DAV-Wirtschaftsforum

Apothekensterben ist Systemrisiko

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Berlin -

Die Gesundheitswirtschaft wird stets als Kostenfaktor gesehen. Dr. Andrea Zimmermann, Head of Scientific Dialogue beim WifOR Institute, appellierte auf dem DAV-Wirtschaftsforum, Gesundheit als als Investition zu sehen. Ein Investment in Produktivität, Leistungsfähigkeit, gesellschaftliche Stabilität und Resilienz. „Wir sollten den Perspektivwechsel hinbekommen – weg vom Kostenfaktor, sondern hin zu einer der Leitbranchen.“ Eine entscheidende Rolle spielen dabei auch die Apotheken, denn sie tragen maßgeblich zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Für Zimmermann ist klar: Das Spargesetz wird dazu führen, dass das BIP in den nächsten Jahren zurückgehen wird.

Die Gesundheitsbranche schafft Arbeitskräfte und leistet einen Beitrag zum BIP. „Gesundheit ist nicht die Folge von Wohlstand, es ist die Basis für den Wohlstand“, so Zimmermann. Jeder achte Euro, der in Deutschland erwirtschaftet wird, kommt aus der Gesundheitswirtschaft, die zudem knapp acht Millionen Arbeitsplätze sichert. Seit 2016 ist der Sektor mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 4,7 Prozent stärker gewachsen als die Gesamtwirtschaft mit 4 Prozent. Und die Nachfrage steigt aufgrund des demographischen Wandels. „Es braucht Rückendeckung von der Politik, dass die Gesundheitsbranche nicht nur negativ dargestellt wird, sondern als innovativ und wohlstandsschaffend gesehen wird.“

Die Apotheken als Teil der Gesundheitswirtschaft stehen vor zahlreichen aktuellen Herausforderungen. Dazu gehören:

  • Apothekenrückgang und Marktkonsolidierung
  • anhaltende Unterfinanzierung
  • zunehmende Konkurrenz durch Drogerien und Versand
  • Fachkräftemangel und sinke Attraktivität des Berufs
  • unklare Rahmenbedingungen
  • hohe regulatorische Anforderungen
  • fehlende Planungssicherheit für Investitionen
  • demographischer Wandel erhöht Versorgungsbedarf
  • Erwartung an mehr Prävention und Beratung
  • Rolle der Apotheke als erste Anlaufstelle wächst

„Prävention ist eine Chance für die Apotheken, wenn man sie lässt und die Rahmenbedingungen schafft“, so Zimmermann.

Gesundheitswirtschaft größer als Automobilbranche

Zur Gesundheitswirtschaft gehören die medizinische Versorgung (Arztpraxen, Krankenhäuser, Pflege), die industrielle Gesundheitsbranche und weitere Teilbereiche, zu denen die Apotheken gehören. 12,4 Prozent des BIP kommen aus der Gesundheitswirtschaft. „Die Gesundheitswirtschaft ist wichtig für das Wirtschaftswachstum in Deutschland“, macht Zimmermann deutlich. „Die Pläne des Spargesetzes werden dazu führen, dass das BIP in den nächsten Jahren zurückgeht“, ist Zimmermann sicher. Die Kostenbrille wiege so groß und so schwer, dass die ökonomischen Effekte nicht gesehen werden.

Die Wertschöpfung liegt bei knapp 500 Milliarden Euro. Hinzu kommen 242,1 Milliarden Euro Ausstrahlungseffekte. „Mit jedem Euro Bruttowertschöpfung in der Gesundheitswirtschaft waren weitere 0,82 Euro in der gesamten Volkswirtschaft im Jahr 2025 verbunden.“ Zwei Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft sichern einen Arbeitsplatz in anderen Branchen.

Apotheken allein leisten einen Beitrag von 6,4 Milliarden Euro zum BIP. Mit jedem Euro Bruttowertschöpfung durch die Apotheken wird sogar ein weiterer Euro in der gesamten Volkswirtschaft im Jahr 2025 verbunden. Apotheken sichern die wohnortnahe Versorgung und tragen damit zu Gesundheit und Produktivität bei.

„Krankheit bremst uns aus“, so Zimmermann. „Wir müssen verstehen, wie wichtig der Gesundheitssektor für den Arbeits- und WIrstchaftstandort Deutschland ist.“ Eine Investition in Gesundheit ist für Zimmermann ein Konjunkturprogramm.

Apotheken bieten einen niedrigschwelligen Zugang, sind Vertrauensorte im Alltag und leisten einen Beitrag zur Gesundheitskompetenz. Zudem sind Apotheken starke regionale Arbeitgeber, sichern qualifizierte Arbeitsplätze vor Ort und sind Teil regionaler Infrastruktur.

Apothekensterben ist ein Systemrisiko

Den Rückgang der Apothekenzahlen bezeichnete Zimmermann daher als ein „Systemrisiko“ für die Gesundheitsversorgung mit Folgen für Zugang und Versorgungsqualität. Denn durch den Rückgang nehmen Versorgungslücken zu, andere Versorgungsbereiche werden stärker belastet, weil sie Beratungsfunktionen übernehmen müssen, und Fehlmedikationen nehmen zu. Hinzukommen sozialpolitische Auswirkungen und ein stärkeres Ungleichgewicht beim Zugang zur Versorgung. Betroffen sind vor allem ältere Menschen, Mobilitätseingeschränkte und Menschen in strukturschwachen Regionen. Zimmermann fürchtet zudem einen Strukturwandel im Apothekenmarkt mit einem Rückgang unabhängiger Einzelapotheken, die Zunahme von Filialverbünden und eine wachsende Bedeutung von Versandapotheken.

Prävention muss Hebel sein

„Prävention ist kein Nice-to-have mehr. Sie ist eine strategische Notwendigkeit.“ Die Stärkung der Prävention muss zu einer zentralen Säule der Gesundheitspolitik im 21. Jahrhundert werden. Die Investiotion in Prävention ist nicht nur ein Invest in Gesundheit, sondern in Wohlstand und Wirtschaft.

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