Rx-Versandverbot heimste Vogler regelmäßig großen Beifall von den Apothekern ein. Politisch durchsetzen konnte sich Vogler als Oppositionspolitikern damit naturgemäß nicht.

Demnächst dürften also Gabelmann die Sympathien der Apothekerschaft zufliegen. Vielleicht noch mehr: Denn rein rechnerisch gibt es im neuen Bundestag möglicherweise sogar eine Mehrheit für ein Rx-Versandverbot. Union und Linken fehlen gut 30 Stimmen für ein Ja. Wer weiß, ob sich bei einer offen Abstimmung nicht doch noch eine Sachkoalition pro Versandverbot zusammenfindet.

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