Kommt das Spargesetz, ohne dass die versprochene Anhebung des Fixums umgesetzt wird, könnte es für viele Apotheken brenzlig werden. Wie Dr. Sebastian Schwintek, Generalbevollmächtigter der Treuhand Hannover, im APOTHEKE LIVE vorrechnete, könnten deutlich mehr Betriebe finanziell in einen kritischen Bereich rutschen.
Bereits heute haben laut Schwintek 6,9 Prozent aller Apotheken ein negatives Betriebsergebnis, weitere 26 Prozent erwirtschaften weniger als 100.000 Euro. Diese Anteile könnten durch die Erhöhung des Kassenabschlag von 1,77 auf 2,07 Euro noch einmal steigen: Laut Treuhand-Rechnung wären dann 7,5 Prozent der Apotheken defizitär, die Zahl der ertragsschwachen Betriebe könnte auf 29 Prozent steigen. In Summe wären dann knapp 37 Prozent der Apotheken im kritischen Bereich, aktuell ist es ein Drittel.
Seiner Analyse nach hat das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz gleich mehrere direkte Auswirkungen für die Apotheken. Der erhöhte Kassenabschlag schlägt demnach im Durchschnitt mit 10.300 Euro negativ auf das Betriebsergebnis durch. Hinzu kommen einige kleinere Positionen:
Damit ergibt sich für jede Apotheke eine durchschnittliche Belastung von rund 14.000 Euro. Die ohnehin schon prekäre wirtschaftliche Lage vieler Apotheken würde sich durch die im Spargesetz vorgesehenen Maßnahmen also deutlich verschärfen. „Anhand der Betriebsergebnisse sehen wir, dass sich die Art der Betriebe deutlich verändert hat. Es braucht dringend eine Stärkung.“
Die ließe sich schon erreichen, wenn man das Fixum wie versprochen auf 9,50 Euro anhebe und die mit der Apothekenreform geplante Verdopplung der Notdienstpauschale umsetze. Laut Treuhand-Rechnung würde durch beide Maßnahmen der Anteil der defizitären Betriebe auf 2,8 Prozent und der Anteil der ertragsschwachen Apotheken auf 13 Prozent sinken. Dann würde auch das Spargesetz weniger hart durchschlagen: Selbst wenn dann der Kassenabschlag tatsächlich um 30 Cent brutto erhöht würde, wären es noch 3,1 beziehungsweise 15 Prozent.
Angesichts der zeitlichen Verzögerungen müssten auch aktuelle Kostensteigerungen, die inzwischen dazugekommen seien, berücksichtigt werden. Die Belastung durch Mehrkosten aus Tarifsteigerung, Mindestlohnerhöhung & Co. liege bereits bei aktuell rund 1800 Euro für jede Apotheke. Viele Apotheken hätten auch schon alle Effizienzreserven gehoben; man müsse sich vor Augen führen, dass beispielsweise auch digitale Tools nicht umsonst seien.
Generell haben laut Schwintek immer weniger Betriebe ein positives Betriebsergebnis, betroffen seien sowohl Haupt- als auch Filialapotheken. Er rechnete vor: Der Umsatz sei seit 2013 um 109 Prozent gestiegen, der Rohgewinn habe nur um 58 Prozent zugelegt. Gleichzeitig seien die Betriebskosten um 71 Prozent gewachsen, sodass das Betriebsergebnis nur um 21 Prozent gewachsen sei. Und dabei müsse man auch noch berücksichtigen, dass jede fünfte Apotheke verschwunden sei. Zum Vergleich: Die Grundlohnsumme hat sich laut Schwintek im selben Zeitraum um 44 Prozent erhöht, der Verbraucherpreisindex um 31 Prozent.
Da bislang keine Besserung abzusehen sei, müssten die Inhaberinnen und Inhaber stets überlegen, ob und wie die Apotheke weiterbetrieben werden könne. Viele hätten mit Bekanntgabe des Koalitionsvertrages Hoffnungen beziehungsweise große Erwartungen. Würden die darin verankerten Vorhaben nicht eingehalten, dürfte die häufig zitierte Schließungswelle weiter Fahrt aufnehmen – bis hin zu rund 10 Prozent Apotheken weniger.
Man dürfe sich in der Diskussion auch nicht nur auf vermeintlich kleine, ärmere Landapotheken fokussieren, sondern müsse auch andere Betriebe im Blick behalten. „Es gibt die Perspektive, noch zu investieren, doch die Unsicherheit ist da.“ Dies sei ein großes Hemmnis für viele Apotheken. Noch gebe es Hoffnung, dass die Ministerin die versprochene Stärkung der Apotheken umsetze.
Allerdings sieht Schwintek auch schon wieder neue Herausforderungen: Die Verhandlungslösung könne generell sinnvoll sein. Doch bereits jetzt seien gewisse Obergrenzen in Sicht und damit auch ein Manko: Denn wenn die Kosten für Apotheken stärker stiegen als die Grundlohnsumme, bleibe am Ende ein Minus. Die Kassen könnten sich in den Verhandlungen das für sie jeweils günstigere Rechenmodell aussuchen.
In den Zahlen berücksichtigt sind die Zuschläge für Notdienst, Botendienste, pharmazeutische Dienstleistungen (pDL). Nicht enthalten sind dagegen weitere Kostensteigerungen und Wachstumseffekte.